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Der unsichtbare Krieg im Netz

Der unsichtbare Krieg im Netz

Die amerikanische Strategie zur Abwehr von Angriffen aus dem Cyberspace (kybernetischen Raum) beunruhigt Bürgerrechtler. Übertreibt der Staat die Gefahren, um die Privatsphäre einzuschränken?

Washington. Als sich im Frühsommer dieses Jahres der Computerwurm "Stuxnet" in die Zentrifugen der iranischen Atomanlage von Buschehr einschlich, gerieten die USA und Israel in Verdacht, das schädliche Programm in Umlauf gebracht zu haben. Das Interesse der beiden Länder, die Atomanlage abzuschalten, liegt auf der Hand.

Während die Bombardierung ein schwer kalkulierbares Risiko darstellt, bietet der Angriff via Cyberspace unbestreitbare Vorteile. Eine erfolgreiche Mission erreicht dasselbe Ziel, ohne Fingerabdrücke zu hinterlassen. Beweisen ließ sich nichts.

Insider zeigen aber auf ein unscheinbares Gebäude auf dem Gelände des internationalen Flughafens von Baltimore. Dort sitzen die Hacker-Teams, die regelmäßig in die Kommunikationsnetze befreundeter und feindlicher Staaten eindringen. Vielleicht auch in das der iranischen Atomanlage. Gleich nebenan in Fort Mead arbeiten die Kollegen des neuen US Cyber Commands (USCYBERCOM)daran, kritische Infrastruktur in den USA zu schützen. Eine gewaltige Aufgabe angesichts der zentralen Rolle, die Computernetze in der Zivilgesellschaft, Wirtschaft und beim Militär spielen.

Angriff und Verteidigung im Cyberspace laufen in der Behörde zusammen, die seit Oktober dieses Jahres voll einsatzbereit ist. An ihrer Spitze steht Keith Alexander, der gleichzeitig die mächtige National Security Agency (NSA) anführt, die unter Laien auch als das "große Ohr" der USA in der Welt bekannt ist. Der streitbare General spricht verständlicherweise nicht so gerne über die Offensiv-Aktivitäten der Amerikaner. Umso lieber beschwört er die Gefahren, die aus der Cyberwelt drohen. "Wenn Sie über unsere Nation, unser Finanzsystem, unsere Stromnetze nachdenken", so der oberste Internet-Krieger kürzlich vor dem Kongress, werde die Abhängigkeit von Computernetzen sofort deutlich. "Sie sind verwundbar. Ein erfolgreicher Angriff könnte unser Finanzsystem zerstören."

Der stellvertretende Verteidigungsminister William Lynn beschwört die Gefahren für das Militär. "Hundert ausländische Geheimdienste versuchen regelmäßig, in die digitalen Netzwerke einzudringen, von denen US Militäroperationen abhängen", schreibt Lynn in einem vielbeachteten Beitrag für die außenpolitische Fachzeitschrift "Foreign Affairs".

Mehrere Tausend Attacken im Jahr



Darüber hinaus werde das Kommunikationsnetz der US-Streitkräfte, das sich aus 15 000 Teilnetzen und sieben Millionen Computern zusammensetzt, täglich bis zu sechs Millionen Mal angetestet. Die Zahl der Cyberattacken müsse auf mehrere Tausend im Jahr veranschlagt werden.

Das Pentagon hat die Netzwelt offiziell in den Stand eines modernen Gefechtsfelds erhoben. Weshalb jede Truppengattung ihre eigenen Cybereinheiten hat, die alle von der neuen Behörde in Ford Mead koordiniert werden.

Doch damit nicht genug. General Alexander wirbt auf Grundlage der Bedrohungs-Analyse für erweiterte Rechte. Dabei geht es nicht nur um die Einstellung von 1000 zusätzlichen Internet-Soldaten, sondern auch um die Schaffung einer neuen "Sicherheitszone" im Internet. Diese müsste strikter staatlicher Kontrolle unterliegen.

Problematisch an dem Konzept ist aus Sicht von Bürgerrechtlern die enge Verknüpfung mit der zivilen Infrastruktur. Schon heute koordiniert sich das Pentagon freiwillig mit den zivilen Technologie-Anbietern. Wenn der General seinen Willen durchsetzt, könnte er sehr bald auch Zugriff auf bisher gesicherte Daten ausländischer Anbieter wie Skype oder Blackberry erhalten.

Die Aufrüstung an der Cyberfront kostet die Steuerzahler in den USA viel Geld. Sechs bis sieben Milliarden US-Dollar allein für die nichtgeheimen Aktivitäten. Noch einmal soviel für geheime Operationen. Große Summen an Geld, die in den Aufbau einer Bürokratie fließen, die viele für bedenklich halten.

Aus Protest über die Macht von USCYBERCOM trat kürzlich der Leiter der für die Internetsicherheit zuständigen Abteilung im Heimatschutzministerium, Rodney Beckstrom, zurück.

"Unsere demokratischen Abläufe sind erheblichen Gefahren ausgesetzt", schreibt er in seinem Rücktrittsgesuch, "wenn auf der obersten staatlichen Ebene die gesamte Sicherung und Überwachung der Netze zusammenläuft."