Der Moselaner, der Jack the Ripper enttarnt (Videos)

Der Moselaner, der Jack the Ripper enttarnt (Videos)

Uwe Kinn ist Phantombildzeichner mit Pfiff. Der 43-Jährige vom Landeskriminalamt hat ein Programm entwickelt, das einen Bankraub in der Eifel aufklären soll – und einen berühmten Mörder wohl entlarvt hätte.

Den 1. Februar dürften Bankangestellte im Eifeldorf Oberkail ihr Leben lang nicht vergessen. Zwei Männer stürmten an dem Tag um 9.23 Uhr in die Bank, bedrohten die Mitarbeiter mit Pistolen und flüchteten mit einer fünfstelligen Geldsumme ohne jemanden zu verletzen. Die Kriminalpolizei sicherte Spuren, befragte Zeugen. Erwischt hat sie die Bankräuber bis heute nicht. Das soll sich nun ändern. Dank eines Moselaners, der in Osann-Monzel (Kreis Bernkastel-Wittlich) aufgewachsen ist. Uwe Kinn ist Phantombildzeichner beim Landeskriminalamt (LKA) in Mainz. Und zwar einer mit Pep.

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Der 43-Jährige hat ein Computerprogramm entwickelt, das hilft, ein Verbrechen aus drei Dimensionen darzustellen. Heißt: Zeugen können sich das Bild so von oben, unten, links und rechts, einfach aus jeder Lage anschauen. Das Hilfreiche dabei, so sagt Kinn: Je nachdem, wo Beobachter am Tatort gestanden haben, könnten bereits verblasste Erinnerungen wieder stärker ins Gedächtnis gerufen werden. Der Polizei könne das helfen, neue Details rauszufinden. Beim Banküberfall in Oberkail setzt das Polizeipräsidium Trier das 3D-Verfahren erstmals ein, um Täter zu identifizieren (siehe Extra).

Aufregend ist auch die lange Vorgeschichte, die zu dem Einsatz führte: Kinn tüftelte selbst an seinem Programm, indem er die Verbrechen des Prostituiertenmörders Jack the Ripper dort einspeiste, des sogenannten Aufschlitzers. Der Killer soll im Herbst 1888 mindestens fünf Frauen umgebracht haben - im östlichen Londoner Stadtteil Whitechapel, der vor Tagelöhnern wimmelte und in dem 1200 Prostituierte arbeiteten. Kinn ließ sich alte Aufzeichnungen von Scotland Yard schicken, wälzte Akten, Zeitungsberichte, das Gekritzel der alten Ermittler, jede noch so winzige Zeugenaussage. Einen ganzen Sommer lang sei er beschäftigt gewesen, habe ein Puzzleteil an das andere gereiht, um 130 Jahre zu einem Bild zu formen, das er zeichnen kann. Kinn fand Gemeinsamkeiten in Aussagen. Feine Kleidung, einen Hut, ein rotes Tuch soll der Ripper getragen haben. Kinn skizziert ihn als schäbig, aber nicht zu schäbig, vornehm, aber nicht zu vornehm. Der 43-Jährige fertigte feine Konturen, verlieh dem Mörder ein Gesicht und verließ sich dabei auf das Gespür von 20-jähriger Berufserfahrung.

Die Software half dann, erste Zeichnungen dreidimensional darzustellen. Und: Kinn rekonstruierte in 3D, wie die Orte der Verbrechen nur Minuten vorher ausgesehen haben könnten und wie die Morde möglicherweise passiert sind. Kinn sagt: "Heute könnten wir Jack the Ripper demaskieren." Doch im 19. Jahrhundert sei es der Polizei nur möglich gewesen, ein Phantombild mit Bleistift und Papier zu zeichnen. Nun gibt es das 3D-Programm des Moselaners, das bei Sicherheitsbehörden weltweit begehrt ist - und das Kinn schon weiterdenkt. Er arbeitet daran, dass Szenen sich virtuell noch besser nachbilden lassen, über Avatare, die es sonst nur im Kino gibt. Tathergänge wolle er so noch besser rekonstruieren.

Eins, so sagt der Phantomzeichner, änderte sich auch im digitalen Zeitalter nicht: "Der Bleistift bleibt meine schärfste Waffe." Denn vor jeder 3D-Animation auf dem Rechner steht ein Bild, das er häufig genug zeichnen muss, wenn die Polizei nach Straftätern im Land fahndet, vom Einbrecher bis hin zum Sexualverbrecher. Mit den Skizzen hat Kinn sein Hobby zum Beruf gemacht. Er zeichnete schon als Jugendlicher gerne Comics oder die Landschaft an der Mosel. Als er zur Polizei ging, wollte er ursprünglich von Mainz in die Nähe der alten Heimat nach Trier wechseln, ehe das Landeskriminalamt einen Mitarbeiter suchte, der gut zeichnen kann. Kinn bekam den Job - und fährt bei mehr als 100 Straftaten im Jahr mit Block und Stift raus. Bis zu jedes dritte oder vierte Bild helfe dabei, Täter zu ermitteln, sagt er.

Und manche Bösewichte scheinen vom Zeichentalent des Moselaners ganz angetan zu sein. "Einmal haben wir einen geschnappt, der sein eigenes Phantombild in der Brieftasche hatte." Eine Geschichte, die der 43-Jährige mag und auch gerne erzählt. Denn: "Die Zeichnung hat ihm wohl gefallen."

HILFE ERWÜNSCHT: POLIZEI SUCHT RÄUBER MIT VIDEO
(flor) Mit der Software des LKA-Experten Uwe Kinn sucht die Trierer Polizei nun nach den Bankräubern von Oberkail vom 1. Februar. In einem Video können Zeugen einen der beiden Täter aus allen möglichen Perspektiven sehen. Die Polizei teilt mit, dass diese möglicherweise wegen der Grenznähe über die Autobahn A60 geflohen sein könnten. Die Beamten gehen davon aus, dass die Täter die Bank vor dem Überfall ausgespäht haben. Für Hinweise, die zur Aufklärung der Tat sowie zur Täterermittlungen führen, haben die Staatsanwaltschaft Trier und die Kreissparkasse Bitburg-Prüm eine Belohnung in Höhe von jeweils 2000 Euro ausgesetzt. Zeugen werden gebeten, sich bei der Kriminalpolizei in Trier zu melden unter 0651/97792480 oder per E-Mail an kdtrier.hinweisaufnahme@polizei.trier.de

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