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Der Nürburgring zwischen Hoffen und Bangen

Der Nürburgring zwischen Hoffen und Bangen

Optimistische Käufer, ängstliche Mitarbeiter, misstrauische Bürger: Widersprüchliche Meinungen und Stimmungen kennzeichnen nach der Veräußerung an private Investoren die Situation am legendären Nürburgring in der Eifel.

Nürburg. Rund 5000 mal ist er schon mit Vollgas über die Nordschleife und die Grand-Prix-Strecke gebrettert. Erstmals hat er als 15-Jähriger mit seinem Vater in einem Porsche gesessen. Jetzt ist Adam Osieka 40 Jahre alt - und der Nürburgring gehört ihm. Der geschäftsführende Gesellschafter der Firma Getspeed, ansässig im Gewerbegebiet Meuspath um die Ecke, hat die Vermögenswerte gemeinsam mit Robertino Wild, Inhaber der Firma Capricorn, erworben. Capricorn hält 67 Prozent, Getspeed 33 Prozent.
Wer sind diese Menschen? Was treibt sie an? Was haben sie am Ring vor? Das will am Mittwoch Ministerpräsidentin Malu Dreyer wissen. Die SPD-Politikerin besucht die Firmen. Kaum ihrer schwarzen Dienstlimousine entstiegen, steht sie vor einer Reihe schnittiger Rennwagen. Allesamt Porsche. Schnell - und noch schneller gemacht in der Werkstatt von Getspeed. Adam Osieka präsentiert stolz die Autos und die Siegertrophäen, die man bereits eingeheimst hat.Kein leichter Auftritt


Malu Dreyers Welt ist das nicht. Sie lächelt etwas gequält, als sie vor den Boliden für Foto- und Fernsehkameras posieren soll. Regierungssprecherin Monika Fuhr verhehlt nicht, dass ihre Chefin andere Vorlieben hat.
Interessanter ist für die langjährige Gesundheits- und Sozialministerin Dreyer schon das zweite Standbein von Getspeed: Das junge Unternehmen traut sich an Hightech heran und entwickelt ein Stress-Monitoring des Autofahrens, das zur Serienreife entwickelt werden soll.Skepsis gegenüber Käufer


Auf Technologie setzt auch Capricorn. Hier werden Leichtbau-Komponenten für Audi oder Porsche entwickelt. Alles wird per Hand gefertigt. Genau deshalb ist der Nürburgring für Firmeninhaber Robertino Wild interessant. Er hat nicht nur wie Adam Osieka Benzin im Blut, sondern beide sind sich auch einig, dass zu dem im Vordergrund stehenden Motorsport ein Technologiepark bestens passt. Osieka bezeichnet den Ring als "rohen, ungeschliffenen Diamanten".
Die Motorsportfans rund um die Eifel-Rennstrecke honorieren das. Eine gewisse Skepsis der zahlreichen Besucher gegenüber den Käufern ist abends bei einem Empfang im Ring Boulevard spürbar. Doch allgemein herrscht eine wohlwollende Stimmung.Dreyer versteht Kritik


Die Ministerpräsidentin weiß, dass es nach "all den Versprechen in der Vergangenheit" noch reichlich Misstrauen in der Region gibt. Sie findet das "nachvollziehbar". Dreyer versucht zu vermitteln, dass alles getan worden sei, damit sich die Fehler nicht wiederholen und es am Nürburgring endlich aufwärts geht.
Nachdem der Steuerzahler die Käufer von den hohen Kosten für Abschreibungen und Finanzierungen der riesigen Betonbauten entlastet hat, blicken diese optimistisch in die Zukunft. Das reguläre Geschäft am Ring brummt.Keine Zweifel


Tag für Tag sind die Strecken laut Vertriebschefin Claudia Seibel für Test- und Touristenfahrten sowie Renntrainings ausgebucht. Man versucht jetzt, noch mehr Kongresse und Firmenveranstaltungen in die Eifel zu locken - und wirbt nicht mehr nur national, sondern international mit der Marke Nürburgring. Ende Mai kommen 1400 Buddhisten aus der ganzen Welt in die Eifel. "Wir verfolgen eine klare Strategie und sind gerüstet, um uns im Markt und im Wettbewerb zu behaupten", betont Geschäftsführer Karl-Josef Schmidt.
"Gewisse Hürden" sind laut der Ministerpräsidentin noch zu überwinden. Vor allem die Prüfung des Bieterverfahrens durch die EU-Kommission. Malu Dreyer zeigt sich überzeugt davon, dass die Insolvenzverwalter korrekt und sauber gearbeitet haben. "Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln."
Auch deren Sprecher Pietro Nuvoloni sagt, man sei diesbezüglich "sehr entspannt". Allerdings liegt dem Volksfreund ein Schreiben des Anwalts des unterlegenen Bieters Nexovation an die Regierungschefin vor. Darin werden schwere Vorwürfe erhoben. So sei das höchste Gebot - die US-Firma wollte 150 Millionen Euro zahlen - nicht zum Zuge gekommen. Stattdessen sei der spätere Sieger Capricorn bevorzugt worden, denn er habe schon vor dem Zuschlag des Gläubigerausschusses Vertragsverhandlungen führen dürfen, etwa mit Bierlieferant Bitburger.
Derweil schweben die 299 Mitarbeiter der Ring Betriebsgesellschaft zwischen Hoffen und Bangen. Einerseits sind sie froh, dass sich nach all den Irrungen und Wirrungen eine verlässliche Zukunft abzeichnet. Andererseits gilt ihre größte Sorge dem Erhalt ihrer Arbeitsplätze, verrät Betriebsratschef Heinz Hoffmann.
Carsten Schumacher, seit 1. April neu in der Geschäftsleitung der Ring GmbH (NBG), zeigt auf, dass Anfang Juli entschieden werde. Erst dann sei alles überprüft und es bestehe Gewissheit über die Strukturänderungen.Kritik der CDU


Unterdessen kritisiert für die CDU-Opposition Alexander Licht (MdL) die Aktion. Viel Schau, leere Worte und konsequente Ignoranz der eigenen Verursacherverantwortung - so bezeichnet der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Alexander Licht den Besuch von Frau Dreyer am Nürburgring: "Der Nürburgring gehört nicht mehr den Bürgern. Das ehemalige Landesvermögen musste wegen einer SPD-geführten Landesregierung verkauft werden." Landesvermögen und damit Steuerzahlergeld seien massiv vernichtet worden, so Licht: "Mit aller Gewalt versucht Frau Dreyer aber nach wie vor den Eindruck zu vermitteln, als seien andere daran schuld gewesen, als hätte die SPD eine verantwortungsvolle, geordnete Insolvenz moderiert, als hätte Frau Dreyer den Nürburgring gerettet."