Die Bundeswehr braucht wohl ein neues Schießeisen

Berlin · Ein Gewehr, das um die Ecke schießt, ist ein Kleinejungentraum - aber ein Horror für die Soldaten im Einsatz. Die beklagen sich, dass ihre Standardwaffe, das Sturmgewehr G 36, vor allem bei Hitze nicht präzise trifft.

Berlin. Mit einem gestern fertiggestellten Gutachten spitzt sich der Streit über das G 36 zwischen dem Verteidigungsministerium und dem Hersteller Heckler & Koch nun massiv zu. Es geht um 180 000 Waffen und möglicherweise auch um hohe Schadenersatzansprüche. Die Kernaussage des Gutachtens hatte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) Ende März vorab verkündet: "Das G 36 hat offenbar ein Präzisionsproblem bei hohen Temperaturen, aber auch in heiß geschossenem Zustand." Dabei ist es auch in der Endversion geblieben. Generalinspekteur Volker Wieker riet der Truppe per Tagesbefehl, nur noch einen bestimmten Munitionsmix zu verwenden und das Gewehr nicht in die Sonne zu legen. Die Aussagen und Maßnahmen bedeuten eine bemerkenswerte Kurskorrektur des Ministeriums.
Noch im letzten Sommer hatte es geheißen, das Problem liege nicht an der Waffe, sondern an einer ungeeigneten Munitions charge. Von der Leyens Vorgänger Thomas de Maizière (CDU) war den seit 2012 vom damaligen Wehrbeauftragten Helmut Königshaus vorgebrachten Beschwerden zunächst nicht nachgegangen. Die Probleme tauchen vor allem bei Dauerfeuer auf. Das G 36 kann bis zu 750 Schuss pro Minute abgeben.
Der Hersteller verwies stets darauf, dass die Waffe, die 1996 in der Bundeswehr eingeführt wurde, nicht als Maschinengewehr konzipiert und bestellt worden sei, sondern als Sturmgewehr, aus dem allenfalls einzelne Salven abgegeben werden. In Afghanistan hatten sich andere Gefechtslagen und Witterungsverhältnisse ergeben. 35 Nato-Staaten und Alliierte verwenden das G 36. Heckler & Koch wirft dem Verteidigungsministerium nun Rufschädigung vor.
Ein Ministeriumssprecher kündigte gestern an, dass innerhalb der nächsten sechs Wochen die Schlussfolgerungen aus dem Gutachten gezogen werden sollten. Auch, ob ein neues Standardgewehr eingeführt werden muss. Im Verteidigungsministerium werden zudem Schadenersatzforderungen gegenüber dem Hersteller geprüft. Es könnte aber auch Ansprüche gegenüber der Behörde geben. Laut Bild wird in einem internen Papier darauf hingewiesen, dass verwundete Rückkehrer aus Auslandseinsätzen geltend machen könnten, das G 36 sei schuld an ihrer Verletzung gewesen. Brisant ist vor diesem Hintergrund, dass ein Hinweis auf die Mängel des Gewehrs bereits im März 2014, also schon zu Amtszeiten von der Leyens, vorgebracht und intern offenbar ebenfalls nicht beachtet wurde, wie die Süddeutsche Zeitung gestern berichtete. wk

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