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"Der Biobereich muss weiter wachsen"

"Der Biobereich muss weiter wachsen"

In Berlin hat die Grüne Woche eröffnet. Auf der weltweit größten Leistungsschau der Landwirtschaft und Ernährungsindustrie hat unser Korrespondent Hagen Strauß mit der Vorsitzenden des Verbraucherausschusses, Renate Künast (Grüne), gesprochen. Sie sagt, dass die Verbraucher verantwortungsvoller geworden sind.

Qualität und gesunde Ernährung treibt immer mehr Verbraucher um. Woher kommt der Mentalitätswechsel?Renate Künast: Ich behaupte, wir Grünen haben damit angefangen. Die Menschen wissen inzwischen, dass man mit Messer und Gabel Politik machen kann. Denn mit der Art, wie wir unsere Lebensmittel produzieren, betreiben wir zugleich Umwelt-, Sozial- und Tierschutzpolitik. Und die Ernährung ist eine zentrale Gerechtigkeitsfrage. Das haben die Verbraucher begriffen. Können die Kunden der Lebensmittelindustrie vertrauen - oder raten Sie zur Vorsicht?Künast: Klar ist doch, je mehr auf billig gesetzt wurde, desto mehr Skandale gab es. Auch die Industrie ist sensibilisierter, weil alle im Internetzeitalter die Reaktion der Verbraucher fürchten. Mich treibt um, dass wir immer mehr hoch verarbeitete Lebensmittel haben. Da wird dann manches als Früchte für Kinder oder Zwischenmahlzeit angeboten, was in Wahrheit aber nur eine Süßigkeit ist. Da ist die Industrie aufgefordert, ehrlicher zu werden.Welche Veränderungen befürchten Sie durch das Freihandelsabkommen TTIP?Künast: Wir müssen aufpassen, dass europäische Kennzeichnungen nicht geschliffen werden. Die Amerikaner haben ja ein Interesse daran, möglichst wenig Qualitäts- und Herkunftsbezeichnungen zu haben. Obwohl wir da auch in Europa zum Teil noch am Anfang stehen, vor allem was die regionalen Produkte angeht. Der Parmaschinken war im ersten Leben ein dänisches Schwein. Soll heißen, auch in Europa müssen die regionalen Herkunftsbezeichnungen noch viel klarer abgegrenzt werden.Lebensmittel sind heute überall und jederzeit verfügbar. Geht das ohne Massentierhaltung, ohne eine ökonomisierte Landwirtschaft?Künast: Schönes Wort, ökonomisierte Landwirtschaft. Heute glaubt man ja, dass dieses Wort bedeutet, alles muss möglichst billig sein und in Massen hergestellt werden. Nein, ich bin für eine ökonomisierte Landwirtschaft. Aber für eine, die den ökologischen und sozialen Fußabdruck mitberechnet. Welche Folgen hat unsere Art zu produzieren für den gesamten Globus? Darüber müssen wir mehr denn je reden.Selbst die Biobranche ist an vielen Stellen industrialisiert. Ist Bio noch Klasse statt Masse?Künast: Ich bin nicht gegen Menge bei der Produktion. Aber sie muss Qualität haben. Klasse heißt für mich dann aber auch, dass nicht nur das Endprodukt hohe Qualität hat, sondern der Prozess davor auch. Das geht nicht, wenn man Raubbau zulasten späterer Generationen betreibt. Der Biobereich muss weiter wachsen. Aber durch eine Stärkung des regionalen Anbaus und eine bessere Unterstützung von kleinen und mittleren Betrieben. hasExtra

Die Bundestagsabgeordnete und frühere Bundesagrarministerin Renate Künast (59, Foto: dpa) ist seit Januar 2014 Vorsitzende des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz. Bis Oktober 2013 war sie Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. red