Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie zum Thema Organspende

Interview Professor Matthias Anthuber : Organspende: „Aufklärung muss Teil des Unterrichts werden“

Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie plädiert im TV-Gespräch angesichts enormer Herausforderungen in der Transplantationsmedizin für eine Ausweitung der Informationsarbeit und für die Widerspruchslösung.

Matthias Anthuber zählt zu den renommierten Transplantationschirurgen in Deutschland. Der 60-jährige ehemalige Handball-Nationalspieler ist Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie im Klinikum Augsburg.

Herr Anthuber, aktuell warten laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation hierzulande rund 9400 Patienten auf ein Spenderorgan. Im vergangenen Jahr überließen  955 Menschen nach ihrem Tod Organe für andere Patienten. Was lösen diese Zahlen bei Ihnen aus?

Matthias Anthuber Betroffenheit. Wenn man als Chirurg erlebt, dass Wartelisten-Patienten sterben, oder dass Patienten beispielsweise acht Jahre auf eine Niere warten müssen, dann muss das Betroffenheit auslösen. Vor allem, wenn man weiß, welch fantastische Optionen wir mit der Organspende und -transplantation haben. Mit Organtransplantationen können Menschen ein qualitätsvolles und vollwertiges Leben zurückerlangen.

Sie sind seit 33 Jahren in der Transplantationschirurgie tätig. War die Diskrepanz schon immer so groß?

Professor Matthias Anthuber. Foto: TV/Ulrich Wirth

ANTHUBER Nein, sie war schon mal kleiner. Vor gut 20 Jahren hatten wir die besten Organspenden-Werte. Sie lagen bei etwa 16 Organspendern pro einer Million Einwohner. Heute liegen wir bei 9,7 – und kommen von 9,3 – das war der absolut niedrigste Wert 2017. Wir haben uns zwar verbessert in Bezug auf die Anzahl derer, die einen Organspendeausweis tragen – da lag die Rate vor etwa 25 Jahren bei drei Prozent, jetzt sind wir bei 30 Prozent –, aber wir haben gleichzeitig ansteigende Zahlen von Patienten auf den Wartelisten und eine immer knapper werdende Ressource von Spenderorganen.

Worin liegen die Gründe?

ANTHUBER Vor 25 Jahren waren überwiegend verstorbene Motorradfahrer sowie Opfer von Fahrrad-, Reit- und Autounfällen Organspender.  Weil sich die Verkehrssicherheit extrem verbessert hat, gibt es zum Glück auf unseren Straßen und bei Freizeitaktivitäten viel weniger Tote als früher. Wir haben heute viel mehr ältere Spender, die beispielsweise aufgrund eines Schlaganfalls oder einer Hirnblutung verstorben sind.

Welche Folgen hat das?

ANTHUBER Inzwischen müssen wir so weit gehen und sagen: Nach oben hin gibt es für die Organspende keine Altersgrenze mehr. Vor 25 Jahren haben wir gesagt: Ein Herzspender darf nicht älter sein als 40 Jahre, ein Leberspender darf nicht älter sein als 60, ein Nierenspender darf nicht älter sein als 65. Diese Grenzen sind gefallen, weil wir gesehen haben: Wenn wir uns daran halten, dann würden die Wartelisten noch viel länger werden. Deswegen sagen wir heute: Wenn auch ein 80-Jähriger noch eine gute Leber hat – und das wird sehr genau geprüft–, dann kommt er auch als Spender infrage. Über allem steht aber natürlich, dass das Risiko durch die Transplantation grenzwertig geeigneter Organe für den Empfänger nicht erhöht werden darf. Es gibt Beispiele für alte Spender. In Amerika hat ein 98-Jähriger erfolgreich eine Leber gespendet.

Zwei Zahlen belegen ein Grundproblem: 84 Prozent der Menschen stehen dem Thema Organspende positiv gegenüber, aber nur rund 35 Prozent sind im Besitz eines Ausweises.Wie erklären Sie sich die klaffende Lücke?

ANTHUBER In fast Jedem von uns wohnt die Angst inne, sich mit dem eigenen Tod zu beschäftigen. Und es existiert bis zu einem gewissen Grad auch Unwissenheit. Was bedeutet Hirntod? Wie funktioniert diese Diagnostik? Was machen dann die Ärzte? Eine der größten Sorgen der Menschen ist: Man kommt schwerverletzt in eine Klinik, und die Ärzte sehen in einem nicht mehr einen zu behandelnden Patienten, sondern nur noch den Organspender. Dieses Szenario kommt schlicht und ergreifend nicht vor.

Welche Lösung schlagen Sie vor?

ANTHUBER Wir müssen eine staatlich unterstützte und nachhaltige Informationskampagne starten, damit wir endlich mehr Wissen vermitteln. Mein größter Wunsch wäre, dass wir mit der Aufklärung schon in den Schulen beginnen. Sie muss für 15- und 16-Jährige ein Teil des Biologieunterrichts werden. Neunjährige werden heute in Sexualkunde unterrichtet. Sie lernen, wie Leben entsteht. Aber sie hören nie etwas darüber, wie Leben vergeht. Wenn auch 16-Jährige anfangen, sich kritisch mit dem Tod auseinanderzusetzen, dann bekommen wir in Zukunft auch eine andere Kultur in Bezug auf Organspenden.

Nun liegen zwei Vorschläge aus der Politik auf dem Tisch: die doppelte Widerspruchslösung, wonach potenziell jeder Erwachsene Organspender ist und dieser aktiv widersprechen muss, wenn er das nicht will. Und die freiwillige Verbindlichkeitslösung, nach der mit der Beantragung eines Ausweises die Spendenbereitschaft abgefragt wird. Wofür sind Sie?

ANTHUBER Ich bin schon seit vielen Jahren ganz klar ein Verfechter der Widerspruchslösung. Unsere europäischen Nachbarländer oder auch die USA zeigen, dass diese Lösung sehr gut funktioniert und von der Mehrheit der Bevölkerung getragen wird. Weniger als ein Prozent der Menschen in diesen Ländern votieren aktiv gegen die Organspende.

Aber es gibt es auch Kritik an der Widerspruchslösung – und zwar nicht von irgendjemandem. Patientenschützer, die beiden großen christlichen Kirchen und der Deutsche Ethikrat sind dagegen. Der Ethikrat-Vorsitzende Peter Dabrock spricht davon, dass der Körper nach dem Hirntod „zu einem Objekt der Sozialpflichtigkeit“ werde. Können Sie die Bedenken verstehen?

ANTHUBER  Überhaupt nicht. Das finde ich eine Überspitzung, die nicht angemessen ist. Der Nationale Ethikrat hat 2007 ein einstimmiges Votum für die Widerspruchslösung abgegeben. Der Deutsche Ethikrat – die Nachfolge-Organisation – hat das alles noch mal gewendet. Ich finde, es kann verlangt werden, dass jemand sich äußert. Es wird niemand zur Organspende verpflichtet. Das ist das große Kommunikationsproblem, das immer wieder von den Gegnern der Widerspruchslösung nach außen getragen wird. Niemand wird verpflichtet. Jeder wird nur verpflichtet, eine Entscheidung zu treffen. Wer sich mit dem Thema gar nicht befassen will, soll einfach ,Nein‘ sagen. Jede Entscheidung ist gut, und jede Entscheidung ist für den Einzelnen richtig. Aber bitte: Es gibt keine Organabgabe-Pflicht. Aber es sollte eine Pflicht zur Entscheidung geben. Man ist ja auch verpflichtet, dem Staat zu sagen, wie viel Geld man verdient – damit die Steuerlast zur Unterstützung der Solidargemeinschaft berechnet werden kann.

Sie sehen auch die Selbstbestimmtheit des Menschen unberührt?

ANTHUBER Auf jeden Fall! Er kann ja über sich selbst bestimmen. Er kann Ja oder Nein sagen. Ist das nicht Selbstbestimmung?

Kann man ein so emotionales Thema überhaupt rational behandeln? Führen wir nicht  eine viel zu schmale Debatte über die Schwierigkeiten, die das Transplantationswesen vielen Menschen und den Angehörigen von Verstorbenen bereitet?

ANTHUBER Da haben Sie absolut recht. Unser größtes Problem ist ein Informationsdefizit. Wir müssen viel mehr darüber reden, auch mit jungen Menschen. Denn eins ist klar: Wenn der Hirntod als Grundlage für die Organspende infrage gestellt wird, dann bricht das Ganze in sich zusammen. Ich habe unzählige Vorträge zu dem Thema Organtransplantation gehalten. Am Ende, als ich eigentlich dachte,  sehr viele Informationen verständlich dargestellt zu haben, kommen immer zehn bis15 Leute und sagen: Können Sie noch mal dieses und jenes erklären?

Zum 1. April ist ein Gesetz in Kraft getreten, mit dem die Zahl der Spender in den Kliniken erhöht werden soll.  Kernpunkte: Künftig soll es feste Transplantationsbeauftragte geben, um potenzielle Spender oder deren Angehörige zu beraten. Außerdem sollen Kliniken für die Organentnahmen besser vergütet werden. Hilft das, Engpässe zu minimieren?

ANTHUBER Das ist ein ganz wichtiger Schritt. Die Transplantationsbeauftragten bekommen endlich die nötige Zeit für ihre Aufgaben. Und bisher zahlen alle Krankenhäuser drauf, wenn sie eine Organentnahme durchführen. Was im Gesetz außerdem wichtig ist: Künftig gehen Teams aus spezialisierten Zentren in kleinere Kliniken, um dort die Hirntod-Diagnostik durchzuführen. Sie können nicht davon ausgehen, dass in einem kleinen Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung mit 150 Betten jemand ist, der kompetent als Neurologe, Neurochirurg oder Anästhesist die Hirntod-Diagnostik durchführen kann. Deshalb soll es mobile Teams geben, die in die Krankenhäuser fahren und vor Ort die notwendige kompetente Unterstützung leisten.

Inwieweit haben aus Ihrer Sicht auch zurückliegende Organspendenskandale Vertrauen bei den Menschen zerstört?

ANTHUBER Ich kann nicht sagen, wie ausgeprägt diese Effekte waren. Zumal es keine Organspendenskandale im Wortsinne gab. Es gab einen Zuweisungsskandal.  Es hat wohl Kollegen gegeben, die Patienten auf ihren Wartelisten kränker gemacht haben, als sie tatsächlich waren – um bevorzugt für ihre Patienten an Organe zu kommen. Wenn das so war, ist es absolut indiskutabel. Aber aufseiten der Organspende selber, das heißt wie die Hirntoddiagnostik und die Organentnahmen nach Ermittlung des mutmaßlichen Willens des Verstorbenen durchgeführt wurden, gab es nicht im Ansatz Unregelmäßigkeiten.

Können irgendwann Organe aus dem 3-D-Drucker eine Lösung sein? Wie weit sind Forschungen dazu?

ANTHUBER Es werden wichtige Forschungsarbeiten geleistet. Aber ich bin mir sicher, dass wir noch weit davon entfernt sind. Als ich 1985 in der Transplantationsmedizin angefangen habe, hieß es, wir werden vielleicht noch zehn, 15 Jahre warten müssen, ehe tierische Organe wie etwa Schweineherzen, -nieren oder -lebern für Transplantationen infrage kommen. Und jeder hat gesagt: Im Jahr 2000 ist das etabliert, das wird funktionieren. Es funktioniert bis heute nicht. Sie dürfen davon ausgehen, dass es auch die nächsten fünf bis zehn Jahre nicht funktionieren wird. Meine persönliche Prognose: Organe aus dem 3-D-Drucker wird es – wenn überhaupt – erst in 25 bis 30 Jahren geben.

Das Interview führte Mirko Blahak.

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