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"Die nehmen mir die Kinder weg"

"Die nehmen mir die Kinder weg"

TRIER. Zehn Millionen Euro stellt das Bundesfamilienministerium zur Verfügung, um vernachlässigte und misshandelte Kinder früh zu finden und ihnen zu helfen. Der Kreis Trier-Saarburg will nicht darauf warten, dass das Frühwarnsystem der Familienministerin bei ihm ankommt, sondern er will handeln und ab Januar 2007 ein eigenes System schaffen, um Problemfälle schnell erkennen und prompt reagieren zu können.

Dabei haben das große System auf Bundes- und das kleine auf Kreisebene viel gemeinsam. Die Vernetzung und Kommunikation der Behörden müsse besser werden, das fordern sowohl Trier-Saarburgs Landrat Günther Schartz (CDU) als auch Bundesfamilien-Ministerin Ursula von der Leyen (CDU). Eine effektivere Kommunikation ermögliche ein frühes Erkennen von Problemfällen - das ist die gemeinsame Basis.Informationen aus allen Quellen

Das "soziale Frühwarnsystem" des Landkreises will alle im Umfeld einer Familie vorhandenen Quellen anzapfen und so Gefahrenpotenziale ausloten. Das Jugendamt, die Kindergärten, Schulen, Sozialeinrichtungen und auch Kinderärzte sollen mit ins Boot. Damit entspricht Trier-Saarburg auch einer Forderung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BKVJ), der einen Rechtsanspruch auf lückenlose Vorsorge-Untersuchungen bis zum 18. Lebensjahr fordert. Hessen hat bereits angekündigt, ein solches Modell selbst auf den Weg zu bringen, falls der Bund zu langsam reagieren sollte. "Immer wieder wird das Jugendamt der Kreisverwaltung mit Problemfällen konfrontiert, in denen eine frühzeitige und koordinierte Hilfe dazu hätte beitragen können, Eskalationen zu vermeiden", sagt Hans Schmitt, Leiter des Jugendamts Trier-Saarburg. "Doch immer noch scheuen Familien und einzelne Betroffene den frühzeitigen Gang zum Jugendamt." Die generelle Befürchtung laute: "Die nehmen mir doch die Kinder weg." Doch je länger niemand helfen könne, umso gravierender werden die Probleme. Schmitt: "Am Ende können die Probleme für die Kinder so schwer wiegend sein, dass nur noch eine Hilfe außerhalb des Elternhauses infrage kommt." Damit wird die anfängliche Befürchtung, die den Kontakt zum Jugendamt verhindert hat, zur Realität - ein Teufelskreis. Diesen will der Landkreis durchbrechen. In den Kindergärten und Schulen sollen die Pädagogen und Erzieher Auffälligkeiten nach systematischer Analyse früh erkennen können. Der Kreis will außerdem dafür sorgen, das jedem Betroffenen, der etwas Auffälliges beobachtet hat, klar ist, wen er kontaktieren kann. "Wir wollen das Leistungsspektrum der Hilfsinstitutionen transparenter machen", betont Jugendamts-Leiter Schmitt. Die aktuelle öffentliche Diskussion um die Effizienz der Jugendhilfe lasse keine Alternative zu einer stärkeren Sozialraum-Orientierung der Jugendhilfe zu, betont Schmitt. Das heißt: Das Umfeld der Kinder und Jugendlichen muss auf ein familiäres Problem hinweisende Zeichen rechtzeitig erkennen und deuten können. "Wir wollen erreichen, dass betroffene Kinder und Familien früh und bedarfsgerecht Hilfen erhalten", sagt Landrat Schartz. "Dazu ist es erforderlich, dass diejenigen, die tagtäglich in dem jeweiligen Sozialraum mit dem Betroffenen zu tun haben, vernetzt werden."