"Der Euro und ich sind die einzig Überlebenden"

"Der Euro und ich sind die einzig Überlebenden"

Aachen. (red) Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker ist am Donnerstag mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnet worden. Altbundeskanzler Helmut Kohl würdigte den Preisträger in seiner Laudatio als Optimisten, der nie an Europas Erfolg gezweifelt habe. "Du hast mit Tatkraft und Engagement geholfen, dass das Haus Europa größer wird." Der TV dokumentiert die wichtigsten Passagen aus Junckers Rede:

Über die Deutschen "Weil ich ein Freund der Deutschen bin, und weil nach all den Irrungen und Wirrungen der Zeit die Deutschen uns noch nie so gute Nachbarn waren, wie sie es uns heute sind, stelle ich die Frage: Wieso können die Deutschen nicht auf die deutsche Wiedervereinigung stolz sein? Es gibt tausend Gründe, um auf die deutsche Wiedervereinigung, in europäischer Einheit eingebettet, stolz zu sein statt zu lamentieren. Manchmal denke ich, ich wäre der einzige Politiker, der der deutschen Sprache mächtig ist, der so einen Satz überhaupt noch zu sagen wagt. Über die Europapolitik Nun sind wir in Europa an einer Schnittstelle angekommen. Und um diese Schnittstelle herum herrscht schrecklich viel Lärm. Und der Lärm entsteht deshalb, weil die Europäer, vor allem die Deutschen, sich über Europa nur noch beklagen statt sich an Europa und über Europa zu freuen. Gott sei Dank sehen auch andere uns zu, die nicht Europäer sind. Afrikaner, Asiaten, ja selbst Amerikaner hören nicht auf, über die europäischen Erfolge zu staunen. Die einzigen, die über europäische Erfolge stöhnen, sind die Europäer selbst. Über den Krieg Ich höre aus den renommiertesten Mündern, dass der Friedensdiskurs bei jungen Menschen nicht mehr ankomme. (... ) Ja, es mag stimmen, junge Menschen sind schwerhörig geworden, wenn es um Krieg und Frieden geht. Genau deshalb, und weil man ihnen daraus keinen Vorwurf machen kann. Wer nicht gekannt hat, was Krieg bedeutet, kann nicht ermessen, was Frieden ist. Aber weil es so ist, sollten Besuche auf Soldatenfriedhöfen zum obligatorischen Schulfach werden. Dann kann man begreifen, wieso und weshalb Europa sein muss. Über den Euro Wir haben es geschafft, diesen Kontinent währungspolitisch auf einen Nenner zu bringen. Noch nicht ganz, aber wir sind unterwegs. Niemand hatte uns das zugetraut. (...) Die europäische Währungsunion, der Euro, ist eine gemeinsame Leistung der Kohl-Mitterrand-Generation und meiner Generation. (...) Im Übrigen, wenn ich mir die Liste derer, die den Maastrichter Vertrag 1991 unterschrieben haben, sehr genau ansehe, stelle ich fest: Der Euro und ich, wir sind die einzigen Überlebenden des Maastrichter Vertrages. Dass wir vom Euro in hohem Maße Nutzen ziehen, wird ja auch nie gesagt. Auch nicht von mir. Ich frage mich manchmal, wie kann das sein, dass wir eigentlich so erklärungsfaul geworden sind? Man müsste den Menschen doch erklären können - und es wäre auch einfach - was aus Europa, aus seinen Wirtschaftsräumen, aus seinen Währungen in den letzten zehn Jahren geworden wäre, wenn es den Euro nicht gegeben hätte, diese Solidaritätsdisziplinklammer, die der Euro darstellt. (...) Der Euro schützt die Europäer in einem unerhörten Maße. Über die EU-Erweiterung Viele mögen den westeuropäischen Schritt in Richtung Ost- und Mitteleuropa überhaupt nicht mehr. Auch das bleibt mir irgendwo letztendlich schleierhaft. (...) Ich bin noch, und die Männer und Frauen meiner Generation, in Angst vor russischen Raketen aufgewachsen. Und die Menschen in Prag, in Budapest, in Warschau hatten doch Angst, weil sie ihnen eingeredet wurde, - weil es sie vielleicht auch gab - vor der Nato-Aggression und Aggressivität. Mir ist es lieber, die Menschen aus Prag, aus Warschau, aus Budapest, aus Ljubljana richten heute ihre Hoffnungen auf Westeuropa anstatt dass die Raketen auf Westeuropa gerichtet sind. (...) Und jetzt können wir endlich, nach so langen Jahrzehnten der Trennung, wieder ganze Europäer sein. Über die EU-Hausaufgaben Damit dies nicht alles in sich zusammenbricht, muss daran gearbeitet werden, dass die Europäische Union ein Erfolg bleibt. Dafür gibt es einfache Regeln, die man beachten muss. Zum Beispiel sollten Staats- und Regierungschefs, Fachminister und andere sich nicht nur dann zu Worte melden, wenn sie etwas Schlechtes über Europa zu sagen haben. (...) Über Luxemburg Und so ein kleines Land wie Luxemburg, so ein tüchtiges und mutiges Volk wie die Luxemburger, die wissen sehr genau - weil sie immer die Opfer der deutsch-französischen Konflikte waren, weil Deutschland und Frankreich nie ein anderes Territorium fanden als dieses kleine Luxemburg, um aufeinander zu prallen - wir wissen ganz genau, was Nicht-Europa bedeutet. Und deshalb gehört dieser Preis, den ich heute kriege, vor allem dem luxemburgischen Volk. Über die EU-Verfassung Wir müssen weitermachen auf diesem europäischen Weg. Und deshalb brauchen wir diese europäische Verfassung. Diese europäische Verfassung ist nicht tot. Es reicht nicht, wenn zwei sagen, etwas ist tot. Alle müssen sagen, es ist tot. So lange nicht alle den Tod festgestellt haben, so lange sollte man keine vorzeitigen Todesnachrichten aufgeben. (Die komplette Karlspreisrede des luxemburgischen Premiers Jean-Claude Juncker dokumentiert der TV unter www.intrinet.de im Internet)

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