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"Das ist für mich ein Notruf"

"Das ist für mich ein Notruf"

Die Beamten im Dienst des Polizeipräsidiums Trier sind überdurchschnittlich alt und besonders oft krank. Für die Gesunden steigt dadurch die Arbeitsbelastung. Im Wechselschichtdienst ist sie so hoch, dass nicht nur die Gewerkschaft, sondern auch ein ganz normaler Polizist sich nun an die Öffentlichkeit wendet.

Auf einer Landstraße, die sich weit von der nächsten Stadt entfernt durch Weiden, Wiesen und Wälder windet, hat es gekracht. Nur ein Blechschaden. Aber darüber, wer die Schuld an dem nächtlichen Unfall trägt, sind sich die Autofahrer alles andere als einig. Sie rufen die Polizei. Und 45 Minuten später warten sie noch immer...

"Wenn die einzige Streife gerade zu einem Einbruch oder zu einem schwereren Unfall raus muss, kann das schon mal passieren", sagt Josef Schumacher von der Trierer Bezirksgruppe der Polizeigewerkschaft. Die einzige Streife? Gibt es also in der Eifel, an der Mosel oder im Hunsrück Polizeiinspektionen, für die nur eine Streife unterwegs ist?

Das Polizeipräsidium äußert sich "aus taktischen Gründen" nicht zu den Personalstärken einzelner Dienststellen. Allerdings hat das Innenministerium diese auf Anfrage der CDU herausgerückt (siehe Extra). Im Gespräch mit Schumacher wird deutlich, dass die kleinen Dienststellen es aus eigener Kraft kaum schaffen würden, selbst diese eine Streife rund um die Uhr zur Verfügung zu stellen. "Durch die hohe Zahl der nur eingeschränkt dienstfähigen Kollegen, kann man die nötige Personalstärke oft nicht erreichen", sagt Schumacher.

Fast ein Fünftel der aktuell 1104 Beamten des Polizeipräsidiums Trier ist aus gesundheitlichen Gründen nicht voll einsatzfähig. Insbesondere die Nachtschicht ist für viele tabu - und wird für die Dienststellen so zur organisatorischen Herausforderung. Eine Lösung liegt darin, Rotationskräfte der Bereitschaftspolizei anzufordern, die dann für einen gewissen Zeitraum in der Dienststelle aushelfen. Eine andere und sehr häufig praktizierte Lösung ist es offenbar, Polizisten heranzuziehen, die in anderen Schichten tätig sind. Laut Gewerkschaft gab es 2013 landesweit 9000 solcher Springerdienste. Alleine im Bereich des Präsidiums Trier sollen es 3500 gewesen sein. "Die Kollegen haben dann keine Erholungsphase", betont Schumacher. Der Gewerkschaftssprecher fürchtet, dass sich die Zahl der kranken und nur eingeschränkt dienstfähigen Kollegen auf diesem Weg noch erhöhen wird. "Das ist eine Belastung für die Familie ", sagt auch Hans Jörg Krames, der als Polizeibeamter in Bernkastel-Kues tätig ist. Er sehe seine Frau, die als Krankenschwester wie er im Schichtdienst arbeite, oft nur zwischen Tür und Angel. Auch Verabredungen zu treffen, sei schwierig. "Es gibt keine Beständigkeit im Dienstplan. Wir müssen immer Lücken füllen", erklärt der Familienvater.

Krames liebt seinen Beruf. Freund und Helfer will er sein. "Aber dafür muss ich auch die Gelegenheit haben, vor Ort zu sein." Inzwischen sei es für die Leute aber schon ungewöhnlich, wenn sie mal eine Streife durchs Dorf fahren sehen. Die Polizei sei einfach nicht mehr präsent genug. Dass Krames sich trotz seines Beamtenstatus' öffentlich so kritisch über die Personalsituation äußert, ist ungewöhnlich. "Das ist für mich ein Notruf", erklärt er. Seit 34 Jahren sei er im Dienst. Doch so wie jetzt habe er das noch nie erlebt.

Eine Aussicht auf mehr Personal gibt es nicht. Im Gegenteil. SPD und Grüne haben sich 2011 darauf geeinigt, die Zahl der rheinland-pfälzischen Polizisten bis 2016 von 9360 auf 9014 zu senken. Der Gewerkschaft zufolge geht es dabei allerdings nicht um Vollzeitstellen, sondern um Köpfe. Die Zahl der sogenannten Vollzeitäquivalente liegt laut Schumacher bei nur 8800. So sehr er sich den Erhalt der kleinen Dienststellen gewünscht habe - das passe einfach nicht zusammen. "Wenn man die Inspektionen in der Fläche erhalten will, muss man auch dafür sorgen, dass ausreichend Personal da ist", sagt Schumacher. Aus dem Polizeipräsidium Trier heißt es, die Personalstärke solle "weitgehend auf dem bisherigen Niveau gehalten werden". Eine Lösung, die Krames und seinen Kollegen im Wechselschichtdienst dauerhaft und grundlegend hilft, scheint jedoch nicht in Sicht.Meinung

Bedenklicher Sparkurs
Es ist klar: Das Land muss sparen. Es ist logisch: Das tut irgendwem weh. Und es ist normal: Der, den es trifft, wird jammern. Da überall gespart werden muss, ist Jammern zu einer Art Volkssport geworden. Und Gewerkschaften jammern sogar professionell. Man neigt also dazu, nicht mehr so genau hinzuhören. Im Falle der Polizisten sprechen allerdings Fakten dafür, dass die Klagen berechtigt sind. Die Statistiken zeigen, dass ein Fünftel der beim Trierer Präsidium beschäftigten Beamten aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr voll einsatzfähig ist. Zudem sind immer mehr Polizisten immer länger krank. Und der Schluss, dass dies nicht nur mit der zuweilen nervenaufreibenden Polizeiarbeit, sondern auch mit der schlechten Personalausstattung zu tun hat, liegt nah. Das Land spart auf Kosten der Gesundheit seiner Polizisten. Es spart auf Kosten der Sicherheit seiner Bürger. Und an einer Aufgabe, die - anders als der Aufbau von Energieagenturen, das Fördern von Flughäfen, die Finanzierung von Fußballclubs und das Versenken von Steurmillionen in überdimensionierten Vergnügungsparks - zu den Grundaufgaben zählt. Das ist ein bedenklicher Sparkurs. k.hammermann@volksfreund.deExtra

Die Antwort auf eine Anfrage der CDU im Landtag zeigt, dass die Beamten beim Präsidium Trier älter sind und mehr gesundheitliche Probleme haben als jene anderer Präsidien:
Alt: Die Polizisten des Polizeipräsidiums Trier sind im Schnitt 50,8 Jahre alt (Stand 2013). Der Landesschnitt liegt bei 45,8 Jahren. Auch die im anstrengenden Wechselschichtdienst beschäftigten Beamten sind mit gemittelt 49,3 Jahren deutlich älter als ihre Kollegen andernorts. Zum Vergleich: In Mainz liegt das Durchschnittsalter bei nur 36,8 Jahren.
Krank: Seit 2007 ist die Zahl der Fehltage im Präsidium Trier erheblich gestiegen: von 25 600 auf 33 300 im Jahr 2012. Je Mitarbeiter ist die Zahl der jährlichen Fehltage im gleichen Zeitraum von rund 19 auf 25 gestiegen. Damit liegt der Prozentsatz der Fehltage (bezogen auf 250 Arbeitstage) 2012 bei fast zehn Prozent. Kein anderes Präsidium erreicht einen prozentual höheren Krankenstand.
Nicht voll dienstfähig: Nicht nur das Alter, auch die Zahl der eingeschränkt dienstfähigen Kollegen ist überdurchschnittlich hoch: 2013 gab es in der Region vier dienstunfähige und 215 eingeschränkt dienstfähige Beamte. Obwohl das Präsidium das zweitkleinste des Landes ist, erreicht es damit die zweithöchste Zahl. kahExtra

 Hans Jörg Krames.
Hans Jörg Krames. Foto: Katharina Hammermann

Wie viele Polizisten dem Wechselschichtdienst der Polizeiinspektionen (PI) zugeordnet sind, zeigt die Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage der CDU. Die Zahlen aus dem Jahr 2013 beziehen sich auf Köpfe, nicht auf Vollzeitstellen. Mit dieser Kopfzahl gilt es, in Urlaubszeiten oder bei Krankheitsfällen alle Schichten zu bestreiten. Auch dann, wenn aus gesundheitlichen Gründen nicht alle Kollegen einsetzbar sind. PI Hermeskeil: 26 PI Morbach: 25 PI Saarburg: 31 PI Konz: 11, PI Schweich: 38 PI Trier: 88 Polizeiwache (PW) Innenstadt: 14 PI Bernkastel-Kues: 27 PI Bitburg: 48 PI Daun: 32 PW Gerolstein: 7 PI Prüm: 32 PI Wittlich: 35 PW Traben-Trarbach: 3.