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Der Tag, an dem ich als Deutscher ein Deutscher werde

Der Tag, an dem ich als Deutscher ein Deutscher werde

Einigkeit und Recht und Freiheit: Am Vormittag übergibt Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe in einer Feierstunde die Einbürgerungsurkunde an Menschen aus Amerika, Afrika, Asien und Europa - auch an einen TV-Redakteur. Warum? Das lesen Sie hier.

Trier. Irgendwann, im Laufe des vergangenen Jahres nimmt der Gedanke mehr und mehr Gestalt an, lässt mich nicht mehr los. Der Gedanke, nicht nur gefühlt längst deutsch zu sein, sondern es auch auf dem Papier beglaubigt zu haben. Schwarz auf weiß dokumentiert, mit Rechten und Pflichten, mit einem "Antrag auf Einbürgerung in den deutschen Staatsverband", wie es im Beamtendeutsch heißt.
Aber will ich das wirklich? Denn ich war, bin und bleibe ja auch Spanier, gefühlt und auf Papier.

Als ich meinen Eltern - Generation "Gastarbeiter", wie es damals hieß - von meinen Überlegungen erzähle, sind sie gerührt. Freunde frotzeln, ob ich nun eine (bayerische) Lederhose anziehe und "typisch deutsche Gerichte" esse. Klar - wenn's schmeckt. Ich bin hier geboren, zur Schule und Uni gegangen, spreche fließend Deutsch. Für die Gräuel der Nazis habe ich mich als Schüler geschämt, den Fall der Mauer gefeiert. Nur halt mit einem spanischen Pass, keinem deutschen.Anlaufstation Behörde

Aber abgesehen von mangelnden Platt-Kenntnissen - die "Morjestonn" an der Mariensäule brachte mich mal bei einem Mundartabend in Trier zur Verzweiflung - fühle ich mich bestens integriert. Und das trotz früherer Nachfragen, ob ich ob meiner Hautfarbe aus Pakistan oder der Türkei stammen würde.

Ein kalter Januartag. Ich starte das Projekt Einbürgerung. Wo beginnt man? An einem Ort, der zunächst alles andere als einladend wirkt, im Gebäude des Straßenverkehrsamts an der Thyrsusstraße in Trier-Nord. Hier, wo Autoverkäufer und -käufer Fahrzeuge an-, um- oder abmelden, findet sich im zweiten Stockwerk auch das städtische Amt für Ausländerangelegenheiten. Zimmer 8, Abteilung "Einbürgerung".

Ich klopfe an. "Guten Tag, ich möchte mich einbürgern." Ein bisschen fühle ich mich ja wie ein Bittsteller. Ich bekomme einen mehrseitigen Fragebogen in die Hand gedrückt. Seit wann ich in Deutschland lebe. Wen ich geheiratet habe (falls). Wer mein Arbeitgeber ist. Und was ich überhaupt die letzten Jahre angestellt habe. Puh.Dreistelliger Eurobetrag in bar

Billig ist das Deutsch-werden auch nicht, 255 Euro sind zu entrichten, in bar - die Gebühren für Reisepass oder Personalausweis nicht eingerechnet. Am Ende des Antragsbogen taucht eine nicht unwichtige Frage auf: Warum wollen Sie eingebürgert werden?

Gute Frage. Hat die Antwort eventuell negative Folgen? "Dass du hier deinen Lebensmittelpunkt hast", lautet eine Empfehlung im Internet. Tatsächlich dürfte das für so manchen Antragssteller der entscheidende Antragsgrund darstellen: Geburt, Jugend, Ehe, Flucht oder Umzug der Familie ins Land der Dichter und Denker, ein eigenes Unternehmen, Haus, neue Freunde, politisches Engagement. Man könnte auch sagen: Integration gelungen, Wurzeln geschlagen.

Nun bin ich als Angehöriger eines EU-Mitgliedsstaates unter den Ausländern privilegiert. Ich brauche den deutschen Perso nicht unbedingt, sieht man vom fehlenden Wahlrecht auf Landes- und Bundesebene oder dem Nichtzugang zu einer Beamtenstelle ab. Möglich macht es die Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union. Ich darf arbeiten und leben, wo ich will, brauche keine Aufenthaltsgenehmigung - anders als Ausländer aus Nicht-EU-Staaten, die den Ausweis sehr wohl benötigen.

Menschen aus Paraguay, Nigeria oder Indien zum Beispiel müssen sich mit Arbeits- oder Niederlassungserlaubnissen auseinandersetzen. Wer auf Europa schimpft, kennt nicht die Erleichterung, sich diesen Papierkrieg ersparen zu können. Ein dauerhaftes Bleiberecht ohne Furcht, dieses zu verlieren: Auch das dürfte manchen bewegen, die Einbürgerung zu beantragen.

Warum also in meinem Fall der Antrag? Es ist nicht nur die Gewissheit, Teil dieses Landes zu sein. Als Journalist setze ich mich für Werte wie Gleichheit, Meinungsfreiheit oder Teilnahme an politischen Entscheidungsprozessen ein. Aber wie glaubwürdig bin ich denn in meiner Forderung nach einem offenen Deutschland, das anders ist, als es die Generation meiner Eltern erlebt hat, bunter und fröhlicher - wenn nicht eben als "Mitglied dieses Staatsverbandes"? Und das gerade in diesen von Pegida geprägten Zeiten im Angesicht von Rechtsextremismus und der Rückkehr tot geglaubten nationalistischen Gedankenguts in Europa.

Was ist überhaupt deutsch? Die Fastnacht ... ja. Schlager ... ok, auch. Aber deutsch, das ist für mich ebenso das Curry beim Inder, der afrikanische Trommelkurs der VHS, der Arzt aus Pakistan. Außerdem will ich wählen. Ich fülle den Fragenbogen aus.Eine Feier für die Neubürger

Oktober. Die Flüchtlinge beherrschen die Schlagzeilen. In Trier-Euren, Höhe Asylunterkunft, gehen Männer und Frauen an der früher menschenleeren Schnellstraße entlang. Mein Weg führt mich zum Ausländeramt. Schulzeugnis, Geburtsurkunde, Arbeitsvertrag, Foto und das Geld im Gepäck, unterschreibe ich den Antrag unter dem Blick der Mitarbeiterin des Amtes, so wird es in der Vorgabe zur Einbürgerung verlangt. Auch, dass ich nicht Mitglied einer verfassungsfeindlichen Gruppe war. "Drei Monate dürften es werden", es würden Anfragen bei Behörden gestellt, zum Beispiel beim Arbeitsamt.

Ich warte. Bis Anfang Dezember ein Brief vom Ausländeramt ankommt. Und wenn die mich abgelehnt haben? Andererseits: Warum sollten sie? Ich bin nicht vorbestraft (Parkknöllchen zählen nicht), liege keinem auf der Tasche. Es fehle noch eine Unterschrift. "Ah, Sie fehlten mir noch, mein Spanier", begrüßt mich die Dame in Zimmer 8 fröhlich. In der gelockerten Stimmung lese ich ein Treuebekenntnis zum deutschen Grundgesetz vor und leiste die Unterschrift.
Und die Urkunde? Sie drückt mir eine Einladung in die Hand. "Ihrem Antrag auf Einbürgerung in den deutschen Staatsverband [wurde] entsprochen", steht da, die Urkunde werde im Rathaus bei einem Festakt übergeben. "Das ist eine schöne Feier", betont die Mitarbeiterin. Mit Musik und Hymne.

Bin ich jetzt bald wirklich ein Deutscher mit allem Drum und Dran? So mit Fahne schwenken für Jogis Fußball-Elf? Und wenn die gegen die Spanier spielen, wechsle ich dann das Fähnchen je nach Spielstand? In meiner Brust schlagen zwei Seelen, ach was, viele. Aber ist es nicht eigentlich völlig egal, woher man stammt, wie man aussieht, isst oder spricht? "Heimat ist, wo man sich wohlfühlt", hat mir mal ein Uni-Freund gesagt. Ich fühle mich hier wohl. Aber auch in Spanien. Wenn meine Einbürgerung beiträgt, Grenzen und Ausgrenzung abzubauen, ist das super. Fantastereien, naiv? Mir gefällt der Gedanke, ich nehme die Einladung an. Meine Frau ist entzückt. Wahrscheinlich hat sie schon die (schwarz-rot-goldene) Tröte bestellt. Für die EM.

Vor neun Jahren habe ich für den Volksfreund eine Einbürgerungsfeier im Trierer Rathaus begleitet, die Eingebürgerten befragt, Fotos geschossen. Jetzt werde ich die Urkunde erhalten, zusammen mit 46 weiteren Männern und Frauen aus verschiedensten Ländern der Welt. Der OB wird eine Ansprache halten, wir das Lied der Deutschen singen. Die dritte Strophe. Ich hab geübt, beim Fußballspiel. Dann bin ich das, was ich schon immer war. War doch eine gute Idee, der Antrag auf Einbürgerung.