Die Eltern der im März in Trier getöteten Schülerin versuchen das Geschehen zu verarbeiten

Die Eltern der im März in Trier getöteten Schülerin versuchen das Geschehen zu verarbeiten

Wie gehen Eltern damit um, dass ihre Tochter getötet wurde? Und das womöglich vom Nachbarn. Die Eltern der im März in Trier getöteten Laura-Marie sprechen über ihre Gefühle, über Rache, Angst und den Verlust.

Trauerzug für die getötete 16-jährige im März 2015. Foto: Agentur Siko

"Ich habe Angst." Die 39-Jährige spricht leise, ist kaum zu verstehen. Sie ist bleich. Ihre Hände hat sie zusammengefaltet im Schoß liegen. Nicole K. hat im März ihre Tochter verloren: Laura-Marie. Ermordet vom Nachbarn. Der auch die Leiche verbrannt haben soll. Davon jedenfalls gehen die Ermittler aus. Der Nachbar, den sie seit Jahren kannte. Mit dem sie quasi Tür an Tür lebte in dem Wohnblock in Trier-Nord. Der damals 24-Jährige soll zum kaltblütigen Verbrecher geworden sein und seit Tagen geplant haben, die 16-jährige Schülerin zu vergewaltigen. Angeblich soll er im Internet nach einer Anleitung dazu gesucht haben. Nach TV-Informationen fanden die Ermittler auf dem Computer des Mannes unter anderem die Suchbegriffe "Vergewaltigung einer 16-Jährigen". Und in der Wohnung entdeckten sie Reste des Seils, dass der mutmaßliche Täter kurz vor der Tat in einem Gebüsch am Weg versteckt haben soll. Um die 16-jährige fesseln zu können.

Das Mädchen wollte an dem Abend des 13. März kurz nach 23 Uhr zu Fuß zum Hauptbahnhof gehen, um von dort mit dem Bus zu ihrem Ex-Freund nach Trier-Süd zu fahren. Ihr Nachbar soll ihr vorgeschlagen haben, sie zu begleiten und als Abkürzung über den Weg zu gehen. Der Vater des Mädchens kann es noch immer nicht fassen, wie brutal seine Tochter getötet worden ist. "Das ist nicht zu ertragen", sagt Frank H.

Erst als die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den mittlerweile 25-jährigen mutmaßlichen Täter erhoben hat, haben er und seine Ex-Frau erfahren, was sich aus Sicht der Ermittler wirklich an dem Freitagabend Mitte März auf dem dunklen, damals noch völlig zugemüllten Weg zugetragen hat. "Bis dahin sind die Eltern davon ausgegangen, dass es zwischen dem mutmaßlichen Täter und Laura-Marie einen Streit gegeben hat, in dessen Verlauf der Mann zugestochen hat", sagt Otmar Schaffarczyk. Der Rechtsanwalt vertritt die Eltern der getöteten Schülerin. Sie werden bei dem heute beginnenden Prozess vor dem Trierer Landgericht als Nebenkläger auftreten .

Auch wenn es ihnen schwerfällt, wollen sie bei allen Verhandlungen dabei sein. Sie sei schon sehr nervös, habe Angst, sagt die Mutter. "Ich will demjenigen, der meine Tochter umgebracht hat, ins Gesicht sehen", sagt der Vater. Er hofft auf eine "gerechte Strafe". "Der soll für immer weggesperrt werden." Der 25-Jährige ist wegen Mordes angeklagt. Bei einer Verurteilung müsste er lebenslang ins Gefängnis.

Frank H. hatte bei einem Trauermarsch für Laura-Marie durch Trier, an dem fünf Tage nach ihrem Tod 1500 Menschen teilnahmen, dazu aufgerufen, die Familie des mutmaßlichen Täters in Ruhe zu lassen . "Hass können wir nicht gebrauchen", sagte er damals. Auch als Reaktion auf die zum Teil heftigen Attacken gegen den Mann und seine Familie im Internet. Einige Internetnutzer haben damals zur Lynchjustiz aufgerufen. Die Polizei leitete Ermittlungsverfahren gegen einige dieser Hetzer ein. Der Vater des toten Mädchens hofft, dass es im Gerichtssaal nicht zu Tumulten kommt. Aus diesem Grund finde der Prozess unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen statt, sagt Gerichtssprecher Andreas Klein.

Wie gehen Eltern damit um, wenn ihr Kind umgebracht wird? "Gar nicht", sagt der Vater. "Damit kann man nicht umgehen." Die Mutter schüttelt unmerklich mit dem Kopf. Sie habe das Alles noch gar nicht verarbeitet, sagt sie. "Unser Leben ist ärmer geworden. Es fehlt was", sucht der 53-Jährige nach Worten. Worte für die unfassbare Tat. Kurz danach ist die Mutter mit ihrer jüngsten Tochter, 13, aus Trier weggezogen. In die Nähe zu ihrem Ex-Mann. "Sie versucht einen Neuanfang", sagt Frank H. Einen Neuanfang ohne Laura-Marie.

Zwei Tage nach der Tat hat die Polizei den damals 24-Jährigen festgenommen. Als sie ihn zunächst als Zeugen vernommen haben, als jemanden der an dem Freitagabend mit Laura-Marie gefeiert hat, soll er sich in Widersprüche verstrickt haben. Und schließlich soll er zugegeben haben, die 16-Jährige getötet zu haben. Im Streit. Eine geplante Vergewaltigung soll er nicht zugegeben haben.

Ob er sich im Prozess zu der Tat äußern wird, ist unklar. Sein Verteidiger Thomas Julien wollte sich nicht dazu äußern. Zuvor hatte er Vorwürfe gegen die Polizei erhoben. Zwei Beamte hätten "hinter dem Rücken" des Anwalts und "unter einem billigen Vorwand" versucht, mit seinem in Untersuchungshaft sitzenden Mandanten ins Gespräch zu kommen.

Auch der Vater von Laura-Marie erhebt Vorwürfe gegen die Polizei. Sie hätten die Vermisstenanzeige der Mutter nicht ernst genommen. Sie sei samstags um 15 Uhr zur Polizei gegangen, um ihre Tochter als vermisst zu melden. Doch obwohl Laura-Marie da bereits mehrere Stunden verschwunden war, habe man nichts unternommen, sagt Frank H. "Warum haben die nicht versucht, das Handy von ihr zu orten", fragt er. Mittlerweile weiß er, dass das Mädchen zu dem Zeitpunkt bereits tot war. "Aber vielleicht hätte man die Leiche dann noch in einem anderen Zustand finden können", sagt er und meint damit, dass der Angeklagte an dem Samstagabend, nachdem er von einem Auswärtsspiel des Fußball-Regionalligisten Eintracht Trier aus dem saarländischen Elversberg zurück war, das tote Mädchen zum zweiten Mal angezündet haben soll. Mit einem Grillanzünder, den er sich am Morgen in einem Supermarkt gekauft haben soll. Ein paar Stunden nach der Vermisstenanzeige fand ein Mann die verbrannte Leiche in dem Gebüsch.

Die Ermittler wehren sich gegen die Vorwürfe des Vaters. Es treffe nicht zu, dass die Polizei untätig geblieben sei, sagt der Leitende Trierer Oberstaatsanwalt Peter Fritzen. "Vielmehr hat die zuständige Polizeidienststelle unverzüglich nach der Vermisstenmeldung polizeiliche Maßnahmen ergriffen, um den Aufenthalt der Vermissten zu klären."

Neun Verhandlungstage sind bislang für den heute beginnenden Mord-Prozess angesetzt. 53 Zeugen sollen laut Gerichtssprecher Klein gehört werden, vier Gutachter werden befragt. Mit einem Urteil wird im November gerechnet. Nicole K. ist nervös. Sie weiß, dass während des Prozesses, der wegen der bundesweiten Schlagzeilen auf großes Medieninteresse stoßen wird, all, das was sie seit dem 13. März durchgemacht wird, noch Mal hochkommen wird. "Ich habe Angst davor", sagt sie noch einmal.

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