Die Energiewende frisst ihre Kinder

Die Energiewende frisst ihre Kinder

Schon jetzt erzeugt die Region Trier rund 60 Prozent ihres benötigten Stroms aus regenerativen Energien. Die Zahl der aktuell geplanten weiteren Wind- und Solaranlagen spricht dafür, dass das Ziel - 100 Prozent - erreichbar ist. Die Art, wie es erreicht werden soll, gefällt allerdings längst nicht jedem.

Trier. Das Halbfinale hat die Region bereits gewonnen. Am 24. September steht sie nun im Finale der "RES Champions League" - einem europäischen Wettbewerb, in dem sich Regionen in ihren Bemühungen um die Energiewende messen. Und die regionale Planungsgemeinschaft sieht gute Chancen, dass die Region Trier während eines Kongresses in Kassel in der Kategorie "Regionen mit mehr als 100 000 Einwohnern" zum Europameister gekürt wird.Gute Wettbewerbschancen


Mit Hilfe nackter Zahlen ist schnell erklärt, warum die Planer sich so gute Chancen ausrechnen.
Seit 1995 sind so viele Windräder, Photovoltaikanlagen & Co. gebaut worden, dass Eifel, Mosel und Hunsrück heute schon 60 Prozent des benötigten Stroms regenerativ erzeugen. Bis zum Jahr 2040 - so lautet das regionale Ziel - sollen daraus 100 Prozent werden. Und die regionale Planungsgemeinschaft geht davon aus, dass das auch gelingen kann.
Schon jetzt sind 444 Windräder am Netz. Und 180 weitere sind in Planung. Auch bei der Stromerzeugung aus Sonnenenergie wird sich in Zukunft noch einiges tun: 41 Freiflächenanlagen sind in der Region Trier bereits angeschlossen, zehn weitere sind genehmigt und 15 weitere geplant.
Zahlen, die die Landesregierung erfreuen. Denn auch sie verfolgt das Ziel, die rheinland-pfälzische Energieversorgung vollständig auf erneuerbare Energiequellen umzustellen. Wesentliche Herausforderungen sind für sie dabei vor allem technischer Natur: "die Optimierung, Verstärkung und der Ausbau der Stromnetze, die sichere Einbindung eines zunehmenden Anteils an fluktuierender Stromerzeugung und die Schaffung neuer energiewirtschaftlicher Rahmenbedingungen".
Allerdings wird es auf dem Weg zu 100 Prozent Ökoenergie noch ganz andere Hindernisse zu überwinden geben. Denn selbst unter Menschen, die die Energiewende generell befürworten, mehren sich die Kritiker der grünen Energiepolitik des Landes: Am vergangenen Wochenende hat sich in Simmern ein neuer Dachverband namens Bündnis Energiewende für Mensch und Natur zusammengeschlossen.Protest zum Gründungsakt


Der Verband will den Widerstand gegen die "zunehmende Verspargelung" im Land bündeln. Begleitet wurde der Gründungsakt von Protesten unter dem Motto: "Das Maß ist voll! Stoppt den Windradwahnsinn! Bürger wehrt Euch!"
Wahnsinn ist für die 17 nun im Dachverband vereinten Bürgerinitiativen die "komplett ungeordnete und rücksichtlose Umsetzung der Energiewende". Die Grünen werden von den Bürgerinitiativen als "Totengräber der Natur" bezeichnet. Einwände würden nicht berücksichtigt. Von Bürgernähe und Bürgerbeteiligung sei nichts zu spüren.
Besonders die Tatsache, dass die Planungshoheit nun in Händen der Kommunen selbst liegt, passt dem Bündnis nicht, fürchtet es doch die ungezügelte Ausweisung von neuen Bauplätzen.
Viele Verbandsgemeinden der Region sind in der Tat derzeit dabei, ihre Flächennutzungspläne zu überarbeiten, um den Weg für mehr Windräder freizumachen. Schließlich stehen die Investoren schon seit geraumer Zeit Schlange.
Obwohl der übergeordnete Raumordnungsplan für die Region Trier frühestens Ende 2014 in Kraft tritt, haben die Kommunen bereits jetzt Planungssicherheit. Der Grund: Die regionale Planungsgemeinschaft hatte bereits Ende vergangenen Jahres entschieden, bei ihren Vorgaben für die Windenergienutzung exakt dem Rahmen zu folgen, den das neue (und höchst umstrittene) Landesentwicklungsprogramm vorgibt (der TV berichtete mehrfach).
Anders als die Bürgerbewegung dürfte sich die Landesregierung daher bald erneut über viel Windradzuwachs freuen. Oder auch über einen "Champions League"- Sieg der Region Trier.Extra

Seit dem tragischen Todvon vier Kindern bei einem Brand in Saarbrücken bemüht sich die Politik darum, Stromsperren für Sozialhilfeempfänger zu vermeiden. Jetzt können Stadt und Regionalverband Saarbrücken einen ersten Erfolg vermelden. Durch ein "Saarbrücker-4-Punkte-Modell" hätten seit Jahresbeginn 400 drohende Stromsperren verhindert werden können, berichtete Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD). Nun werde die Initiative bundesweit als Vorbild diskutiert. Grundlage ist eine Einverständniserklärung des Leistungsempfängers zum Datenaustausch zwischen dem Jobcenter und dem Grundversorger Energie SaarLorLux. Dann kann der Versorger das Jobcenter informieren, wenn dem Kunden eine Stromsperre droht, so dass rechtzeitig Maßnahmen zu ihrer Abwendung eingeleitet werden können. Anlass für die Initiative war eine Brandkatastrophe in Saarbrücken 2012 mit vier toten Kindern. In der Wohnung war der Strom abgestellt. Ursache für den Brand war eine brennende Kerze. dpaExtra

Trotz hitziger Debatte um hohe Strompreise halten 93 Prozent der Bundesbürger den Ausbau erneuerbarer Energien weiterhin für "wichtig" bis "außerordentlich wichtig". Das ergab eine repräsentative Emnid-Umfrage im Auftrag der Branchen-Initiative Erneuerbare Energiewende, deren Ergebnisse am Mittwoch in Berlin veröffentlicht wurden. Damit bewegt sich die Zustimmung bei dieser jährlich vorgenommenen Erhebung auf dem Niveau von 2012. 73 Prozent lehnen den von der Wirtschaft verlangten Förderstopp für neue Solaranlagen und Windräder ab. Fast die Hälfte (47 Prozent) der Befragten fordert aber eine gerechtere Kostenverteilung. Und 42 Prozent halten die auf bis zu 6,5 Cent pro Kilowattstunde steigende Ökostrom-Umlage für zu hoch. Mit ihr werden über die Stromrechnung Förderkosten für Wind- und Solaranlagen beglichen. dpa

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