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Deportation und Zwangssterilisierung: Historiker erhebt Vorwürfe gegen Trierer Krankenhäuser

Deportation und Zwangssterilisierung: Historiker erhebt Vorwürfe gegen Trierer Krankenhäuser

Seit Wochen tobt ein Streit zwischen dem Trierer Historiker Thomas Schnitzler und dem Brüderkrankenhaus. Es geht um die Aufklärung der Schicksale von Psychiatrie-Patienten während der Nazi-Zeit. Schnitzler legt weitere Beweise vor, die die Verstrickung von Medizinern, Krankenhausleitung und Nazis belegen.

Seinen Onkel hat Raimund Scholzen nie kennengelernt. Um das Schicksal des 1902 geborenen Heinrich Wetzstein wurde in der Familie ein Geheimnis gemacht, erinnert er sich. "Schrecklich, schrecklich", habe es immer nur geheißen, wenn über den Bruder seiner Mutter gesprochen wurde, erinnert sich der 74-Jährige.

Erst vor kurzem hat er erfahren, was mit seinem Onkel geschehen ist. Der Trierer Historiker Thomas Schnitzler hat das Schicksal Wetzsteins aufgeklärt. Wetzstein war eines der Psychiatrie-Opfer der Nazis. Die wurden während der Nazi-Diktatur aus der "Irrenanstalt" (so damals der offizielle Name) des Trierer Brüderkrankenhauses deportiert. Die Menschen kamen zunächst in die Heil- und Pflegeanstalt in Andernach. Viele der vermeintlich Kranken wurden von dort in die Vernichtungslager transportiert.
Nach den Recherchen von Schnitzler ist Wetzstein in Andernach gestorben - vermutlich durch Verhungern. Vier Monate, nachdem er am 15. August 1939 dort eingeliefert worden war.

17 Jahre war Wetzstein "Patient" in der Irrenanstalt in katholischer Trägerschaft IM BKT - also schon lange vor Beginn der Nazi-Herrschaft. Weggesperrt wurde er mit 20 Jahren, weil er angeblich geistig krank war.
Was Scholzen und Schnitzler ärgert, ist der Umgang des Krankenhauses mit der Aufarbeitung seiner dunklen Vergangenheit. Markus Leineweber, Hausoberer des vom katholischen Orden der Barmherzigen Brüder geleiteten Krankenhauses, sagte kürzlich im Gespräch mit dem TV, dass das Schicksal der 542 psychisch Kranken, die 1939 aus dem Krankenhaus deportiert wurden, unklar sei.
Nach Ansicht von Scholzen und Schnitzler wusste man damals jedoch, was mit den Patienten passierte. Und man weiß es auch heute, sagt Schnitzler.

Der Historiker hat die Namen und Biografien von 150 Psychiatrie-Patienten des Trierer Krankenhauses recherchiert. Die Klinik-Verantwortlichen haben es abgelehnt, mit Schnitzler, der als Betroffener auch gegen sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche kämpft, zusammenzuarbeiten. Sie werfen dem Forscher Unprofessionalität vor.Den Opfern Antworten liefern


Dagegen wehrt sich Schnitzler: "Eine unerhörte Arroganz." Er sei promovierter und habilitierter Historiker, der als Privatdozent, also selbstständiger Hochschullehrer ohne feste Anstellung, tätig sei. Es gehe ihm nicht darum, offiziell einen Forschungsauftrag vom Brüder-Krankenhaus zu erhalten. Vielmehr gehe es darum, den Hinterbliebenen der Opfer Antworten liefern zu können. Antworten, die die Verantwortlichen des Brüderkrankenhauses aus seiner Sicht bislang schuldig geblieben sind. Schont seit langer Zeit beschäftigt sich Schnitzler mit der Geschichte der Nazi-Opfer in den Trierer Krankenhäusern. Und zwar wegen seiner eigenen Familiengeschichte. Schnitzlers Großvater war Chefarzt der Gynäkologie im evangelischen Elisabethkrankenhaus. Der Mediziner habe sich geweigert, an den dort durchgeführten Zwangssterilisationen von angeblichen Geisteskranken mitzuwirken, sagt Schnitzler.

Neben Brüderkrankenhaus und Elisabethkrankenhaus war nach Erkenntnissen Schnitzlers auch der katholische Orden der Borromäerinnen, denen das Mutterhaus in Trier gehört, an Gräueltaten der Nazis beteiligt oder haben sie unterstützt.

So habe es in einem Krankenhaus der Borromäerinnen in der Nähe von Koblenz zwischen 1942 und 1945 Zwangsabtreibungen an polnischen und russischen Zwangsarbeiterinnen gegeben.
Ein Opfer der Rassenideologie war nach Recherchen Schnitzlers auch der 1906 geborene Albert Valentin aus Nunkirchen im Saarland. Valentin wurde im April 1928 ins Brüderkrankenhaus wegen Schizophrenie eingeliefert. 1935 wurde er im benachbarten Elisabethkrankenhaus zwangssterilisiert. Danach kam er wieder ins Brüderkrankenhaus. Im gleichen Jahr wurde er laut der von dem Historiker ausgewerteten Patientenakte nach Andernach verlegt. Dort starb er dann am 30. April 1940. Die Todesursache: Schizophrenie, Herzentzündung und Embolie.

Valentins Vater wurde am Todestag um 8.30 Uhr per Telegramm benachrichtigt, dass sein Sohn in Andernach bestattet worden ist.