Der bayerische Löwe hat gebrüllt

Der bayerische Löwe hat gebrüllt

Mit Spannung erwartet wurde die Rede von Erwin Huber, dem Vorsitzenden der CSU, beim Politischen Aschermittwoch in Passau. Schließlich wird das Jahr eins nach Edmund Stoiber gezählt.

Passau. Jeder politische Aschermittwoch hat seine Besonderheit. Bei diesem ist es die Begründung der Theorie vom Maßkrug-Sozialismus durch CSU-Chef Erwin Huber. Die geht so: Es gibt zu wenig Bier. Deswegen schütten die Leute den Gerstensaft vom einen in den anderen Krug, bis alle gleich viel haben. Was passiert? "Das schmeckt dann so fad wie Sozialismus", sagt Huber. "Nein, wir müssen den Menschen so viel Geld geben, dass sie sich selbst eine frische Maß kaufen können". Von Volksnähe versteht der Mann etwas. Huber hat mit diesem Bild eine wichtige Hürde gemeistert. Er hat die CSU-Basis erreicht, die 5000 Menschen, die jedes Jahr in die Passauer Dreiländerhalle strömen, in der Erwartung, sich auf Kosten anderer, vornehmlich der Linken, politisch amüsieren zu können. Was gab es vorher für Ängste. Wären die Schuhe von Vorgänger Edmund Stoiber nicht zu groß für den Neuen? Würde das Tandem Huber als Parteichef und Günther Beckstein als Ministerpräsident überhaupt funktionieren? Zu allem Überfluss wird der im letzten Jahr geschasste Vorgänger bei seinem Einzug mit "Edmund, Edmund"-Rufen" gefeiert, zu allem Überfluss setzt er sich in die erste Reihe und hört nun wie ein Übervater zu, was die Nachfolger so fertig bringen. Aber Huber und Beckstein haben sich so sorgfältig vorbereitet wie Opernball-Debütanten. Sie gehen zusammen in den Saal, sie teilen sich die Rede auf, sie beziehen sich ständig aufeinander und loben sich gegenseitig. Beckstein gibt 75 Minuten lang den Ministerpräsidenten, ganz konzentriert auf die bayerischen Probleme und die Leistungen seiner Regierung. Huber, der 90 Minuten lang spricht, geht über die Freistaatsgrenze hinaus, in die Bundespolitik. Beide beschwören immer wieder, wie gut ihr Tandem funktioniert, damit es auch der letzte merkt. "Wir treten gemeinsam in die Pedale und sind auf Erfolgskurs". Das Erbe der CSU, sagt Beckstein zu Stoiber gewandt, sei bei ihnen beiden in guten Händen. Und Huber ergänzt: "Wir beide sind in der Lage, diese große und starke Partei in die Zukunft zu führen". Hatte das jemand bezweifelt?Tiefe Griffe in die Feindbild-Kiste

Im Saal herrscht nicht die Faszination, die Stoiber ausströmte, oder gar einst Franz Josef Strauß. Es wird viel gemurmelt. Zwar ist das Ambiente wie immer, weißblaue Fahnen, die im Luftstrom einer Windmaschine wehen, viel Bier, Brezn und Blasmusik. Auch ist die Luft klarer, wegen des neuen Rauchverbots. Aber beide Redner sind nicht gerade Mitreißer, vor allem Beckstein nicht. Huber versucht es mit tiefen Griffen in die Feindbild-Kiste und erarbeitet sich so doch die Haltungsnote "aschermittwochstauglich". Trittin, Künast, Roth, diese Namen ziehen in Passau immer. Dazu Wowereit und die Linkspartei. Vor "rot-blutroten Koalitionen" wird gewarnt. Scharfe Kritik an der SPD, die sich zum "Steigbügelhalter der Kommunisten" mache. SPD-Chef Kurt Beck, sagt Huber, habe Angst vor den Linken. "Dieser Mann hat die Hosen voll und ist nicht geeignet, unser Land zu regieren". Das ist deftig. Ein paar scharfe Worte gibt es aber auch an die große Schwester CDU. Deren Strategiedebatte sei falsch, sagt Huber. "Bei uns in der CSU gibt es das nicht. Bei uns gehören Wirtschaft und Soziales zusammen". An anderer Stelle nennt er die CSU sogar "Arbeitnehmerpartei". Das ist, als er Steuersenkungen für die kleinen und mittleren Einkommen, höheres Kindergeld und höhere Kinderfreibeträge fordert. "Das ist einfach, das ist sozial". Schon bis zum Sommer will er dazu ein Konzept vorlegen. Es klingt selbstbewusst, aber Angela Merkel hat schon vorher abgewinkt, und Beck tut es am gleichen Tag bei der Aschermittwochsveranstaltung der SPD in Vilshofen. Daraus wird in der Großen Koalition also nichts. "Der bayerische Löwe hat gebrüllt, dass man ihn bis Berlin gehört hat", meint Generalsekretärin Christine Haderthauer zum Abschluss der Veranstaltung stolz. Das ist etwas übertrieben. Hier hat sich nur der neue Hofhund Mut gemacht und sein Revier in Besitz genommen. Immerhin. Hintergrund Politischer Aschermittwoch: Jedes Jahr zu Beginn der Fastenzeit rechnen die Parteien mit dem politischen Gegner ab. In Versammlungen mit Volksfestcharakter kommt es zum derben rhetorischen Schlagabtausch. Hauptschauplatz ist die Passauer Dreiländerhalle, wo die CSU ihre Kundgebung abhält. Aber auch die Aschermittwochs-Veranstaltungen von SPD, FDP und Grünen in Bayern finden bundesweit Beachtung. Die ursprünglich bayerische Tradition wird mittlerweile auch außerhalb des Freistaates gepflegt. So tritt Kanzlerin Angela Merkel bei der CDU Mecklenburg-Vorpommern in Demmin auf. Die Linke zieht es ins Saarland, die Heimat ihres Parteichefs Oskar Lafontaine. Die Wurzeln des Politischen Aschermittwochs liegen im niederbayerischen Vilshofen. Dort feilschten die Bauern schon im 16. Jahrhundert auf dem Hornvieh- und Rossmarkt nicht nur um die besten Tierpreise, sondern redeten auch über Gott und die Welt. Seit dem 19. Jahrhundert nahmen sie auch die königlich-bayerische Politik aufs Korn. 1919 rief der Bauernbund aus diesem Anlass erstmals zu einer Kundgebung auf — der Politische Aschermittwoch war geboren. Nach einer Pause in der Nazi-Zeit nahm die Bayernpartei 1948 den Brauch wieder auf. Als fünf Jahre später die CSU mit ihrem späteren Parteichef Franz Josef Strauß dazustieß, entwickelten sich jene legendären Redeschlachten, die den Ruf des Politspektakels begründeten.

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