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Die ständige Angst vor dem Kurzschluss im Gehirn

Die ständige Angst vor dem Kurzschluss im Gehirn

Es kam aus heiterem Himmel. An Heiligabend vergangenen Jahres. Dass sie einen Schlaganfall haben könnte, hat die Studentin aus dem Kreis Trier-Saarburg zunächst nicht geglaubt. Die Diagnose erschüttert sie dann.

Irgendwas stimmte nicht mit ihr. Sie habe beim Geschenkeauspacken so ein komisches Gefühl in zwei Fingern der linken Hand gehabt. So, als wären sie taub, erinnert sich die 24-Jährige an den 24. Dezember vergangenen Jahres. Heiliger Abend. "Ich habe nicht so viel drauf gegeben." Zumal das komische Gefühl auch nach kurzer Zeit wieder weggewesen sei. Trotzdem wird sie diesen Tag so schnell nicht vergessen. Vermutlich nie. Seitdem ist ihr Leben ein anderes.

Abends geht die junge Frau dann mit ihren Eltern in die Christmette in ihrem Dorf im Kreis Trier-Saarburg. Als sie hinten in der Kirche gestanden habe, seien ihre linken Zehen plötzlich taub geworden. Dann ihre Lippe. Immer wieder habe sie sich auf die Lippe gebissen, um das Gefühl wegzubekommen. Doch das komische Gefühl hat sich ausgebreitet. Auf ihr Gesicht. "Ich habe keine Kontrolle mehr gehabt über meine Gesichtsmuskeln." Die Spucke läuft ihr aus dem Mund, ohne dass sie es merkt. Irgendwann sei ihr dann schwarz vor den Augen geworden. Ihre Mutter kann sie noch auffangen, bevor sie zusammenbricht. Die Eltern bringen ihre Tochter aus der Kirche. "Als ich dort auf einer Mauer gesessen habe, ging es mir schon wieder besser." Sie habe sich wieder normal bewegen können. Das Taubheitsgefühl war weg. "Ich wäre nicht in die Notaufnahme gefahren." Doch ihre Mutter besteht drauf. Und rettet ihr damit vielleicht sogar das Leben.

Die Ärzte im Trierer Brüderkrankenhaus untersuchen sie dann am selben Abend gründlich. Warum die damals 23-Jährige das komische Gefühl in Fingern und Zehen hatte, können sie zunächst nicht feststellen. Nichts habe zu der Zeit auf einen Schlaganfall hingedeutet. Trotzdem habe man noch in der Nacht eine Kernspintomografie ihres Gehirns gemacht. Die Diagnose: Schlaganfall.

"Das war niederschmetternd. Damit habe ich nicht gerechnet." Die junge Frau gehört damit zu den zehn Prozent der Schlaganfallpatienten, die unter 40 sind. 270.000 Deutsche erleiden pro Jahr einen Hirnschlag. Einige überleben ihn nicht, andere bleiben ein Leben lang gelähmt. "Vor allem Jüngere werden damit von heute auf morgen aus dem Leben gerissen, müssen womöglich ihren Beruf aufgeben", sagt Professor Matthias Maschke. Er ist Chefarzt der Neurologie am Trierer Brüderkrankenhaus und leitet die dortige Spezialstation für Schlaganfallpatienten, die stroke unit. 250 der jährlich 1000 Schlaganfallpatienten in der Klinik seien unter 50 Jahre alt, sagt Maschke. Er hat auch die Studentin aus dem Dorf im Kreis Trier-Saarburg behandelt, die an Heiligabend ins Brüderkrankenhaus gekommen ist.

Eine Ursache für den Schlaganfall haben Maschke und sein Team bei der jungen Frau zunächst nicht gefunden. Dann wird eine Blutgerinnungsstörung festgestellt. Zusätzlich finden die Ärzte einen wohl angeborenen Herzfehler. Jede für sich genommen, hätten die beiden Diagnosen kein großes Risiko für die Frau bedeutet. Doch zusammen und mit der Einnahme der Pille hat das wohl den Schlaganfall an Heiligabend ausgelöst.

Vier Wochen muss sie im Krankenhaus bleiben, bevor sie dann wieder nach Hause darf. Ihr Leben habe sich seitdem verändert, sagt die lebensfroh wirkende Frau. Obwohl der Schlaganfall äußerlich keine Spuren hinterlassen hat. Sie kann sich wieder normal bewegen, kann auch uneingeschränkt sprechen. "Ich verdränge es, dass ich einen Schlaganfall gehabt habe." Doch die junge Frau wird ausgebremst. Ihr Politik-Studium in England muss sie zunächst einmal unterbrechen, sie wohnt wieder bei den Eltern. Auch auf bestimmte Sportarten wie Kick-Boxen muss sie verzichten, seit sie ein Blutverdünnungsmittel nimmt. "Bei jedem Kopfschmerz denke ich: Hoffentlich ist jetzt nicht wieder was." Wie vergangene Woche. Als sie spät abends nach Hause kommt, spürt sie ein Taubheitsgefühl im Arm. So, als wäre dieser eingeschlafen. Ihre Eltern waren zu der Zeit in Urlaub. "Ich habe dann panisch im Bett gelegen und gehofft, dass es wieder besser wird." Als es doch nicht besser wird, fährt sie ins Krankenhaus. Sie habe die Hoffnung gehabt, dass man sie dort als Hypochonder abstempelt und wieder nach Hause schickt. Doch sie muss ein paar Tage dableiben. Bis ihr Maschke die Nachricht überbringt, dass es wohl kein neuer Schlaganfall gewesen ist.

Die junge Frau, der man nicht ansieht, was an Heiligabend passiert ist, ist erleichtert. Doch die Angst bleibe. Die Angst, dass es wieder zu dem Kurzschluss im Gehirn kommt. Die Angst, dass es nicht mehr so glimpflich endet.Extra

Folgende Symptome deuten auf einen Schlaganfall hin: Halbseitige Lähmungserscheinungen und/oder Taubheitsgefühl, in Armen, Beinen oder einer Körperhälfte; Sehstörungen oder kurzzeitige einseitige Blindheit; herabhängender Mundwinkel und undeutliches Sprechen, Sprachstörungen und Wortfindungsprobleme.

Mögliche Ursachen: In den meisten Fällen führen ein Verschluss einer Hirnarterie und die damit verbundene verminderte Durchblutung eines Gehirngebietes zum Schlaganfall, er kann aber auch durch eine Gehirnblutung ausgelöst sein.

Ein erhöhtes Risiko haben Menschen mit hohem Blutdruck, Übergewicht, Bewegungsmangel und Raucher. Aktionen anlässlich des Tages gegen den Schlaganfall am kommenden Samstag:

Heute, 17.30 Uhr, spricht der Chef-Neurologe des Verbundkrankenhauses Bernkastel/Wittlich, Jörg Weizenfeld, im Wittlicher Krankenhaus über die Vorbeugung des Schlaganfalls.

Am Donnerstag, 15. Mai, 14 bis 18 Uhr, veranstaltet der Schlaganfall Verbund Trier-Saarburg auf dem Trierer Kornmarkt einen Aktionstag. In einem signalroten Doppeldecker-Bus der Schlaganfall-Hilfe und der Schlaganfall-Gesellschaft informiert unter anderem der Chef-Neurologe des Brüderkrankenhauses, Prof. Matthias Maschke, über die Erkrankung. wie