Der Copilot kam aus Montabaur – das reicht, um die Stadt zu belagern

Der Copilot kam aus Montabaur – das reicht, um die Stadt zu belagern

Der Copilot, der die Germanwings-Maschine absichtlich zum Absturz brachte, kam aus dem rheinland-pfälzischen Montabaur. Kaum ist das bekannt, strömen Scharen von Reportern in die kleine Stadt, aus der es eigentlich nichts zu berichten gibt.

Es ist ein Haus mit Schieferschindeln und heruntergelassenen Rollläden. Und damit wäre die Geschichte eigentlich auch schon erzählt. "Ich verstehe es wirklich nicht", sagt Polizeisprecher Michael Otten, "ich versteh' nicht, was es hier zu filmen gibt." Aber sie filmen, sie filmen den ganzen Tag, seit früh am Morgen, als die ersten Journalisten das Haus der Eltern des Montabaurer Copiloten belagerten und ankündigten: Es kommen noch mehr, sie sind schon unterwegs.

"Belgien, Japan, Norwegen", zählt Otten auf. "Und Australien. Sind alle schon da gewesen." Knapp 20 Kameras stehen vor dem Haus. Es werden im Laufe des Tages immer mehr.

Neue Verkehrswirklichkeit

Die Übertragungswagen stehen am Nachmittag bis hinunter in alle möglichen Straßen der Stadt. Ein Helikopter kreist über dem Wohnviertel.

Die Polizei versucht, einen Überblick über die von Medien neu geschaffene Verkehrswirklichkeit zu gewinnen. Es gibt hier nichts zu filmen, und wenn man ehrlich ist, gibt es auch nicht viel zu berichten. Polizeisprecher Michael Otten kann zu dem Fall nichts sagen. Die Ermittlungen werden in Nordrhein-Westfalen geführt. Die meisten Informationen hat er selbst von den Journalisten - und die darf er selbstverständlich nicht weitergeben. Wer weiß auch schon, ob das stimmt. "Schau auf Twitter", hat ihm einer gesagt, "da steht alles", aber das interessiert Otten nicht.

Um Informationen geht es hier den meisten ohnehin nicht. Otten ist nur höflicher Statist für die vielen Fernseh-Brennpunkte. Immer wieder steht er vor der Kamera und erzählt wortreich, dass er in vielen Fällen nichts sagen kann. Ein Japaner will wissen, wie viele Einwohner Montabaur hat. Eine Französin, wie man Montabaur schreibt. So buchstabiert er an diesem Tag immer wieder freundlich und mit Engelsgeduld das Wort Montabaur oder auch Bad Ems, weil das seine eigentliche Polizeidienststelle ist.

Gegen 16 Uhr gerät die Menge noch einmal in Bewegung. Ein gefalteter Karton wird in das Haus gebracht. Aber das Spektakel ist schnell zu Ende. Die Fernsehreporter streifen immer wieder durch die Straßen, auf der Suche nach Nachbarn. Nur wenige lassen sich blicken. Einige haben sich bei der Polizei beschwert.

Drei Montabaurer stehen am Rande und beobachten die Szene. Einer will den Copiloten häufiger mal gesehen haben. Er kann nichts über ihn sagen. Er kann nichts zur Aufklärung beitragen - aber dieses Nichts ziemlich gut in Worte fassen. Und ehe man sich versieht, sind aus einer Kamera zwei geworden, dann drei, bis sich eine Journalistentraube um ihn schließt und am Ende ganz verschlingt.

Michael M., sein Bekannter, steht daneben und wirkt fassungslos. "Alles wird jetzt aufgeblasen", sagt er. "Allein wie die den Karton reingetragen haben." Er hat beobachtet, wie ein Journalist ein unbestätigtes Zitat direkt in die Redaktion funkt. Er findet das alles nicht gut. Er sagt: "Jetzt machen die Reporter aus dem Piloten einen Zombie."