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"Der Papst schafft nicht alles allein": Was der Mainzer Kardinal Karl Lehmann erwartet

"Der Papst schafft nicht alles allein": Was der Mainzer Kardinal Karl Lehmann erwartet

Seit 1983 ist er Bischof von Mainz. Mit seinem 80. Geburstag erwartet Kardinal Lehmann die Entbindung von seinen Amtspflichten. Im Interview spricht er über Höhe- und Tiefpunkte seiner Zeit als Bischof und sagt, wie er zu einem Diakonat für Frauen steht.

Herr Kardinal, welches waren Höhe- und Tiefpunkte in Ihrer Zeit als Bischof von Mainz?
Karl Kardinal Lehmann: Es gibt ganz verschiedene Höhe- und Tiefpunkte. Nach außen hin war gewiss der Katholikentag 1998 - 150 Jahre nach dem ersten und 50 Jahre nach dem ersten Nachkriegs-Katholikentag - ein Höhepunkt, aber auch die großen Jubiläen, allen voran 1000 Jahre Mainzer Dom. Herausragende Ereignisse sind alle Sendungsfeiern und Weihen junger Leute, ob einmalig oder wiederholt: Die Kirche bleibt jung! Tiefpunkte waren die Fälle von sexuellem Missbrauch - sowie die Auswirkungen der Limburger Affäre mit der Folge vieler Kirchenaustritte. Aber auch unsere einzelnen Fehltritte gehören zu diesem Versagen!

Was erwarten Sie sich in den kommenden Jahren von Papst Franziskus?
Lehmann: Zunächst hoffe und bete ich, dass Papst Franziskus uns lange erhalten bleibt. Hoffentlich findet er Zeit, für die Verantwortlichen - in Rom, bei uns und auf der ganzen Welt - die richtigen Personalentscheidungen zu treffen. Dann habe ich keine Sorge. Vielleicht findet er auch mit Hilfe des von ihm oft vertretenen Gedankens, dass die Kirche synodal verfasst ist, Formen einer größeren Selbstständigkeit der Teilkirchen, ohne damit die heute in einer Weltkirche ganz wichtige Einheit zu gefährden. Damit sind auch wir gefragt. Der Papst schafft nicht alles allein.

Wie sehen Sie die künftige Entwicklung der Rolle von Frauen für geistliche Aufgaben in der Kirche?
Lehmann: Ich kann dies nicht auf die geistlichen Aufgaben beschränken. Als ich in den 1950er Jahren studierte, gab es nur ganz wenige Frauen im Theologiestudium. Heute gibt es kaum mehr eine Theologische Fakultät ohne mindestens eine Ordentliche Professorin in einem Hauptfach. In unseren Diözesen gibt es Frauen, die zum Beispiel ein Seelsorgeamt oder ein wichtiges Dezernat wie Schulen und Hochschulen leiten. Die Bischofskonferenz hat vor kurzem ein Fünf-Jahresprogramm verabschiedet für eine stärkere Berücksichtigung von Frauen in Führungspositionen. Wir haben in Mainz eine kirchliche Klinik mit mehreren Chefärztinnen, mehr als in vielen weltlichen Kliniken. Da können wir uns durchaus sehen lassen.
Frauen sind als Pastoralreferentinnen, als Gemeindereferentinnen in pastoralen und spirituellen Diensten. Leider dauert es schon zu lange, bis in Rom eine Entscheidung fällt über einen Ständigen Diakonat der Frau. Wenn ich ehrlich bin, sehe ich für ein Priestertum der Frau in unserer Kirche keinen Weg, aber man darf, wie diese kleine Übersicht zeigt, auch nicht einfach auf diese Frage allein starren und dies als einziges Kriterium für eine bessere Akzeptanz der Frau aufstellen.

Welche Perspektiven für die Ökumene sehen Sie in der Kirche?
Lehmann: Wir haben in der ökumenischen Arbeit in den letzten 50 Jahren sehr viel erreicht. Es verbleiben aber auch noch Aufgaben - hauptsächlich im Problembereich von Kirche und darin auch der Ämter und Dienste. In der Flüchtlingskrise leisten alle Kirchen sehr viel. Dies wird uns gewiss auch in anderen Fragen noch näher zusammenbringen.
Sie haben immer mit Sympathien die Begeisterung von Menschen für den Fußball betrachtet, sind Ehrenmitglied von Mainz 05. Kann die Kirche vom Fußball lernen oder umgekehrt?
Lehmann: Wir können alle voneinander lernen, die Kirche vom Fußball: Geistesgegenwart und Ausnützung der Chancen, der Fußball von der Kirche: Fairness und Rücksicht aufeinander, besonders auf den Schwächeren.

Haben Sie schon Pläne für den Ruhestand? Werden Sie weitere Bücher schreiben?
Lehmann: Jetzt mache ich keine Pläne, sondern bin froh, wenn ich einmal von den allermeisten Zwängen frei werde. Aber natürlich werde ich im Bereich von Theologie, Philosophie und Ökumene weiterarbeiten, so lange ich die Kraft dafür habe. Vielleicht schreibe ich auch Bücher. Aber über die rede ich nur, wenn ich sie fertig habe. Ich will keinen Druck. Ich freue mich auf das, was man heute "Entschleunigung" nennt. Eile mit Weile!