Demo vor Trierer Priesterseminar

Mehr Aufklärung gefordert : Demonstranten kritisieren Trierer Bischof

Rund 200 Kirchenleute diskutieren am Donnerstagmittag im Trierer Priesterseminar über die Missbrauchsstudie, während die Opfer vor dem Eingangsportal protestieren.

Vor dem Trierer Priesterseminar ist das Läuten der Kirchturmglocken an diesem Mittag kaum zu hören. Um 12 Uhr übertönt das Rattern von einem halben Dutzend hölzerner Klappern nahezu sämtliche Umgebungsgeräusche. Nur mit Mühe ist der Gesang der vor dem Haupteingang postierten zehn Demonstranten zu verstehen: „Stephan, mauert euch nicht ein, lasst auch die Betroffenen rein.“

Der Adressat, Triers Bischof Stephan Ackermann, tagt derweil mit rund 200 Priestern, Diakonen und Ordensleuten im Innern des in der Innenstadt zwischen Weberbach und Neustraße gelegenen Priesterseminars. Es geht um die im vergangenen September veröffentlichte Studie über den jahrzehntelangen Missbrauch in der katholischen Kirche (siehe Stichwort). An diesem Donnerstagmorgen ist mit dem Heidelberger Professor Andreas Kruse einer der Mitautoren der Studie geladen, um mit den Priestern aus dem Bistum Trier über die Studie zu sprechen.

„Stephan, lass das Mauscheln sein, mach das Tor auf, lass uns rein“, skandieren draußen die zehn Demonstranten. Es sind Mitglieder und Unterstützer der Opferorganisation Missbit – Missbrauchsopfer im Bistum Trier. Die Initiative setzt sich schon seit vielen Jahren dafür ein, dass der innerkirchliche Missbrauchsskandal umfassend aufgearbeitet und aufgeklärt wird, dass Täter bestraft und Opfer entschädigt werden. Wie weit sie mit ihren Forderungen bislang gekommen sind, macht eine andere Strophe deutlich, die das Grüppchen Demonstranten anstimmt: „Den Tätern Schutz und Gottes Segen, die Opfer stehen hier im Regen.“

Eines dieser ehemaligen Opfer ist der Trierer Historiker Thomas Schnitzler. Wie die anderen Protestierer hat auch Schnitzler ein gelbes Plakat um den Hals hängen, auf denen wesentliche Erkenntnisse aus der Missbrauchsstudie kurz und prägnant zusammengefasst sind. Da ist etwa davon die Rede, dass die Aufarbeitung weiter verzögert und verschleppt werde. „Wann wird endlich mal mit den Betroffenen über die Aufarbeitung gesprochen?“, fragt sich Thomas Schnitzler, der auch in den kirchlichen Missbrauchsbeauftragten und Trierer Bischof in diesem Punkt keine Hoffnung mehr setzt: „Ackermann ist eine Enttäuschung.“ „Er ist ein Master of desaster“, bilanziert später die Koblenzer Pastoralreferentin Jutta Lehnert, die ebenfalls unter den Demonstranten steht.

Womöglich hätten dies die Missbit-Frauen und -Männer an diesem Donnerstagmittag dem Bischof gerne auch selbst gesagt. Doch Stephan Ackermann hatte schon im Vorfeld durch seine Sprecherin verkünden lassen, dass er sich bei den Demonstranten nicht blicken lassen werde.

Als vor ein paar Wochen katholische Frauen vor dem Dom gegen die männerdominierte Kirche protestierten, kam Stephan Ackermann noch selbst vorbei. Und auch bei der Demonstration gegen die Strukturreform Mitte Oktober verfolgte Stephan Ackermann noch vor Ort auf dem Domfreihof das Geschehen. Am Donnerstag aber glänzt der 55-Jährige durch Abwesenheit. Dafür schickt der Bischof seine Sprecherin. „Wir überlegen noch, wie die Aufarbeitung gehen kann“, sagt Direktorin Judith Rupp den zahlreichen Journalisten. Aber natürlich könne es eine Aufarbeitung nur mit den Betroffenen geben.

Als Judith Rupp das sagt, steht Thomas Schnitzler nur ein paar Meter entfernt, aber außer Hörweite. An seinem Urteil, das er einige Minuten vorher formuliert hat, hätte sich wohl auch nichts mehr geändert. „Wir haben keine Erwartungen mehr in die Kirche“, sagt der Missbit-Sprecher.

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