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"Die Kollegen fühlen sich ausgelaugt"

"Die Kollegen fühlen sich ausgelaugt"

Mit der Protestaktion der Gewerkschaft der Polizei hat Rainer Wendt nichts zu tun. Der in liberalen Kreisen umstrittene Bundesvorsitzende der konkurrierenden Deutschen Polizeigewerkschaft zeichnet aber ein ähnliches Bild von der Stimmung unter den Beamten. TV-Redakteur Rainer Neubert hat mit ihm gesprochen.

Herr Wendt, Sie bezeichnen sich selbst als Mitglied im Klub der klaren Worte. Wie ist die Stimmung bei der Polizei?Rainer Wendt: Die Stimmung ist überall gleich: Die Kollegen fühlen sich ausgelaugt und mental erschöpft, weil sie die Vielzahl der Themen kaum mehr bewältigen können. Das ist nicht nur das Flüchtlingsthema. Es geht auch um Salafismus, Rocker-Kriminalität, die Entwicklung von Fußballgewalt und insgesamt um Gewalt gegen Polizei. Das alles bei immer weniger Leuten. Zudem werden die Kollegen nicht jünger. Bis in die 80er Jahre wurde ausreichend Personal eingestellt, danach ging das kontinuierlich herunter bis 2008 und steigt nun wieder an. In der Zwischenzeit sind riesige Kohortenlücken entstanden, weshalb die Leute immer länger in ihren Funktionen bleiben müssen. Müssen angesichts dieser Situation Dinge liegen bleiben?Wendt: Bei der Bundespolizei und auch bei den Länderpolizeien bleiben Dinge liegen. So wird zum Beispiel ganz offiziell die Verkehrsüberwachung vernachlässigt. Blitzmarathon und andere Dinge wurden abgesagt. Die Menschen merken, wenn wir verspätet zum Verkehrsunfall oder zum Einbruch kommen. Dennoch machen die Beamten massenweise Überstunden. Voraussetzung, um Überstunden abbauen zu können, ist aber ausreichend Personal. Wendt: Das wird in den nächsten Jahren noch schwieriger. Im Moment erleben wir aber mehr Personal auf Bundesebene und in bescheidenem Maße auf Länderebene. Aber das hilft zunächst nicht, weil die hohen Pensionszahlen ab 2017 kommen werden. Das ist auch ein Effekt, weil unter dem Eindruck der Roten-Armee-Fraktion in den 70er Jahren bei den Länderpolizeien besonders viel eingestellt wurde. Wird den Kollegen mit körperlichen und psychischen Belastungen geholfen? Wendt: Wir haben eine gute sozialpsychologische Betreuung. Heute lassen sich die Leute zum Glück eher helfen als früher. Das ist auch ein großer Verdienst der Frauen in der Polizei. r.n.Extra

Rainer Wendt (60, TV-Foto: Rainer Neubert) ist seit 2007 Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), die mit der deutlich größeren Gewerkschaft der Polizei (GdP) und dem Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) darum konkurriert, Angestellte und Beamte im Polizeidienst zu vertreten. Wendt wird angesichts seiner Äußerungen als konservativ und polarisierend beschrieben. Seit 42 Jahren ist er Mitglied der CDU. r.n.