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Der Druck wächst, die Erwartungen steigen

Der Druck wächst, die Erwartungen steigen

Mehr Einkommen, weniger Korruption: Mit markigen Versprechen hat Chinas scheidender Staatschef Hu Jintao den Parteitag eröffnet. Was davon zu halten ist, hat TV-Redakteur Rolf Seydewitz den China-Experten Frank Sieren gefragt.

Was ist von dem bevorstehenden Machtwechsel zu erwarten?
Sieren: Zunächst, dass nicht alles so weiter geht wie bisher. Es wird einen Paradigmenwechsel geben - hin zu ernsthaften Reformen. Das hat damit zu tun, dass einerseits der internationale Wettbewerbsdruck größer wird. Andererseits wächst auch der Druck aus der Bevölkerung, die zwar nicht wählen kann, aber Erwartungen hat. Die Angst, dass die Menschen auf die Straße gehen könnten, führt dazu, dass die chinesische Regierung die Problemthemen jetzt anpackt.
Wie wird sich der Machtwechsel auf die deutsch-chinesischen Beziehungen auswirken?
Sieren: Die Beziehungen werden zunächst mal so gut bleiben, wie sie sind. Man muss sehen, dass die deutschen Exportprodukte, etwa Autos oder Maschinen, in China sehr gefragt sind. Andererseits sehen die Chinesen uns Deutsche als wichtigste Ansprechpartner in Europa - das gilt in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. Was sein könnte, ist, dass die neue Führung sich etwas mehr in Richtung Amerika orientiert.
Chinas scheidender Parteichef Hu hat den Kampf gegen die Korruption zur Überlebensfrage erklärt. Gleichzeitig wird Hu vorgeworfen, durch Korruption selbst ein Vermögen angehäuft zu haben. Warum ist China so ein korruptes Land?
Sieren: Das hat damit zu tun, dass das Land sehr schnell wächst. Dadurch ergeben sich natürlich Gelegenheiten, Geld in die eigene Tasche zu stecken. Es ist bei einer solch rasanten Entwicklung fast unvermeidbar, weil man es gar nicht umfassend kontrollieren kann. Der einzige Vorteil bei vielen Nachteilen ist, dass sich nicht - wie in Russland oder Afrika - die Politiker die Taschen vollmachen und mit dem Land dann nichts passiert. Sie stecken sich zwar auch in China etwas ein, aber bringen das Land auch gleichzeitig voran. Aber wir sind natürlich an einem Punkt angelangt, an dem die Leute sagen: Es reicht. Weil das nicht ganz ungefährlich ist, will die politische Führung natürlich schauen, dass die Kader nicht allzu viel Geld einstecken. Ob das funktioniert, muss sich natürlich noch zeigen.
Jetzt haben Sie schon zwei Mal auf das Unruhepotenzial in der Bevölkerung hingewiesen. Drohen in China nordafrikanische Verhältnisse?
Sieren: In Nordafrika waren die Länder wirtschaftlich so heruntergewirtschaftet, dass eine ganze Generation keine andere Chance gesehen hat, als auf die Straße zu gehen. Das ist hier anders. Die Hemmschwelle zu Massenprotesten liegt hier wesentlich höher. Aber natürlich haben die Menschen in China Erwartungen. Und sie werden unwirsch, wenn die Regierung diese Erwartungen nicht erfüllt. Aber noch ist das Wirtschaftswachstum in China viel zu hoch. Da haben die Leute anderes im Kopf als zu demonstrieren. sey
Extra

Frank Sieren (Foto: privat) gilt als einer der profiliertesten China-Kenner Deutschlands. Der 45-Jährige hat in Trier studiert und lebt seit Anfang der 90er Jahre in China. Er hat mehrere Bestseller über das Land geschrieben. sey