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Der lange Kampf gegen den Krach durch Autos

Der lange Kampf gegen den Krach durch Autos

Nächtliche Tempolimits, mehr Leihfahrräder, Akustikdecken in Kindergärten und Schulen: Ein vom Land gegründeter Runder Tisch hat Pilotprojekte zur Reduzierung des Lärms in Rheinland-Pfalz angestoßen.

Mainz. Gerade ist die Fußball-Europameisterschaft zu Ende gegangen. Tausende Fans haben bei Public Viewings Siege bejubelt oder Niederlagen betrauert. Des einen Freud\', des anderen Leid: "Anwohner haben mit dem Partylärm schlechte Erfahrungen gemacht", sagt Dr. Rokho Kim von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Bonn. Er zeigt sich sehr besorgt über die gesundheitlichen Folgen von Lärm.
Die WHO konstatiert Depressionen, Schlafstörungen oder Herzprobleme bis hin zu Infarkten bei Menschen, die dauerhaft hohen Geräuschpegeln ausgesetzt sind. Auf der Basis ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt sie Empfehlungen ab: In der Nacht solle der Lärm im Mittelwert 45 Dezibel nicht übersteigen. Als Zwischenziel werden 55 Dezibel angestrebt.
Zum Vergleich: Ein normales Gespräch wird bei ungefähr 40-50 Dezibel geführt. Abrollgeräusche bei Autoreifen verursachen etwa 70 Dezibel, ein Presslufthammer gar 90 Dezibel Lärm.
Dass die Landesregierung nun in ihr Landesrecht Lärmgrenzwerte aufnehmen will, wobei sie sich an der WHO orientiert, und mit einem Aktionsplan verschiedene Akteure einbinden will, begrüßt der Südkoreaner Kim.
Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne) betont: "Lärmschutz ist eine große Herausforderung." Der Lärm müsse an der Quelle behoben werden. Die zuständigen Kommunen befänden sich aber in der Defensive, weil ihnen Rechtsgrundlagen und Geld fehlten. Das Land will sie mit der Gründung eines Runden Tisches unterstützen und gleichzeitig für mehr Transparenz und Bürgerbeteiligung sorgen.
Hubert Meisinger von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, einer der Akteure, begründet die Teilnahme so: "Der Mensch soll in Würde leben. Deshalb verfolgen wir das Ziel einer sozialen, umweltgerechten und nachhaltigen Mobilität."
Der Runde Tisch hat bereits erste Pilotprojekte mit unterschiedlichen Ansätzen beschlossen, für die sich Kommunen jeweils beworben hatten. Das Land fördert das mit 300 000 Euro. Für das Geld werden Messgeräte, Schilder oder Fahrräder gekauft. Die Maßnahmen - zum Beispiel nächtliche Tempolimits in Trier und Mainz - werden mit der Kommune abgestimmt. Sie laufen ein Jahr lang und werden dann ausgewertet.
Reinhard Moll vom Automobilclub ADAC Mittelrhein zeigt sich in Bezug auf Tempolimits in Städten skeptisch. "Unsere Tests haben ergeben, dass sich beim Verbrauch nichts grundlegend ändert. Das wird wohl beim Lärm ebenso sein." Grundsätzlich sei gegen Versuche nichts einzuwenden, solange vor Ort festgelegt werde, wo langsamer gefahren wird.
Das Pilotprojekt "Eco Drive" in Luwigshafen, bei dem es um den Fahrstil geht, findet Moll gut. "Jeder Autofahrer kann seinen Verbrauch beeinflussen. Wir bieten Kurse an, um das zu lernen."Meinung

Eine Herkulesaufgabe
Umweltministerin Ulrike Höfken weiß selbst nur allzu gut, dass der Runde Tisch und dessen Pilotprojekte zur Reduzierung des Verkehrslärms nur der Anfang eines langen und beschwerlichen Weges sind. Es gibt vorerst nur wenige Maßnahmen, die zur Verfügung stehenden Mittel sind bescheiden. Wer den Krach durch Autos, Flugzeuge oder Züge dauerhaft und nachhaltig bekämpfen will, sieht sich einer Herkulesaufgabe gegenüber. Teils gegensätzliche Interessen, zum Beispiel die nächtlichen Ruhewünsche der Bürger und die Transportnotwendigkeiten der Wirtschaft, müssen unter einen Hut gebracht werden. Außerdem müssen die verschiedenen Gesetzgebungsverfahren in EU, Bund und Ländern politisch koordiniert und angeglichen werden. Höfkens Initiative ist eher symbolischer Art. Die Grüne rückt das Thema Lärmschutz in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Und das ist gut so. f.giarra@volksfreund.de