Das zerstörte Gasthaus
Vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 stand den Menschen in Trier und anderswo noch ein harter Kriegswinter bevor. In unserer Serie "Kriegsweihnachten 1944" erzählen Zeitzeugen im Trierischen Volksfreund ihre Erlebnisse zum letzten Weihnachtsfest im Kriegszustand.
Werner Fassbinder, Kellergasse 9, 63654 Büdingen: Beim suchen im Internet stieß ich per Zufall auf den Trierischen Volksfreund. Dabei entdeckte ich auch die Kategorie : Kriegsweinachten 1944 und hier den Beitrag: "Die Flucht aus Trier". Beim lesen dieses Briefes der Frau Else Hubert, (von ihrem Neffen Günter Zimmermann,) über den Fliegerangriff auf Trier und Ruwer, lief es mir eiskalt den Rücken hinunter, ich bekam einen Kloß im Hals und mir kamen die Tränen, (auch jetzt beim schreiben). Ich, Werner Fassbinder, habe mit meinen Eltern und meiner Schwester seit 1937 in Trier-West gewohnt. Mein Vater war im Krieg. Als gegen Ende 1944 die Stadt Trier von einem auf den anderen Tag geräumt werden musste, ich war noch keine 17, meine Schwester war gerade 5 Jahre jünger, wurde in aller Eile das Notwendigste eingepackt und mit einem Handwagen zum Bahnhof Trier West gebracht, wo auch ein Zug bereitstand. Als meine Mutter mit meiner Schwester einstieg und ich als nächster einsteigen wollte, hielt mich ein uniformierter von der Partei fest und fragte mich: Du bist doch in der H.J. ? Ich antwortete mit ja und damit durfte, ( musste ) ich also in Trier bleiben. Ich hatte gerade mal 1 ½ Jahre als Autoelektrikerlehrling im Bosch-Dienst Jakob Weiler gearbeitet, war Mitglied in der Motor -HJ und wurde daraufhin nach Ruwer verbracht, wo ich auch noch etliche Bekannte vorfand. Wir wurden dort in der Schule untergebracht und zur Arbeit mussten wir nach Kenn laufen. Dort, etwa 100 mtr. vom Bahnhof entfernt, stand eine Wellblech - Halle, in der eine Werkstatt eingerichtet war. Am 24. Dezember beobachteten wir von dort aus die Angriffe auf Trier und Ruwer. Ich spreche jetzt nur von mir, da ich nicht mehr weiß was die Anderen dann taten. Ich weiß nur, dass ich am späten Nachmittag nach Ruwer ging, da wir uns am Abend in unserer Speisewirtschaft, (in der Ruwererstraße in Richtung Trier, auf der rechten Seite) zur Weihnachtsfeier treffen wollten. Als ich über die, damals noch vorhandenen Schienen ging, sah ich, dass das große Gasthaus gegenüber nur noch ein Trümmerhaufen war und zahlreiche Leute darin mit Schaufeln, oder mit bloßen Händen nach Überlebenden suchten. Ich lief sofort auch dort hin und half mit meinen Händen ebenfalls bei der Suche. Unter dem Gebäude war ein stabiler Gewölbekeller, der als Luftschutzkeller genutzt, voll mit Menschen war, aber auch zum großen Teil eingestürzt war. Wir wühlten uns durch Schutt und Mauerwerk und sobald eine Hand, Fuß, oder sonst ein Körperteil auftauchte, versuchten wir den Puls zu spüren. Wenn kein Puls zu spüren war, gruben wir weiter, um doch noch Lebende zu finden. Ich sehe heute noch die damalige Wirtin, bis zum Unterleib zwischen dicken Steinquadern eingeklemmt, aber bei Bewusstsein. Wie aber sollte man ohne passendes Werkzeug da helfen? Wie und wann ich da wegging weiß ich gar nicht mehr, nur dass wir uns dann später in unserer Wirtschaft, nur etwa 100 mtr. weiter, zu einer sehr bedrückenden Weihnachtsfeier zusammenfanden. In Google Earth kann man die leere Stelle noch sehen, an der damals das Gasthaus stand. Auch bei meinem letzten Besuch in Trier, im April 2007, sah ich diese Baulücke und an jedem Weihnachtsabend muß ich an diese Ereignisse denken. Wir sind später nicht mehr nach Trier zurückgekehrt, meine Mutter war mal da, aber die ehemalige Wohnung in der alten Hornkaserne, ( PI-Stab-Gebäude, hinter der Chr. König Kirche ), war total geplündert. Wir sind damals 1937, von Büdingen - Hessen, nach Trier gezogen und dann nach der "Flucht aus Trier", wieder hier geblieben, schließlich bin ich auch hier geboren. Aber trotz meinem Alter (inzw. 80 Jahre) zieht es mich noch immer mal wieder nach Trier!