Die Gefahr reist mit

Plötzlich tauchen in Europa Tropenkrankheiten auf. Eingeschleppt durch Reisende. Gefährliche Viren verbreiten sich längst weltweit. Viele Erreger können kaum behandelt werden, Antibiotika wirken gegen sie nicht.

Trier. Es sind drei Seiten. Drei Seiten, auf denen genau steht, wie erkannt werden kann, ob Patienten die gefährliche Infektionskrankheit Mers haben. Alle Mitarbeiter in der Patientenaufnahme und am Empfang des Klinikums Mutterhaus in Trier haben dieses Merkblatt. Diese Mitarbeiter seien oft die Ersten im Haus, die mit an möglicherweise gefährlichen Infektionen erkrankten Patienten in Kontakt kommen, sagt Peter Leonards. Er ist der Leiter der Krankenhaushygiene und sagt: "Wir sind auf Mers vorbereitet." Wichtig sei es, betroffene Patienten aus entsprechenden Risikogebieten zu erkennen und zu behandeln. Bei entsprechenden Symptomen würde diese sofort isoliert und behandelt. "Hier spielt der Patienten- sowie Mitarbeiterschutz eine wichtige Rolle. Stichwort: Händedesinfektion, Mundschutz, Schutzkittel."
Trotzdem schließt Leonards nicht aus, dass bei Patienten nicht sofort gefährliche Infektionskrankheiten erkannt werden. Dass es in einigen Kliniken Defizite beim Infektionsschutz und der entsprechenden Ausbildung des Personals gibt, wurde kürzlich deutlich bei einer Tagung zum Thema Krankenhaushygiene im Trierer Brüderkrankenhaus. Oft wüssten nicht alle Mitarbeiter Bescheid, wie sie mit Patienten, bei denen gefährliche Infektionen festgestellt wurden, umzugehen hätten, sagt Susanna Trapp vom rheinland-pfälzischen Umweltministerium. Häufig würde das Personal in Krankenhäusern oder Pflegeheimen den Schutz etwa vor Influenza (Grippe) nicht ernst genug nehmen, kritisiert der Ulmer Virologe Detlef Michel. Zu wenige würden sich dagegen impfen lassen und somit zur Gefahr für sich selbst aber auch für die Patienten werden. Bis zu 8000 Menschen sterben laut Michel jährlich an Influenza. Durch bessere Hygiene in Krankenhäusern könnte das Infektionsrisiko eingedämmt werden.
Personalmangel bei einer steigenden Zahl von Patienten und Pflegenden führe zu Hygienemängeln und dadurch auch zur Ausbreitung von Infektionen und Erregern in Kliniken und Pflegeheimen, sagt der Trierer Mikrobiologe und Experte für Krankenhaushygiene, Ernst Kühnen. Der Leiter des Trierer Gesundheitsamtes beobachtet mit Sorge, dass sich einige der gefährlichen Viren zum Teil weltweit ausbreiten. Wie etwa Vogelgrippe, die mittlerweile auch in Ägypten nachgewiesen worden ist. Das zunächst überwiegend in tropischen Staaten aufgetretene Denguefieber ist in Madeira und in Südfrankreich angekommen. Auch Mers werde weiter von Reisenden in verschiedene Länder eingeschleppt, sagt Michels. Die Krankenhäuser in der Region seien vor allem wegen Mers zu erhöhter Wachsamkeit aufgefordert worden.
Das Trierer Brüderkrankenhaus verfügt über eine Isolierstation, um an gefährlichen Infekten erkrankte Patienten getrennt vom normalen Klinikbetrieb behandeln zu können. Die Mitarbeiter würden regelmäßige Hygieneschulungen erhalten und es werde der Umgang mit der persönlichen Schutzausrüstung geprobt, sagt Matthias Neumann, Leiter der Krankenhaushygiene im Brüderkrankenhaus. "Durch den gesteigerten Reiseverkehr ist ein rascher Import von bei uns unüblichen Krankheitserregern zu verzeichnen", sagt Neumann.
Wie auch Michels sieht auch er die Herausforderung der Krankenhaushygiene weniger in der Ausbreitung von Infektionskrankheiten sondern in der Zunahme an resistenten Keimen, Erreger also, die nicht mehr auf Antibiotika reagieren. Durch den unkontrollierten Antibiotikumgebrauch sei die Unwirksamkeit des Medikamentes gegen eine Vielzahl von Erregern selbst verschuldet, sagt Kühnen. Es werden noch immer viel zu häufig Antibiotika verschrieben bei Virus-Erkrankungen wie etwa Bronchitis, bei denen das Medikament aber gar nicht wirke, sagt der Mikrobiologe. In Rheinland-Pfalz werde laut Kühnen deutschlandweit die zweithöchste Menge an Antibiotika verordnet. Gesundheitsamtschef Michels spricht von einer Bedrohungssituation durch Erreger, die mittlerweile gleich gegen mehrere Antibiotika resistent seien. "Weniger Antibiotika führen zu weniger resistenten Erregern", so der Experte. Als Beispiel nennt er die Niederlande. Dort würde die Antibiotika-Verordnung streng kontrolliert. Im Brüderkrankenhaus werden laut Chef-Hygieniker Neumann sogenannte Antibiotika-Stewards ausgebildet, die die Ärzte beim Einsatz des Arzneimittels beraten würden.Extra

In Deutschland kämen acht Mal so viele Menschen in ein Krankenhaus als etwa in den Niederlanden, sagt der Trierer Mikrobiologe Ernst Kühnen. Er sieht darin auch einen Grund, dass sich verstärkt resistente Erreger ausbreiten. Viele der Patienten würden die Keime, gegen die Antibiotika unwirksam seien, unentdeckt in sich tragen und in die Krankenhäuser mitbringen. Daher fordert die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler, dass bei Patienten vor der Krankenhausaufnahme grundsätzlich ein Screening, also ein Test, auf solche Keime gemacht wird, um die Ausbreitung zu verhindern. wie