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"Das Dritte Reich vor der eigenen Haustür"

"Das Dritte Reich vor der eigenen Haustür"

Der Historiker Christof Krieger hält derzeit eine Vortragsreihe über die frühe Entwicklung des Nationalsozialismus in Enkirch. Im TV-Interview stellt er klar, dass es ihm nicht darum geht, den Ort schlechtzureden, sondern dass er das historische Geschehen an einem Beispiel darstellen will.

Traben-Trarbach. Heute vor 80 Jahren kam Hitler an die Macht. Der Jahrestag war für Christof Krieger Anlass für eine Vortragsreihe. TV-Redakteurin Marion Maier hat ihn dazu befragt.
Sie halten derzeit die Vortragsreihe "Enkirch - die Keimzelle des Nationalsozialismus an der Mittelmosel". Wie kamen Sie darauf?
Christof Krieger: Ich bin im Zuge meiner Abschlussarbeit an der Universität Trier über die Weinbaupolitik des Dritten Reiches auf zahlreiche Dokumente gestoßen, die ein recht detailliertes Bild der Anfänge der Hitlerpartei gerade in Enkirch vermitteln. Schnell wurde klar, dass der beschauliche Ort eines der frühesten Einfallstore der Nationalsozialisten in der Region gewesen ist. Die Formulierung von Enkirch als ‚Keimzelle des Nationalsozialismus an der Mittelmosel‘ ist ein zeitgenössischer Terminus aus der Zeit des Dritten Reiches.

Welches Ziel verfolgen Sie mit dieser Reihe?
Krieger: Meine rückblickend vielleicht etwas naive Vorstellung war, dass man gerade in einer Zeit, wo alle unmittelbaren Protagonisten nicht mehr am Leben sind, dieses dunkle Kapitel der Heimatgeschichte mit einer gewissen Unbefangenheit ansprechen könnte. Das Dritte Reich war nicht etwas, das ausschließlich im fernen Berlin oder später in den Vernichtungslagern Osteuropas stattfand, sondern sich auch vor der eigenen Haustür abgespielt hat.

Ist Enkirch nicht zufällig zur ,Keimzelle\' geworden? Wie sah es ansonsten mit dem Nationalsozialismus in der Region aus?
Krieger: Zunächst war es durchaus ein Zufall, dass einer der frühesten Funktionäre der Hitlerpartei aus Neuwied ausgerechnet mit einer Winzertochter aus Enkirch verheiratet war und bereits 1928 mit seiner politischen Agitation dort begonnen hat. Als fast rein evangelische Gemeinde, in der im Gegensatz zu den katholischen Orten die Zentrumspartei nicht verankert war, wäre Enkirch allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit spätestens im Jahr darauf zum Einfallstor für den Nationalsozialismus geworden. Denn das, was in Enkirch geschehen ist, hat sich mit einer gewissen Zeitverzögerung in fast allen evangelischen Orten der Mosel wiederholt.

Wie haben sich die Menschen in den katholischen Orten verhalten?
Krieger: Auch die katholischen Orte können sich keineswegs ausnahmslos freisprechen. In Ürzig, wo 1930 die erste Ortsgruppe der Hitlerpartei im Kreis Wittlich gegründet wurde, hat man später ebenfalls für sich gerne in Anspruch genommen, ‚eine nationalsozialistische Keimzelle an der Mosel‘ gewesen zu sein.

Gab es nicht auch Widerstand gegen die Nazis in Enkirch?
Krieger: Nachdem die NSDAP in Enkirch schon 1930 annähernd 60 Prozent der Wählerstimmen erhalten hatte, wagte im Ort selbst offenkundig niemand mehr öffentlich Kritik zu äußern. Widerstand regte sich vor allem im Umland, allen voran in Traben-Trarbach, wo eine relativ starke Ortsgruppe der SPD bestand.

Wie haben die Menschen auf Ihre Vorträge reagiert?
Krieger: Ich bin vielfach von Leuten angesprochen worden, die mir ihre Anerkennung ausgesprochen haben, eine solche Thematik wissenschaftlich aufzuarbeiten und öffentlich zu präsentieren. Einige fanden es sogar mutig, dass ich das wohl dunkelste Kapitel deutscher Geschichte ausgerechnet am Beispiel einer der frühesten Hochburgen der Region aufgegriffen habe.

Gab es negative Reaktionen?
Krieger: Kritik wurde an mich bezeichnenderweise ausschließlich über Dritte herangetragen. ‚Jetzt, wo alle Beteiligten ohnehin gestorben sind, solle man daran nicht mehr rühren‘, sollen vor allem ältere Enkircher gesagt haben. Darüber hinaus hat sich wohl, auch durch Fotos in der Presse, eine rege Diskussion darüber entwickelt, wessen Vater oder Großvater nun ‚mit dabei‘ gewesen ist. Überdies wurde mir vorgeworfen, mit der öffentlichen Denunziation Enkirchs als einstiger Hochburg der Hitlerpartei Neonazis auf den Plan zu rufen. Es war sogar von einer ‚Hetzkampagne‘ gegen Enkirch die Rede.

Was sagen Sie zu dieser Kritik?
Krieger: Insbesondere der letzte Vorwurf hat mich betroffen gemacht. Gründlicher kann man meine Intentionen wohl nicht missverstehen. Es geht mir allein um eine exemplarische Darstellung des historischen Geschehens. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass ich auf die Nennung jeglicher Namen der frühen Enkircher NSDAP-Mitglieder verzichtet habe.

Warum keine Namen?
Krieger: Ich finde, dass eine damit möglicherweise zusätzlich in Gang gesetzte Diskussion, die sich allein darin erschöpft, wer und welche Familie nun unmittelbar in das damalige Geschehen involviert war, zu kurz greift, um dem Phänomen des Nationalsozialismus gerecht zu werden. Dass diejenigen, deren Väter und Großväter frühzeitig der NSDAP angehörten (und deren Nachkommen das in aller Regel wissen), in besonderer Weise verpflichtet sind, sich mit dem damaligen Geschehen auseinanderzusetzen, versteht sich von selbst.

Betrifft Sie das auch?
Krieger: Ja, diese Verpflichtung besteht durchaus bei mir persönlich. Mein 1973 verstorbener Großvater war bereits 1931 der Partei beigetreten. Von 1932 bis 1945 hat er in Wolf sogar das Amt eines Stützpunkt- beziehungsweise Ortsgruppenleiters ausgeübt.Extra

Christof Krieger ist Leiter des Mittelmoselmuseums in Traben-Trarbach und Vorsitzender des Arbeitskreises für Heimatkunde Traben-Trarbach. Er wurde 1971 in der Doppelstadt geboren und hat bis 2002 in Gießen und Trier Geschichte, Germanistik und Philosophie studiert. mai