"Dann geht nichts mehr"

TRIER. Mit dem Gutachten des Gerichtsmediziners ist am Mittwoch der Prozess gegen einen Mann aus Nittel (Kreis Trier-Saarburg) fortgesetzt worden. Der 45-Jährige soll seine sieben Jahre jüngere Ehefrau erst vergewaltigt und dann ermordet haben. Der Mann bestreitet die Tat.

Es gibt Tage in einem Mordprozess, die sind nur schwer zu ertragen. Für alle Beteiligten. Der elfte Verhandlungstag im so genannten Nitteler Mordprozess am Mittwoch ist so ein Tag. Auf dem Programm der Ersten Trierer Schwurgerichtskammer steht nur ein einziger Punkt: das Gutachten des Sachverständigen Christian Schyma. Bilder, die starker Tobak sind

Der Mann ist promovierter Arzt, genauer gesagt Rechtsmediziner, und beschäftigt sich an der Uni-Klinik im saarländischen Homburg von Berufs wegen mit Toten. Denen versucht Schyma, das letzte Geheimnis zu entlocken - die Ursache ihres Ablebens. Dazu werden die Leichen obduziert. Schyma kann aus Toten vieles "herauslesen", etwa, woran und wann sie gestorben sind oder woher mögliche Verletzungen kommen. Bei der Untersuchung von Michaela B.s Leiche haben sich Schyma und ein Kollege besonders viel Zeit gelassen. "Zwei Stunden dauert eine normale Obduktion", sagt der Mediziner, "hier haben wir acht Stunden gebraucht." Schon allein deshalb, weil es bei einem Kapitalverbrechen, speziell bei einem Indizienprozess, auf jede noch so kleine Spur ankommen kann. Die Pathologen lassen bei ihrer Untersuchung nichts aus, sogar winzige Hautverfärbungen oder -veränderungen werden fotografiert, analysiert und gedeutet. Sisyphusarbeit. Die Bilder, die Christian Schyma während der Erläuterung zeigt, sind für Nicht-Mediziner starker Tobak. Gottlob können die Zuschauer im immer noch voll besetzten Gerichtssaal die Aufnahmen nicht sehen. Michaela B. wurde von ihrem Mörder grauenhaft zugerichtet. "Ihr Schädel", sagt Schyma, "war völlig zertrümmert." Todesursache aber war akutes Herzversagen. Wegen der zahlreichen Schläge auf den Kopf (mit einem nach wie vor unbekannten Gegenstand) verlor die Frau vermutlich rasch das Bewusstsein, die Reflexe setzten aus, und sie aspirierte Speisebrei. "Dann geht nichts mehr", sagt der Mediziner. Als bekannt wird, dass Schyma den präparierten Schädel des Opfers mit in den Gerichtssaal gebracht hat, geht ein Raunen durch die Zuschauerreihen. "Ein außergewöhnliches, aber nicht unübliches Verfahren zur Beweis- und Spurensicherung", sagt der Pathologe. Michaela B. wurde vorerst ohne Kopf beerdigt. Erst, wenn es ein rechtskräftiges Urteil gibt, kann auch der Schädel bestattet werden. Die Verhandlung wird heute fortgesetzt. Auf Antrag von Verteidiger Otmar Schaffarczyk soll der elfjährige Sohn des Angeklagten und der Ermordeten als Zeuge gehört werden.