"Der schönste Platz ist in der zweiten Reihe"

Mainz · Effizient, geräuschlos, klug: Diese Attribute zeichnen Jacqueline Kraege aus. Ab Mitte Januar wird die Politikerin ihre Stärken noch prominenter einbringen können, denn dann wird die Staatssekretärin Chefin der Staatskanzlei.

Mainz. In einem relativ kleinen Büro im ersten Stock des Sozialministeriums in Mainz ziert eine Büste den Besprechungstisch. Es ist eine Frau, die sich demütig verneigt. Das Büro gehört Jacqueline Kraege, die Büste passt zu ihr. In ihrer gesamten Karriere hat die Sozialdemokratin, 52 Jahre alt, bislang demütig im Hintergrund gewirkt. Das allerdings mit großem Erfolg.
Die Frau mit den langen dunklen Haaren wirkt unscheinbar, doch schon nach wenigen Sätzen ahnt man die Energie, die in ihr steckt. Ihr eilt der Ruf nach, sich rasch in unterschiedliche politische Sachverhalte einarbeiten und auch in schwierigen Situationen mit klarem Kopf schnelle Entscheidungen fällen zu können. Zudem gilt sie als glänzende Organisatorin.
Genau diese Fähigkeiten werden im Zentrum der Macht von der künftigen Chefin der Staatskanzlei, der rechten Hand der designierten Ministerpräsidentin Malu Dreyer also, verlangt.
Jacqueline Kraege, geboren in München, hat in Bonn Politik, Germanistik, Literaturwissenschaft und spanische Philologie studiert. Ihr Studium hat sie in weiten Teilen selbst finanziert. Zunächst sollte es beruflich etwas mit Kunst werden, aber dann faszinierte sie die Politik. "Ich wollte nicht in einem Museum verstauben", erzählt sie. Anfang der 90er Jahre startete Kraege als Koordinatorin der Regionalkonferenzen beim SPD-Bundesvorstand. Dann wechselte sie als Büroleiterin zum Bundestagsabgeordneten Christoph Zöpel, dem ehemaligen nordrhein-westfälischen Verkehrsminister. "Da habe ich unheimlich viel gelernt, was das Organisieren anbelangt, schließlich war Zöpel einen ganzen Ministeriumsstab gewöhnt", erinnert sich Kraege.
Dieses Talent blieb nicht unverborgen. Karl-Heinz Klär, damals Chef der Mainzer Staatskanzlei, lotste sie 1992 nach Rheinland-Pfalz.
Kraege wurde Referentin, dann Referatsleiterin, dann Büroleiterin von Ministerpräsident Kurt Beck ("ein traumhafter Chef"), dann Abteilungsleiterin für Ressortkoordination und Regierungsplanung.
2005 wurde sie Staatssekretärin im Umweltministerium, seit Mai 2011 hat sie diese Position im Sozialministerium bei Malu Dreyer inne.
Der nächste Karrieresprung kommt wohl zwangsläufig: Beinahe jeder im Regierungsviertel hält Kraege für die Idealbesetzung als Chefin der Staatskanzlei (CdS). Dort wird die Regierungsarbeit koordiniert, dort werden sämtliche Entscheidungen vorbereitet und abgestimmt, Probleme gelöst und Konflikte geregelt. Dass Kraege all das kann, hat sie hinlänglich bewiesen. Selbst von der CDU kommen respektvolle Worte und Glückwünsche.
In den drei Untersuchungsausschüssen Arp, Nürburgring und CDU-Finanzen fungierte Kraege zum Beispiel als Beauftragte der Landesregierung, musste über das Zuliefern von Akten und die Vertraulichkeit von Dokumenten entscheiden. Und räumte dabei Gefahrenpotenzial geräuschlos ab. Gemessen am teils großen Unmut der oppositionellen CDU muss die politische Beamtin im Sinne der SPD sehr viel richtig gemacht haben. Sie sagt dazu nur mit einem verschmitzten Lächeln: "Das kommentiere ich nicht."
Der Job als Strippenzieher des Regierungschefs erfordert absolute Diskretion und blindes Vertrauen. Zwischen die Protagonisten darf kein Blatt Papier passen. Jacqueline Kraege und Malu Dreyer verstehen sich blendend. "Wir simsen und mailen sehr viel, auch an die privaten Adressen", erzählt Kraege. Ein Mittagessen zum Austausch unter vier Augen ist jeden Dienstag nach der Kabinettssitzung obligatorisch.
Für die rechte Hand der Ministerpräsidentin ist aber noch eine andere Fähigkeit unerlässlich: die, sich zurückzunehmen. So verwundert es nicht, dass Kraege noch nie ein Mandat angestrebt, sondern stets im Hintergrund gewirkt hat. "Der schönste Platz ist in der zweiten Reihe", sagt sie.
Dass sie die Landespolitik seit zwei Jahrzehnten kennt, Verbindungen zur Bundespolitik hat und bereits im Umwelt- und im Sozialministerium fachpolitische Erfahrungen gesammelt hat, wird ihr im neuen Job helfen. Kraege empfindet sich als Generalistin: "Ich finde es spannend, wie sich das Ganze entwickelt."
Die begeisterte Radfahrerin, die gerne Gemüse und Salat und mitunter "ein schönes großes Steak" isst, wird demnächst weniger Zeit für private Hobbys haben. Familientechnisch wird es aber einfacher, denn ihr zweiter Mann, der Arzt ist, zieht von München nach Mainz um. Ihre Rückkehr in die Staatskanzlei bereitet Kraege "ein bisschen Herzklopfen, denn das ist ja dann eine ganz andere Verantwortungsebene". Aber auch im großen CdS-Büro wird wohl die Büste der demütigen Frau ein geeignetes Plätzchen finden.

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