Der große Poker um den Nürburgring

Der große Poker um den Nürburgring

Der Verkauf einer Legende wird offenbar zum knallharten Poker. Ob der ADAC sich mit seinem vergleichsweise niedrigen Angebot für den Nürburgring verzockt hat oder ob er sich taktisch verhält, bleibt nach den neuesten Mitteilungen unklar.

Nürburgring. Zuerst einmal zu den Fakten und Abläufen, wie sie sich aus unzähligen Gesprächen rekonstruieren lassen: Angeblich hat es ursprünglich eine zweistellige Zahl von indikativen, also unverbindlichen Angeboten gegeben. Diese wurden von dem Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG gesichtet und vorsortiert. Im nächsten Schritt haben die Insolvenzverwalter im Gespräch mit der EU-Wettbewerbsbehörde eine Bewertung vorgenommen. Dabei sind Offerten aussortiert worden, die als unseriös oder als finanziell unattraktiv eingestuft wurden.
Der ADAC hat sein eigenes Angebot relativ spät abgegeben, nachdem er seine Karten lange bedeckt hielt. Zu diesem Zeitpunkt, so berichten es die Insolvenzverwalter, waren auf EU-Ebene bereits Offerten verworfen worden, die erheblich besser dotiert waren. Den Hoffnungsträger ADAC trotz des niedrigen Kaufpreises zuzulassen, hätte den gesamten Verkaufsprozess gefährdet. Er wäre nicht mehr transparent und diskriminierungsfrei verlaufen, weil EU und Ring-Sanierer Bieter ganz klar benachteiligt hätten. Solche Fälle landen schnell vor Gericht.Konzerne als stille Option?


Der ADAC wiederum hat offenbar nur auf die Rennstrecken, den Boulevard und die Arena geboten, nicht aber auf das Ringwerk, das eigentlich zu diesem Cluster gehört. Der Klub trat als Alleinbieter auf, obwohl er vorher intensiv mit der Autoindustrie verhandelt hat. Im Gespräch war ein "Bündnis der Klassiker" aus ADAC als Betreiber und VW, Mercedes und BMW als Finanziers. Angeblich gab es Gespräche mit einem potenziellen Entwickler und Manager des Freizeit- und Geschäftsparks. Offiziell bestätigt wurden diese Hinweise allerdings nie. Der Pakt mit den Autokonzernen könnte nach wie vor eine stille Option sein.
Zum Preis: Das Immobilien-Unternehmen Jones Lang LaSalle bezifferte den Wert des Ringkomplexes auf 77 Millionen Euro. Andere Expertisen setzen ihn im dreistelligen Bereich an. Die Teile, auf die der ADAC nun geboten hat, dürften gut 50 bis 55 Millionen Euro wert sein. Bei solchen Schätzungen werden der Gewinn und die künftige Gewinnerwartung eines Unternehmens mit einem Multiplikator versehen. Dadurch wird nicht nur das gegenwärtige, sondern auch das künftige Potenzial kalkuliert. Solche Rechnungen sind immer auch ein Stück weit spekulativ.
Der ADAC-Konzern muss nun seine eigenen wirtschaftlichen Aktivitäten analysiert und Gewinne am Ring beziffert, mit einem gängigen Multiplikator versehen und von der Kaufsumme abgezogen haben. Geld verlieren am Ring will auch der Klub nicht. Die Logik: Der ADAC möchte nicht für Einnahmen zur Kasse gebeten werden, die er selbst erzeugt. Auf diese Weise kommt der Automobilklub auf einen Wert, der maximal bei 35 bis 40 Millionen Euro liegen dürfte. Das war Brüssel aber offensichtlich zu wenig. Dort will man den Ring möglichst teuer verkaufen, um die Wettbewerbsverzerrung zu korrigieren, die durch die millionenschwere illegale Subventionierung des Freizeitparks entstanden ist. Die Rennstrecken sind - und das beklagt ADAC-Ehrenpräsident Otto Flimm völlig zurecht - zur Geisel der überdimensionierten Vergnügungsmeile geworden.Gute Handvoll Investoren


Inzwischen sollen nur noch sechs oder sieben Bieter im Rennen sein. Ein paar davon bieten auf die gesamte Anlage, was wirtschaftlich leichter darstellbar ist. Die potenziellen Investoren, deren Namen, Potenzial und Seriosität niemand kennt, kommen jetzt in den virtuellen Datenraum, wo sie alle Vertragsdetails erfahren. Auf dieser Basis können sie eine gründliche Risikoprüfung machen und anschließend ein verbindliches Angebot vorlegen. Dieser Prozess ist teuer, daher bleibt der zugelassene Kreis klein, um die Erfolgsaussichten für den Einzelnen als Motivation zu erhöhen. Bessert der ADAC sein Angebot nicht nach, kann er nur noch zum Zuge kommen, wenn die anderen im weiteren Verlauf auch weniger bieten oder ganz ausscheiden. Im Moment sind die Fronten zwischen Insolvenzverwaltern und Automobilklub verhärtet. Besonders herzlich war das Verhältnis nie.
Natürlich kann es auch sein, dass der ADAC sich gar nicht verpokert hat, weil er Brüssel unterschätzte und nur geschickt taktiert. Über die Details aus dem Datenraum könnte er sich über einen verbündeten Bieter informieren - etwa aus der Autoindustrie. Zudem hat der ADAC ohnehin ein exzellentes Lagebild. Vielleicht will er auch durch einen provozierten Ausschluss öffentlichen Druck erzeugen, um den Preis anschließend zu drücken. Schließlich ist denkbar, dass ein millionenschwerer Kauf des Rings ADAC-intern doch nicht durchsetzbar war und er mit seinem niedrigen Angebot einen gesichtswahrenden Rückzug einleiten will. Genau wissen wird man es Mitte/Ende Dezember oder Anfang Januar. Bis dahin kann der Klub noch zusteigen.Extra

Der Autofahrerclub ADAC ist mit mehr als 18 Millionen Mitgliedern Deutschlands größter Verein. Im vergangenen Jahr nahm er erstmals mehr als eine Milliarde Euro an Mitgliedsbeiträgen ein. Dennoch müssen die Mitglieder im kommenden Jahr tiefer in die Tasche greifen — der Beitrag steigt um zehn Prozent auf 49 Euro. Der ADAC e.V. als Dachorganisation machte 2012 einen Gewinn von gut 25 Millionen Euro. Mehr Geld verdiente der ADAC mit seinen Wirtschaftsdiensten wie Versicherungen oder Autovermietung: Hier lag der Gewinn bei fast 85 Millionen Euro, der Umsatz knackte knapp die Milliardenmarke. An der Spitze steht als ehrenamtlicher ADAC-Präsident Peter Meyer. Der frühere Unternehmer und Motorsportfreund arbeitet viel in Berlin, von zuhause in Mülheim an der Ruhr aus — oder in der neuen ADAC-Zentrale in München. Nach sechsjähriger Bauzeit wurde das 320 Millionen teure Hochhaus im vergangenen Jahr eröffnet. dpaExtra

Der Nürburgring in der Eifel zählt zu den berühmtesten Rennstrecken der Welt. Er wurde 1927 eröffnet. Die knapp 21 Kilometer lange Nordschleife mit den vielen Kurven und Wellen erhielt später den Namen "Grüne Hölle". 1984 wurde eine fünf Kilometer lange Strecke für Formel-1-Rennen in Betrieb genommen. Rheinland-Pfalz ließ den Ring vor wenigen Jahren für rund 330 Millionen Euro zum ganzjährigen Freizeit- und Geschäftszentrum ausbauen und wollte damit mehr Besucher anlocken. Die Anlage gilt aber als überdimensioniert, die Suche nach privaten Geldgebern scheiterte 2009. Vor einem Jahr musste der Ring sogar Insolvenz anmelden. Seither läuft die Suche nach Käufern. dpa