Der Nürburgring, ein Insolvenzfall wie noch keiner

Der Nürburgring, ein Insolvenzfall wie noch keiner

Mehr als zehn Bieter haben sich ernsthaft um den Kauf des Nürburgrings bemüht. Hat mit dem Autozulieferer Capricorn der Beste gewonnen? "Ohne Wenn und Aber: Ja!", sagt Insolvenzgeschäftsführer Thomas B. Schmidt.

In schicken neuen Büroräumen am Kornmarkt in Trier, mit Blick auf das mondäne ehemalige französische Casino, empfängt Insolvenzexperte Thomas B. Schmidt neuerdings seine Gäste.

Der Trierer ist mit seiner Kanzlei umgezogen, beschäftigt mittlerweile 13 Mitarbeiter. Das Nürburgringverfahren spielt natürlich eine große Rolle. "Es war mein anspruchsvollster, nervenaufreibendster, schwierigster, aber in der Summe auch schönster Fall", sagt Schmidt. Fertig ist er mit der Arbeit noch lange nicht. Erst Ende 2015, hofft er, "kann ich das Buch zumachen".

Im Verkaufsprozess hat Schmidt Kurioses erlebt. Ein Interessent habe einen Euro geboten, ein anderer neben dem Ring noch den Flughafen Hahn kaufen wollen, erzählt er. Diesem Investor schwebte vor, Jets über die Nordschleife fliegen zu lassen.

Schmidt und sein Kollege Jens Lieser bekamen die unterschiedlichsten Konzepte präsentiert, hörten immense Summen, die angeblich gezahlt werden sollten. So hat ein amerikanisches Konsortium namens Nexovation nach Informationen unserer Zeitung in der Summe 150 Millionen Euro geboten (siehe Extra).

Schmidt geht darauf nicht näher ein. Er sagt, man habe ausschließlich auf verbindliche und geprüfte Finanzierungen gesetzt. Die Erlössumme von 77 Millionen Euro entspreche dem Verkehrswert. Dass weitere 25 Millionen künftig am Ring investiert werden sollen, sei schriftlich fixiert worden. Details habe man Mitte März natürlich noch nicht festlegen können.

Capricorns Konzept mit einem Zentrum für Motorsport, Technologie, Forschung und Lehre imponiert dem Insolvenzverwalter. "Es wird der Zukunft des Nürburgrings sehr gerecht." Bei dieser Gelegenheit bemüht sich Schmidt, etwas zurechtzurücken: Keinesfalls sei alles, was vom Land für 330 Millionen Euro gebaut worden sei, nutzlos.

"Beachtliche Investitionen" seien die Hotels, die dringend benötigt würden, sowie das Feriendorf in Drees. Auch für das Ring-Werk oder den Boulevard, letzteren könne man als Messefläche nutzen, habe Capricorn Ideen. Schmidt betont: "Diese Investitionen werden dafür sorgen, dass der Ring besser funktioniert."

Die nervenaufreibenden Tage und Nächte sind für den Insolvenzfachmann erst mal vorbei. Am Ende ist alles sehr schnell gegangen. Der 11. März wird als der Tag in die Geschichte eingehen, an dem die berühmteste Rennstrecke der Welt verkauft wurde.

Der Gläubigerausschuss sei kurzfristig eingeladen worden, doch der Termin sei im Vorfeld mit den Mitgliedern abgestimmt gewesen, blickt Schmidt zurück. Das Gremium nahm "deutlich mehr als zehn Angebote" unter die Lupe, wälzte Unterlagen, diskutierte intensiv, ehe die Entscheidung für Capricorn fiel.

Auf die Frage, ob die rot-grüne Landesregierung Einfluss genommen habe, antwortet Schmidt: "Es gab nicht einmal den Versuch." Alles sei "sehr korrekt" abgelaufen. Dass sich Regierungschefin Malu Dreyer, Innenminister Roger Lewentz und Wirtschaftsministerin Eveline Lemke an jenem Tag ebenfalls in Koblenz aufhielten, stuft Schmidt als "zufällige Zeitgleichheit" ein. "Ich habe meine Ministerpräsidentin erst auf dem Weg zur Pressekonferenz informiert."

Das Gros der Arbeit ist erledigt, aber längst noch nicht alles. Schmidt bleibt bis Ende des Jahres für das operative Geschäft verantwortlich. "In Kürze wird es erste Gespräche mit Bernie Ecclestone über das Formel-1-Rennen 2015 geben", verrät er.

Die wichtigste Entscheidung, ob die EU-Kommission zustimmt, steht noch aus. In der zweiten Jahreshälfte soll sie fallen. Schmidt sieht hier ebenso positive Signale wie vom ADAC, der am Ring bleiben wolle, oder von Kritiker Otto Flimm, der eine Tendenz erkennen lasse, den Verkauf an Capricorn als Chance für die Region zu erkennen.

Und was bedeutet der Nürburgring für den Sanierer? "Einen zusätzlichen Kompetenznachweis", sagt Thomas B. Schmidt lapidar. Was er an der Ringsanierung verdient hat, will er nur dem Finanzamt verraten; und sich ansonsten in den schönen neuen Büroräumen vorwiegend auf regionale Insolvenzfälle konzentrieren.Extra Nürburgringverkauf

Im Investorenprozess zum Verkauf des Nürburgrings hat es einen Bieter gegeben, der insgesamt 150 Millionen Euro zahlen wollte. Das geht aus einem Schreiben dieses Bieters, einem amerikanischen Konsortium namens Nexovation, an die federführenden Wirtschaftsprüfer der KPMG vom 11. März hervor, das dem TV vorliegt. Darin heißt es: "Der Barbetrag (…) wird von 70 Millionen auf 90 Millionen Euro erhöht. Ein zusätzlicher Betrag in Höhe von 20 Millionen Euro ist zahlbar vor dem 31. März 2015. Ein weiteres earn out in Höhe von 40 Millionen Euro bleibt bestehen." Nicht näher erläutert wird, was mit "earn out" gemeint ist. In dem Brief heißt es weiter, man freue sich über die "positiven Rückmeldungen zu unserem Businessmodell". Offenbar kam das Nexovation-Angebot nicht zum Zuge, weil der Finanzierungsnachweis fehlte. Die Firma schreibt an KPMG: "Wir werden bis zum 31. März sämtliche verbindlichen Finanzierungszusagen übermitteln können." Allerdings stellt sich die Frage, warum angesichts dieser hohen Angebotssumme der Verkauf schon am 11. März vollzogen wurde. Die Sanierer hatten stets Ende erstes Quartal, also Ende März, als Ziel genannt.fcg