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Der gute Ami in Triers Stunde null

Der gute Ami in Triers Stunde null

Trier im Frühjahr 1945 - eine Stadt zwischen Krieg und Frieden, zwischen Zerstörung und Wiederaufbau. Seit Anfang März sind die Amerikaner da und versuchen, Normalität ins öffentliche Leben einkehren zu lassen. Mittendrin US-Leutnant Ira R. Meyers, verantwortlich für die öffentliche Sicherheit. Seinen Job übt er mit so viel Hilfsbereitschaft, Fairness und Mut aus, dass er zum Volkshelden wird.

Trier. Es sind sehr unruhige Zeiten vor 70 Jahren. In weiten Teilen des am Boden liegenden Deutschen Reichs tobt der Zweite Weltkrieg noch. In Trier herrscht seit dem Einzug der Amerikaner am 2. März 1945 Friede. Relativer Friede. Denn nun ziehen immer wieder Plünderer durch die zerbombte Stadt und bedrohen ihre Einwohner. Es sind ehemalige ausländische Zwangsarbeiter - kriegsgefangene Russen, Polen und internierte Italiener -, aber auch deutsche Banden. Wenn Schüsse fallen, dann ist das meist ein gutes Zeichen. Es sind Warnschüsse, abgegeben von US-Leutnant Ira Roswell Meyers, um die Räuber zu verjagen.Wie ein rettender Engel


Meyers hat einen schwierigen Job. Der jüdische Verbindungsoffizier soll für die öffentliche Sicherheit sorgen und vermitteln, wenn es zwischen US-Soldaten und Zivilisten zu Problemen kommt. Sein Büro hat der 32-Jährige im Sparkassengebäude in der Bahnhofstraße (heute Theodor-Heuss-Allee), die zwölf Jahre lang Adolf-Hitler-Straße hieß. Täglich ist Leutnant Meyers, der gut deutsch (mit jiddischem Akzent) spricht, mit seinem Jeep in der Stadt unterwegs. Für Kranke und Verletzte ist er eine Art rettender Engel. "Er hat sich ihrer angenommen und ärztliche Hilfe organisiert", weiß der Trier-Eurener Heimatforscher Adolf Welter (80). Auf Meyers Initiative geht auch die Einrichtung des Josefsstiftes (Franz-Ludwig-Straße) als erste Aufnahmestation zurück. Dort versorgen Ordensfrauen Flüchtlinge und die Evakuierten, die aus Thüringen in ihre Heimatstadt zurückkehren.
Es kommen viele. Von März bis Anfang Juli 1945 steigt die Einwohnerzahl von rund 3700 auf fast 38 000. Für Meyers bedeutet das noch mehr Arbeit. Das Ausstellen der "Zeitweiligen Registrierungskarten" (provisorische Personalausweise) fällt in sein Ressort. Alle damaligen US-Papiere von Trierern tragen seine Unterschrift nebst Angabe des militärischen Ranges und der Nummer seiner Erkennungsmarke. So auch der Ausweis von Friedrich Breitbach (1897-1991). Der Direktor der Trierer Bürgerverein AG ist am 5. März von Oberstleutnant Stanford Speaks, dem Militärkommandanten der Stadt, zum "Zivilleiter" (späterer Titel: Oberbürgermeister) ernannt worden. Breitbachs Aufgabe: die noch vorhandenen Lebensmittel und Wohnungen gerecht zu verteilen und aus dem Nichts heraus die Stadtverwaltung wieder aufzubauen.
Breitbach und Meyers arbeiten eng und vertrauensvoll zusammen. So verschafft der US-Leutnant ehemaligen Wehrmachtssoldaten, die sich ohne Entlassungsschein bis nach Trier durchgeschlagen haben, gültige Papiere - vorausgesetzt, der OB verbürgt sich persönlich für diese Männer. Die werden damit vor einem oft mehrjährigen Arbeitseinsatz in französischer Kriegsgefangenschaft bewahrt.
Mit seinen berühmten Warnschüssen hilft Meyers auch der Eurener Feuerwehr. Als einzige noch intakte Trierer Organisation im Frühjahr 1945 wird sie im ganzen Stadtgebiet eingesetzt - und mehrfach von ehemaligen ausländischen Zwangsarbeitern, die die Brände gelegt haben, bedroht. Erst Meyers\' Erscheinen und energisches Einschreiten ermöglicht die Löscheinsätze.
Meyers kennt sich erstaunlich gut in Trier aus, ist über viele wichtige Details informiert. Adolf Welter: "Es wurde vermutet, dass er aus einer jüdischen Familie stamme, der es noch rechtzeitig gelungen war, Nazi-Deutschland zu verlassen." Die Spur des zum stillen Volkshelden avancierten Leutnants verliert sich, als Trier Teil der neu gebildeten französischen Besatzungszone wird und die Amerikaner Anfang Juli 1945 die Stadt verlassen.
Die Bemühungen Welters und seines Forscherkollegen Hans-Jürgen Hauprich (59), etwas über Meyers\' Schicksal in Erfahrung zu bringen, bleiben über viele Jahre erfolglos. Alle angeschriebenen US-Archive verweigern die Herausgabe von Daten zu ehemaligem Sicherheitspersonal.
Erst die Recherchen von Klaus Breitbach (74), Neffe und Adoptivsohn des ersten Trierer Nachkriegs-OB und Autor des Buchs "Die Ära Friedrich Breitbach - Eine Dokumentation zur Nachkriegsgeschichte von Trier 1945/46" (frisch erschienen im Selbstverlag von Stadtbibliothek und Stadtarchiv) haben in den vergangenen Monaten Licht ins Dunkel gebracht.Von der Polizei zur Armee

 Am 11. März 1945 von Ira R. Meyers ausgestellt: Ausweis für Friedrich Breitbach, Triers ersten Nachkriegs-OB. Foto: Sammlung Adolf Welter
Am 11. März 1945 von Ira R. Meyers ausgestellt: Ausweis für Friedrich Breitbach, Triers ersten Nachkriegs-OB. Foto: Sammlung Adolf Welter Foto: roland morgen (rm.) ("TV-Upload morgen"


Ira Roswell Meyers wurde am 23. Juli 1913 als Sohn von Bernard L. Meyers und Frances Baywood in New York geboren. Seine jüdischen Großeltern waren 1874 vermutlich aus dem Moselraum in die USA ausgewandert. Meyers arbeitete zunächst als Polizist und Kriminalbeamter im New York Police Department. 1949 heiratete er Davina Muirhead (1911-1986); die Ehe blieb kinderlos.
Wie seine beiden Brüder Jerome (1918-2007) und Melvin Nathaniel (1923-2002) kämpfte er im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis und Japan und war später auch in Korea- und Vietnamkrieg im Einsatz. Er starb am 23. Januar 1993 in Upper Marlboro, Maryland. Sein Grab befindet sich auf dem Nationalfriedhof Arlington in Virginia.
In seinem Buch "Trier 1939-1945 - Neue Forschungsergebnisse zur Stadtgeschichte" (1998) schreibt Adolf Welter ausführlich über den jüdischen US-Leutnant und sein gut viermonatiges Wirken 1945 in Trier. Welters Schlusssatz - "Es ist angebracht, sich an ihn als einen guten Menschen zu erinnern, der vielen Trie rern in schwerer Zeit geholfen hat" - hat nichts von seiner Gültigkeit verloren.