Der Weihnachtsbaum

Vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 stand den Menschen in Trier und anderswo noch ein harter Kriegswinter bevor. In unserer Serie "Kriegsweihnachten 1944" erzählen Zeitzeugen im Trierischen Volksfreund ihre Erlebnisse zum letzten Weihnachtsfest im Kriegszustand.

Rolf Krieger, Enkirch Der Krieg hatte uns 12-15jährige Jungen in ein Kinderlandverschickungslager nach Bad Wörishofen verschlagen. Weihnachten 1944 stand vor der Tür und wir waren nicht bei unseren Familien. Die Mütter lebten im fernen Düsseldorf, die meisten Väter waren im Krieg. Einerseits freuten wir uns über die kommenden Schulferien, andererseits waren wir betrübt darüber nicht zu Hause sein zu können. Die Ferien machte den täglichen Jungvolkdrill nicht geringer, im Gegenteil: Strammstehen zum morgendlichen Flaggenappell, "Rechtsum! Linksum! Im Gleichschritt Marsch!" Bettenbauen und Stubendienst gehörten zum täglichen Ritual. Zu Fünft teilten wir uns eine Stube. Es war ein Hotelzimmer im "Haus Marienbad", einem ehemaligen Kurhotel. Das Zimmer war bestückt mit zwei Etagenbetten und Strohsäcken als Matratzen. Ein Einzelbett mit durchgelegener Matratze, Schrank, Tisch, Stühle und Hocker, sowie ein Waschbecken vervollständigten das Mobiliar. Ein Weihnachtsbaum gehört zu Weihnachten wie Eier zu Ostern. Da in den Wäldern rund­ um so viele wuchsen, dachten wir nicht daran einen zu kaufen. Mit Säge und Beil bewaff­net zogen wir los, um uns in der Natur zu bedienen. An Schmuck fehlte uns noch Lametta. Es waren die Silberstreifen, die von den feindlichen Flugzeugen abgeworfen wurden um die Funkortung zu stören, die wir sammelten. Sie wurden säuberlich in schmälere Streifen geschnitten und sahen am Baum aus wie echtes Lametta. Kerzen waren rar, doch wir waren erfinderisch und erzeugten Licht nach einem Verfahren, das wir auch beim abendlichen Stromausfall benutzten. Damit die Skier besser im Schnee gleiten wurden ihre Unterseiten mit Skiwachs behandelt. Das Wachs steckte in Papp­hülsen und konnte mit dem Daumen heraus gedrückt werden. Am oberer Rand angezün­det, gaben sie eine flackernde Flamme ab und schwarzer, stinkender Qualm erfüllte den Raum. Der Befehl von oben traf uns schwer: "Aus dem Wald darf kein Baum entnommen werden! Das ist Diebstahl am Volksvermögen und wird streng bestraft!" Was sollten wir jetzt tun? Den stibitzten Baum heimlich verschwinden lassen? Es wäre zu schade gewesen um den Baum und richtige Weihnachten wäre ausgefallen. Kurzerhand schlugen wir mit dem Beil die Äste ab, den Stamm ließen wir im Brennholz hinterm Haus verschwinden. Das Sammeln von Zweigen war nicht verboten worden und mit Hilfe eines Besenstiels und eines Bohrers entstand ein echter künstlicher Weihnachts­baum. Keiner hatte sich strafbar gemacht. Am Heiligen Abend stand nun doch ein geschmückter Baum auf unserem Stubentisch. Auf nationalsozialistischer Art wurde die Weihnachtsfeier abgehalten. Das Lied "Hohe Nacht der klaren Sterne" wurde an Stelle von "Stille Nacht" gesungen. Es waren die letzten Kriegsweihnachten, die einzigen, die ich als Kind nicht zu Hause bei meinen Eltern verbringen konnte.