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"Die USA werden alles kaputtmachen"

"Die USA werden alles kaputtmachen"

Sie sind traumatisiert vom Bombenhagel, vom Blick auf sterbende Menschen - und sie sind aus Syrien geflüchtet: Zwei Familienväter aus der Trierer Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende berichten von ihrer Flucht und dar-über, wie sie die jüngsten Entwicklungen in ihrem Heimatland mitverfolgen.

Trier. Irami Brohim (33) geht in einem Zimmer der Trierer Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (Afa) auf und ab. Sie wiegt ihren Sohn Achmed in den Armen. Er ist 16 Tage alt, geboren in Trier. Zufrieden liegt er im Arm seiner Mutter, ahnt nicht, was seine Eltern durchgemacht haben. "Am 10. April sind wir aus Syrien geflohen", sagt Ghaib Ossmann (33), Vater von Achmed und dem dreijährigen Ali.

Die Flucht führte die Familie erst in die Türkei, dann nach Deutschland. "Als nur noch Bomben geflogen sind, mussten wir gehen", sagt Ossmann. Was aktuell in seinem Heimatland passiert, weiß er nicht. Er bekommt in der Afa keine Nachrichten. Dass Amerika einen Militäreinsatz plant, überrascht ihn.

Er legt den Arm um Frau und Sohn, senkt den Blick - und schweigt.Familie wartet in der Türkei

Am Tag von Achmeds Geburt kam Mohammed Kamel, 32, in Trier an. Seine Frau und die beiden Kinder im Alter von zwei und sechs Jahren musste er in der Türkei zurücklassen. Für umgerechnet 9000 Euro habe er einen Schlepper bezahlt, sagt der ehemalige Apotheker. In einem winzigen Schrank, erzählt er, der unter dem Lastwagen befestigt gewesen sei, habe er drei Tage kauern müssen - bis zur Ankunft in Deutschland.

Weitere 18 000 Euro will der Schlepper haben, damit er Kamels Familie nachholt. Geld, das der Familienvater nicht hat. Denn umgerechnet 20 000 Euro Lösegeld hatte er schon einem Entführer seines Jungen bezahlen müssen. Eines der vielen grausamen Gesichter des Bürgerkrieges in Syrien: "Jeden Tag sind Bomben gefallen, Menschen wurden getötet, getötet, getötet", sagt Kamel. Der syrische Machtinhaber Baschar al-Assad mache nicht mal halt vor Kindern. Er mache, was er wolle. "Wo bleibt das Menschenrecht?" fragt der Familienvater verzweifelt.

Dass Amerika einen Angriff plant, hat der aus Qamishli, einer Stadt im Nordosten Syriens, stammende Pharmazeut von einem anderen Bewohner der Afa gehört. Er atmet tief, bevor er sagt: "Die USA werden alles kaputt machen." Syrien brauche eine neue Regierung, meint Kamel.Kein Kontakt in die Heimat


Der Krieg hat auch seine Herkunftsfamilie auseinandergerissen. Kamels Mutter und sein Bruder sind in den Irak geflohen, der 80-jährige Vater kann nicht mehr laufen. "Er musste in Syrien bleiben", sagt Kamel.
Wie es ihm gehe, wisse er nicht. Es gebe keinen Kontakt in sein Heimatland. Zurückkehren möchte er nicht.
Nur Fotos auf dem Handy stillen zurzeit seine Sehnsucht nach der Familie. "Ich hoffe, dass meine Frau und meine Kinder bald zu mir kommen", sagt Kamel.

Der kleine Achmed gähnt, er weiß noch nicht, unter welchen Umständen er das Licht der Welt erblickt hat.Extra

Insgesamt 72 Syrer warten laut Wolfgang Bauer, Leiter der Trierer Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (Afa), zurzeit in Trier auf die Anerkennung des Flüchtlingsstatus. Weitere Informationen zur Arbeit der Afa im Internet unter www.add.rlp.de kat