Das Ende des Fichtenwalds

Hunderte Lämmer und Kälbchen sind durch einen neuen Virus verendet, Fichten haben in Rheinland-Pfalz keine Zukunft und die Gefahr, sich bei einem Zeckenbiss zu infizieren, steigt. Viele regionale Folgen des Klimawandels sind negativ. Es gibt aber auch Gewinner. Ein Überblick.

Trier/Daun/Wittlich. Flirrende Hitze und das nicht enden wollende Zirpen der Grillen liegen über dem Moseltal. Gut getarnt wartet eine Gottesanbeterin auf Beute, während ein Winzer seine Rebstöcke inspiziert. Er nickt zufrieden. Die dunkelblauen Trauben gedeihen prächtig.
Schon jetzt gibt es im warmen Raum Trier Gottesanbeterinnen. Schon jetzt wird stellenweise Rotwein angebaut. Doch rechnet das rheinland-pfälzische Kompetenzzentrum für Klimawandelfolgen damit, dass es beides künftig öfter geben wird. Und dass sich auch sonst einiges wandelt. Die Wissenschaftler bündeln in Trippstadt bereits gewonnene Erkenntnisse zum Klimawandel und erforschen, wie er sich in Rheinland-Pfalz auf Natur und Landschaft, Ökonomie oder Gesundheit auswirken könnte. Folgende Entwicklungen erwarten sie:
Neue Schädlinge und Krankheiten werden Probleme bereiten. Wie gravierend die für Bauern und ihre Tiere sein können, hat der Schmallenberg-Virus gezeigt, der von Stechmücken übertragen wird (siehe Extra). Auch Forstwirte fürchten den Klimawandel - können Borkenkäfer nun doch drei statt zwei Generationen pro Jahr erzeugen, während der Eichenprachtkäfer sich über von Trockenheit geschwächte Eichen hermacht. Das Umweltministerium weist zudem darauf hin, dass sich Pflanzenschädlinge wie die Rübenmotte oder die Lauchminiermotte durch die Klimaerwärmung ausbreiten.
Für den Menschen gefährlich werden könnte die Tatsache, dass auch Mäuse sich öfter vermehren. Denn dies führt dazu, dass es auch immer mehr Zecken gibt, die Borreliose und andere Krankheiten übertragen: Seit vergangenem Sommer haben sich in Rheinland-Pfalz mindestens 2600 Menschen infiziert. 20 bis 30 Prozent der Zecken sind Experten zufolge verseucht. Die Wärme begünstigt auch die Verbreitung des giftigen Eichenprozessionsspinners, der bisher nur im südlichen Rheinland-Pfalz vorkommt. Die Raupen dieses Schmetterlings haben Gifthaare, die beim Menschen zu gefährlichen allergischen Reaktionen führen können. Die zunehmende Schwüle und Hitze könnten zu Kreislaufproblemen führen.
Die Wälder werden sich verändern. Denn der Klimawandel macht auch den Bäumen zu schaffen. Nicht nur wegen der sich ausbreitenden Schädlinge, sondern auch wegen der Trockenheit: So hat die (ohnehin nicht heimische) flach wurzelnde Fichte in Rheinland-Pfalz wenig Zukunft. "Bis Ende des Jahrhunderts wird es sie nur noch in den höheren Lagen geben", sagt Ulrich Matthes vom Trippstädter Klimazentrum. An ihre Stelle könnten Eiche, Kiefer, Edelkastanie, Speierling oder Elsbeere treten. Auch die Buche hat es in warmen Tallagen zunehmend schwer.
Wein- und Ackerbau werden den Klimawandel ebenfalls spüren, da öfter mit Hitze, Trockenheit oder Unwettern zu rechnen ist. Das muss jedoch nicht nur negativ sein.
Die Winzer waren mit der Entwicklung bisher sogar zufrieden. Falls es zu warm wird, könnte die Qualität des Rieslings allerdings sinken. Eine Möglichkeit wäre es dann, auf anspruchsvollere rote Trauben wie Merlot, Cabernet Sauvignon oder Syrah umzusteigen, die künftig hier gedeihen dürften. Eine andere, den Riesling in kühleren Lagen anzubauen. Beim Ackerbau gehören laut Matthes Getreide, Kartoffeln und Zuckerrüben zu den Verlierern, während, Mais, Sojabohne oder Sonnenblume profitieren. Für das Dauergrünland ist der Wandel einerseits positiv, da durch die längere Vegetationsphase mehr Schnitte möglich sind. Allerdings könnte Trockenheit zum Problem werden.
Wie sich der Klimawandel auf die heimische Wirtschaft oder den Tourismus auswirkt, das untersuchen die Trippstädter Forscher noch.Extra

Eine mysteriöse Tierkrankheit hat seit dem vergangenen Winter in rheinland-pfälzischen Tierbeständen gewütet: In 105 Betrieben kamen Kälbchen und Lämmer verkrüppelt zur Welt. 43 dieser Betriebe liegen in der Region Trier - die meisten im Eifelkreis Bitburg-Prüm (20) und im Kreis Trier-Saarburg (zwölf). Manche Betriebe haben nur einzelne Tiere verloren, in anderen starben bis zu 30 Prozent der Jungtiere. Ursache der Missbildungen ist ein neues Virus, das Schmallenberg-Virus, welches das Friedrich-Loeffler-Institut (Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit) erst im vergangenen November entdeckt hat. Die Forscher gehen davon aus, dass der Klimawandel für das Auftreten der hier bisher unbekannten Krankheit verantwortlich sein könnte. Nach Angaben des Forschungsinstituts sind ähnliche Viren bisher aus Afrika, Asien und Australien bekannt. Übertragen werden sie von kleinen Stechmücken - den Gnitzen, die wegen des Klimawandels hier nun bessere Lebensbedingungen vorfinden. Auch in anderen EU-Ländern hat sich das Virus ausgebreitet. Einen Impfstoff soll es erst 2014 geben. kah