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"Die alten Vorurteile kommen wieder vor"

"Die alten Vorurteile kommen wieder vor"

Jahrzehntelang haben die gebürtige Berlinerin Beate Klarsfeld und ihr Mann Serge weltweit Nazi-Verbrecher aufgespürt, um sie vor Gericht zu bringen. Den Prozess gegen den früheren Buchhalter von Auschwitz, Oskar Gröning, begrüßt Serge Klarsfeld, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde.

70 Jahre nach Kriegsende sieht das Paar, das in Frankreich gerade seine Memoiren veröffentlichte, seine Aufgabe im Kampf gegen den rechtsextremen Front National (FN). Mit Serge und Beate Klarsfeld, die 1968 Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger wegen dessen NS-Vergangenheit ohrfeigte, sprach TV-Korrespondentin Christine Longin.Welche Bedeutung hat der Prozess gegen Oskar Gröning 70 Jahre nach Kriegsende? Serge Klarsfeld: Die Deutschen wollen, dass die Verbrechen der Shoah verurteilt werden. Vor 40 Jahren war das noch nicht der Fall. Die Nachkriegsgeneration geht sogar so weit, eine Ausweitung der Schuldfähigkeit zu fordern, damit auch diejenigen vor Gericht kommen, die wie Gröning moralisch schuldig sind. Ich persönlich finde diese Auslegung zu weitgehend. Doch ansonsten könnten die Nazi-Verbrechen überhaupt nicht mehr verurteilt werden. Gröning steht als Buchhalter vor Gericht, aber im Fall des SS-Massakers im südfranzösischen Ort Oradour 1944 kommt es vor dem Landgericht Köln nicht zu einem Verfahren gegen einen der Schützen. Ist das nicht widersprüchlich?Beate Klarsfeld: Im Falle des Massakers von Oradour reichen die Beweise gegen den SS-Mann nicht aus, der dort als Maschinengewehrschütze im Einsatz war. Er will nicht geschossen haben, auch wenn wir es als Nebenkläger für absolut unwahrscheinlich halten, dass er mit seinem Gewehr nur herumstand. Aber es ist verständlich, dass die Richterin einen Freispruch aus Mangel an Beweisen vermeiden will. Anderthalb Jahre, nachdem der französische Präsident François Hollande und Bundespräsident Joachim Gauck Hand in Hand in Oradour standen, wäre das ein Schlag ins Gesicht. Allerdings ist so die Bundesrepublik Deutschland die Einzige, die die Kriegsverbrecher von Oradour nicht verurteilt hat.Nachdem nun keine Nazi-Verbrecher mehr vor Gericht gebracht werden können: Welche Aufgabe sehen Sie noch für sich?Serge Klarsfeld: Zu verhindern, dass Marine Le Pen Präsidentin wird. Denn das ganze Gedenken an die Opfer von Auschwitz würde zerstört, wenn der FN an die Macht käme.FN-Gründer Jean-Marie Le Pen hat die Gaskammern der Konzentrationslager mehrfach als "Detail der Geschichte" bezeichnet, seine Tochter gibt sich gemäßigter ...Serge Klarsfeld: Sie kann sich so geben, aber ihre Partei wird sich deshalb nicht ändern. Sie hat ihren Vater nicht vor die Tür gesetzt. Jean-Marie Le Pen bleibt Parteimitglied, und alle seine radikalen Wähler werden für den FN stimmen.Es gibt in Frankreich den Antisemitismus der Rechtsextremen, aber auch den Antisemitismus der arabischen Einwanderer, der sich vergangenen Sommer während des Gaza-Konflikts gezeigt hat ...Beate Klarsfeld: Das ist eine große Bedrohung, die uns Sorgen macht. Es gibt offenen Hass auf Israel und die Juden. Die alten antisemitischen Vorurteile aus Kriegszeiten kommen wieder hoch. Die großen Bedrohungen für die Gesellschaft liegen im Rechtsextremismus und im muslimischen Terrorismus. Was halten Sie vom Appell des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu an die Juden Frankreichs, nach Israel auszuwandern?Beate Klarsfeld: Es ist normal, dass der Vertreter Israels alle Juden weltweit auffordert, nach Israel zu kommen. Aber die französischen Juden werden nicht in Massen emigrieren. Wir beide sind ein Sonderfall, denn wir wollen keine Märtyrer werden. Wenn Marine Le Pen an die Macht kommt, werden wir sofort auswandern. Auch in Deutschland gibt es einen neuen Antisemitismus. Im vergangenen Jahr waren bei pro-palästinensischen Demonstrationen anti-jüdische Parolen zu hören.Serge Klarsfeld: Wenn es in Deutschland eine Wirtschaftskrise wie in Frankreich gäbe, würde auch dort der Antisemitismus zunehmen. Das ist bisher nicht der Fall. Aber die Zivilisation ist sehr anfällig. Es reicht, nicht genug zu essen oder keine Arbeit haben, um ideologisch abzudriften. Seit Jahrzehnten widmen Sie sich dem Gedenken an die Shoah. Haben Sie Angst, dass die Verbrechen vergessen werden, wenn die letzten Zeitzeugen wie Sie tot sind?Beate Klarsfeld: Nein, es gibt ja Museen, Dokumentationszentren und Bücher. Vor 50 Jahren gab es weltweit 300 Bücher über die Shoah, heutzutage sind es 50 000. Die Frage ist vielmehr, wohin sich die Gesellschaft entwickelt. Ob es eine humanistische oder eine totalitäre Gesellschaft wird. Man wird sehen.Extra

Beate Klarsfeld (76) ist eine deutsch-französische Journalistin. Bekannt wurde sie durch ihr Engagement bei der Aufklärung und Verfolgung von NS-Verbrechen. Zusammen mit ihrem Mann Serge Klarsfeld (79), einem Anwalt, hat sie mit Dokumentationen auf unbehelligt lebende nationalsozialistische Täter hingewiesen. Vor drei Jahren kandidierte Klarsfeld für die Linke bei der Wahl des Bundespräsidenten 2012 gegen Joachim Gauck. red