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Der Frauennotruf: Über Vergewaltigungen sprechen

Der Frauennotruf: Über Vergewaltigungen sprechen

Es tut gut, mit Menschen zu reden, die Ähnliches durchgemacht haben. Daher bieten Frauennotrufe Selbsthilfegruppen für Vergewaltigte an. Sie klären Betroffene aber auch darüber auf, welche Risiken eine Anzeige mit sich bringt.

Mit roher Gewalt hatte er sie zu Boden geschleudert, mit einem Messer bedroht, sie gezwungen, sich auszuziehen und brutal vergewaltigt. Der Mann, dem sie zuvor vertraut hatte. Mal ist es ein Nachbar, mal der Schwager, mal jemand, von dem sie dachte, er sei ein Freund. Fast 600 Hilfesuchende haben sich 2015 an die Frauennotrufe des Landes gewandt, weil sie selbst oder eine ihnen nahestehende Frau vergewaltigt wurden. Die Dunkelziffer ist noch viel höher. Denn viele Opfer sprechen mit niemandem über das, was ihnen angetan wurde. Einer Studie des Bundesfamilienministeriums zufolge haben 13 Prozent der in Deutschland lebenden Frauen seit dem 16. Lebensjahr strafrechtlich relevante Formen sexueller Gewalt erlebt.

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Schmerz, Scham und Angst zu verarbeiten, das Vertrauen in andere Menschen und die Freude am Leben wiederzufinden, ist das eine. Die Beraterinnen der zwölf rheinland-pfälzischen Frauennotrufe helfen Opfern dabei. Sie betreuen die Frauen psychologisch und finden mit ihnen gemeinsam heraus, aus welchen Quellen sich neue Kraft schöpfen lässt: vielleicht Sport, Hobbys, die Arbeit oder Freunde? Auch Selbsthilfegruppen bieten sie an. "Es tut vielen gut, mit anderen zu sprechen, die etwas Ähnliches erlebt haben", sagt Ruth Petri vom Trierer Frauennotruf.

Ganz praktische Fragen

Denn so merken die Betroffenen: Sie sind nicht alleine und es gibt Möglichkeiten, mit dem Erlebten zurechtzukommen.
Oft geht es aber auch um ganz praktische Fragen. Was kommt eigentlich auf jemanden zu, der eine Vergewaltigung anzeigt? "Uns geht es um das Wohl der Frau", sagt Beraterin Barbara Zschernack am Dienstag in Trier bei der Präsentation des Notruf-Jahresberichts 2015. Sie und ihre Kolleginnen informieren Betroffene, dass zwischen Anzeige und Gerichtsverhandlung eineinhalb Jahre vergehen können. Zeit, in der die Erinnerung an das Geschehene zwangsläufig lebendig bleibt. "Ich habe Frauen erlebt, für die das, was nach der Anzeige folgte, schlimmer war als die Vergewaltigung selbst", sagt Zschernack, die in der Mainzer Fachstelle arbeitet. Vergewaltigung ist ein Offizialdelikt. Das heißt: Die Polizei muss ermitteln, sobald sie davon erfährt. "Die Frau bestimmt nichts mehr, sie wird zum Beweismittel", sagt Zschernack. Am schwierigsten sei für viele die Situation vor Gericht. "Frauen haben dort oft das Gefühl, wie ein Täter behandelt zu werden, weil sich öffentlich alles um ihre Glaubwürdigkeit dreht." Selbst wenn Beweise gesichert werden konnten, ändere das wenig. Der Mann könne immer noch behaupten, dass die Frau den Sex wollte. Zschernack berichtet von Fällen, in denen das Opfer die Heimat verließ, weil das Dorf dem Täter glaubte. "Wenn sie Glück haben, glauben ihnen wenigstens Freunde und Familie. Wenn sie Pech haben, stehen sie ganz alleine da." Wegen all dieser Risiken unterstützen die Fachstellen Frauen, die sich Gerechtigkeit wünschen - beraten sie, begleiten sie ins Krankenhaus, zur Polizei, zu Anwälten und stehen ihnen während der Gerichtsverhandlung bei.

Die Frauenrechtlerinnen hoffen darauf, dass das neue Sexualstrafrecht die Situation verbessert. Künftig gilt der Grundsatz "Nein heißt Nein". Damit macht sich nicht nur strafbar, wer Sex mit Gewalt oder Gewaltandrohung erzwingt. Es reicht, wenn sich der Täter über den "erkennbaren Willen" des Opfers hinwegsetzt. Diese Gesetzesverschärfung, über die der Bundesrat noch debattieren muss, geht auf die massenhaften Übergriffe in der Kölner Silvesternacht zurück.

Einiges ist bereits passiert: Seit 2014 können Frauen die Beweise einer Vergewaltigung vertraulich im Wittlicher Krankenhaus oder dem Trierer Mutterhaus sichern lassen. Und später entscheiden, ob sie die Kraft haben, vor Gericht zu ziehen.

Frauennotruf Trier, Telefon: 0651/2006588, E-Mail: info@frauennotruf-trier.de

Extra

Die meisten Menschen, die 2015 in der Region Trier Opfer von Straftaten wurden, waren Männer (4042). 2679 waren Frauen. Betrachtet man lediglich die "Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung" - darunter fallen Vergewaltigung, Missbrauch und sexuelle Nötigung - so kehrt sich das Verhältnis um: 276 der Opfer waren weiblich, 76 männlich, die meisten von ihnen Kinder. Ist der sexuelle Missbrauch von Kindern doch das Sexualdelikt, welches am häufigsten angezeigt wird: Mindestens 105 Mädchen und 53 Jungen mussten demnach 2015 die schreckliche Erfahrung machen, missbraucht zu werden. 47 Vergewaltigungen wurden 2015 angezeigt. In vier Fällen waren die Opfer männlich. Mos