Geschichte: Die Geschichte der letzten Guillotine von Rheinland-Pfalz

Geschichte : Die Geschichte der letzten Guillotine von Rheinland-Pfalz

Es gibt sie noch immer, doch zum Einsatz gekommen ist sie nie. Denn auf die mühsame Beschaffung folgt damals, 1949,  das Aus für die Todesstrafe.

(RZ) Am Anfang waren Worte: „Das Leben des Menschen ist unantastbar.“ So weit, so bekannt. Doch genau an dieser Stelle heißt es weiter: „Es kann nur aufgrund des Gesetzes als Strafe für schwerste schuldhafte Verletzungen der Gemeinschaftsordnung durch richterliches Urteil für verwirkt erklärt werden.“ Diese Sätze stehen in einer Verfassung, genauer gesagt in der Verfassung des Landes Rheinland-Pfalz vom 4. Oktober 1945.

Das neu gegründete Konglomerat unterschiedlicher Regionen befindet sich damit in bester Gesellschaft: Die Todesstrafe ist kurz nach der Jahrtausendkatastrophe des Zweiten Weltkriegs juristischer Usus auf dem Kontinent. Was Rheinland-Pfalz vom Rest seiner Ex-Feinde, nun Nachbarn und inzwischen Freunde, unterscheidet: Es fehlt ein Instrument und ein Scharfrichter. Ein Fall für die Bürokraten des Justizministeriums.

Dort sitzt am Schreibtisch mit Blick auf das Kurfürstliche Schloss in Mainz inzwischen jemand, der so gar nicht zum Bild des drögen Ministerialbürokraten passen will. Staatssekretär Philipp Fernis ist 36 Jahre alt, eloquent,  und erzählt sie unglaublich unterhaltsam – die Geschichte der letzten Guillotine von Rheinland-Pfalz.

Dabei ist der Anlass eigentlich verstörend. 77 Prozent der Deutschen befürworten in den Nachkriegsjahren die Todesstrafe. Acht Todesurteile werden in Rheinland-Pfalz gefällt. Und der Apparat dahinter muss das Töten von Menschen organisieren. Am 9. Juli 1948. 1259 Tage nach der Befreiung von Auschwitz.

„Im Grunde genommen ist es die Bürokratisierung von etwas Grauenhaftem“, sagt Fernis. „Vielleicht ist es aber auch ein Weg für die Menschen, die solche Urteile umsetzen müssen, das zu verarbeiten.“ Der Jurist hat auch die Dokumente zur Hinrichtung von Sophie Scholl gelesen. „Erschreckend nüchtern“, sagt er. „Binnen Sekunden ist es vorbei gewesen.“

Die Beschaffung der Guillotine für Rheinland-Pfalz – so erweist es sich  in der damaligen Situation 1948 –  wird lange dauern, und der Amtsschimmel wird ständig ausgebremst. Weshalb die Guillotine schließlich nie zum Einsatz kommt.

Am 9. Juli erlaubt die französische Militärregierung die Anschaffung eines Fallbeils. Das Justizministerium in Koblenz sucht zunächst externe Lösungen. Schreiben an die Kollegen in Düsseldorf, Freiburg und Tübingen gehen heraus. Das Problem: Nur in Köln gibt es Guillotine samt Henker. Nordrhein-Westfalen liegt aber in der britischen Besatzungszone. Keine Option. Schließlich soll es Mainz sein.

Am 27. Juli fragt das Ministerium schließlich bei der Haftanstalt in Mainz an. Dort stand schließlich auch die bis dato letzte rheinland-pfälzische Guillotine, mit der der Schinderhannes hingerichtet wurde. Doch der Innenhof ist ungeeignet: Sämtliche Fenster zeigen ins Innere. So viel Skrupel hat man dann doch. Also wird eine Zelle umgebaut – und zunächst akribisch begutachtet: „Die eingesehenen Räume im Keller sind freigemacht und eignen sich für eine Hinrichtungsstätte“, heißt es in den Dokumenten. „Es handelt sich um die Räume 27 und 26. Die Höhe der Räume beträgt 3 Meter.“ Man denkt praktisch: Hinrichtungen sind eine blutige Angelegenheit, die Abwasserfallrohre kommen da gelegen. Nebenan ist Platz für Särge.

Und natürlich braucht es für einen Amtsvorgang auch einen Kostenvoranschlag. Das Hochbauamt rechnet mit 800-D-Mark. Die Guillotine soll deutlich teurer werden – mindestens 2000 D-Mark veranschlagen die Beamten der zentralen Beschaffung. Doch es gibt ein Problem: Das Holzgestell ist schnell in Auftrag gegeben und gebaut. Für das Beil braucht es aber Eisen. Und Eisen ist rationiert. 400 Kilogramm davon sind im Kontingent nicht erhalten. Die Beantragung von Interzonenbezugsrechten nimmt mindestens sechs Monate in Anspruch. Es werden diverse Vorgänge angelegt, doch es tut sich nichts.

Parallel arbeitet auch die Personalabteilung. Stellenausschreibung: Scharfrichter gesucht. Dieser inzwischen ausgestorbene Berufszweig ist damals aus einem anderen Grund schwer vermittelbar.

Die Henker sollen möglichst keine NS-Vergangenheit haben. Friedrich Hehr aus Hannover ist allerdings genau das, was man damals in Vermerken als „belastet“ beschreibt. Als die Düsseldorfer Kollegen Hehr aber empfehlen, hat man auch in Koblenz kein Problem mehr mit Hehr. Wie soll man ihn entlohnen?

Man orientiert sich am Grundgehalt aus der Nazizeit. 3000 Mark pro Jahr. Dazu eine – heute würde man sagen Kopfpauschale – von 60 Mark. Bei mehreren Hinrichtungen 40 Mark.

Als irgendwann das Fallbeil eintrifft, könnten Hehr und Gehilfen die Todesurteile also endgültig vollstrecken. Stattdessen folgt das endgültige Aus für die Todesstrafe. Der Parlamentarische Rat gab am 11. Mai 1949 bekannt, dass die martialische Sanktion in der neuen Bundesrepublik verboten sein würde. So nüchtern und effizient, wie Hinrichtungsstätte und -Instrument beschafft worden sind, so knapp auch der Vermerk zu ihrem Ende. „1. Die Einrichtung ist betriebsfähig. 2. ZdA.“ Letzteres ist Behördendeutsch für „Zu den Akten.“

Ein Problem blieb: Der Henker hatte einen gültigen Anstellungsvertrag. Dass Verträge einzuhalten sind, stellte auch im Ministerium niemand infrage. Die Ausgabe muss aber auch korrekt verbucht sein. Nur „Gehalt für Scharfrichter“ war nun angesichts der Entwicklung kein sehr schicklicher Buchungsposten mehr. Nach etlichen Verzögerungen einigte man sich auf die neutrale Formulierung „Haushaltsausgabe“. Bis Januar 1950 wurde sie gezahlt. Die Guillotine existiert noch immer: Sie ist eine Dauerleihgabe des Landes an das Haus der Geschichte in Bonn.

Im Justizministerium hat sie aber noch heute eine Inventarnummer. So viel Ordnung muss sein.

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