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"Das werden wir gemeinsam lösen"

"Das werden wir gemeinsam lösen"

Ob Sprachprobleme oder fehlender Schulabschluss: Jeder Flüchtling braucht andere Unterstützung, um im deutschen Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können. Arbeitsagentur und Kammern in der Region bieten offensiv eine Vermittlung an.

Als Ali Hussaini erzählt, warum er aus Afghanistan geflüchtet ist, ist schnell klar: Als IT-Spezialist bei einer Militärakademie in seiner Heimat schwebte er ständig in Gefahr, sein Leben zu verlieren. "Das Erste, was mich in Deutschland beeindruckt hat, war, dass ich auf einmal keine Angst mehr haben musste", sagt er gerührt.

Und man merkt ihm an, dass er auch heute noch, ein Jahr nach seiner Flucht, das Geschehene noch nicht verarbeitet hat. Dass sein Wissen um Computer, Programmierung, Elektronik und Eletrotechnik jetzt hier in Deutschland gefragt ist, ist ein Vorteil. Und so sehen Thomas Mersch von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier und Anita Grünter von der Trierer Arbeitsagentur gute Chancen darin, den 26-Jährigen in eine Ausbildung zum Fachinformatiker oder Mechatroniker vermitteln zu können.

Etwas, das für Ali Hussaini Zukunft bedeutet. "Selbst für mich aufkommen zu müssen, das ist mein Ziel", sagt er fest entschlossen und auf Deutsch. Denn das hat er sich selbst übers Multikulturelle Zentrum in Trier und dank eigener Anstrengung mit einem Buch beigebracht.

Dass er mit 40 anderen Flüchtlingen zum Tag der Chancengarantie von Arbeitsagentur Trier, Handwerkskammer IHK gekommen ist, um sich einen individuellen Fahrplan für seine Ausbildung zusammenschneidern zu lassen, ist ein wichtiger Schritt. 100 weitere Flüchtlinge informieren sich parallel über das deutsche Ausbildungssystem. "Wir stehen bei der Vermittlung von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt noch ganz am Anfang", sagt Heribert Wilhelmi, Vorsitzender Geschäftsführer der Trierer Arbeitsagentur.Sprache, Sprache, Sprache

"Doch wenn wir in der Region wettbewerbsfähige Betriebe haben wollen, müssen wir dafür sorgen, genug Fachkräfte zu bekommen", und dazu zählten Flüchtlinge als potenzielle Arbeitnehmer.

"Das werden wir gemeinsam lösen", gibt Jan Glockauer, Hauptgeschäftsführer der IHK Trier, als Devise aus. Dank der Chancengarantie werden nun erstmals systematisch nach vier Phasen und drei Zielgruppen sprachliche und berufliche Orientierung verzahnt und Flüchtlinge bis zum Alter von 35 Jahren mit den Betrieben der Region in Kontakt gebracht. Dazu gibt's wie bei deutschen Jugendlichen eine Berufsorientierung, eine Sprachförderung, eine Vermittlung von Praktika und Ausbildungsplätzen sowie eine Begleitung durch die Ausbildung.

Das zentrale Thema immer wieder: die Sprachkompetenzen. Auch Ali Hussaini muss noch viel Deutsch lernen. Denn weil er bislang in keinem offiziellen Sprach- oder Integrationskurs war, hat er kein Zertifikat, obwohl ihm die Fachleute von Agentur und Kammern eine Kompetenz auf fast Ausbildungsniveau bescheinigen.

Deutsch vermitteln allein in der Stadt Trier zwölf Träger für Sprachkurse. "Wer sich einstufen lässt und in einen Integrationskurs geht, profitiert zunehmend von der Verknüpfung von Sprachkurs und Ausbildung", freut sich etwa Manuela Zeilinger-Trier, Fachbereichsleiterin Deutsch als Fremdsprache und Integration bei der Volkshochschule Trier. Sie verweist auf ein Modellprojekt der berufsbildenden Schulen Trier und Saarburg.

Ziel ist es, dass die Flüchtlinge bei Ausbildungsaufnahme dem Berufsschulunterricht folgen können. "Auch wenn wir mehr Analphabeten beobachten, gibt es wenige Abbrecher. Es ist sogar möglich, innerhalb von zwei Jahren von null auf gutes Ausbildungsniveau in Deutsch zu kommen", weiß Expertin Zeilinger-Trier.

Dass es auch Enttäuschungen gibt, musste Firmenchef Elmar Schlösser vom Sanitär- und Heizungsbauer Dietsch + Greinert (Trier) feststellen. Sein syrischer Langzeitpraktikant hat seine Einstiegsqualifizierung abgebrochen. "Ihn hat der Mut verlassen, weil er sich beim Schnuppern in der Berufsschule dem deutschen Unterrichtsniveau nicht gewachsen fühlte", sagt Schlösser: "Ich muss andererseits ehrlich mir und den Kunden gegenüber sein." Was ihn dennoch nicht davon abhält, nochmals Flüchtlinge zu beschäftigen.

Denn wie bei ihm sehen viele Betriebe in den Flüchtlingen Potenzial: Rund 1000 Praktika, Ausbildungsstellen und Jobs bieten Kammern und Behörden nach eigenen Angaben. "Da helfen Betriebe auch bei der Wohnungssuche und unterstützen bei Behördengängen", sagt Carl-Ludwig Centner von der Handwerkskammer Trier. Parallel würden die Unternehmen informiert darüber, etwa was zu tun sei, wenn eine Ausbildung abgebrochen würde.

Ali Hussaini weiß, dass ihm in Deutschland alle Türen offen stehen. "Ich habe viele Möglichkeiten. Jetzt liegt es an mir, das Beste daraus zu machen."Mehr zum Thema

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