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Diskussion um Rente mit 63: Die Fachkräfte fehlen

Diskussion um Rente mit 63: Die Fachkräfte fehlen

Die Arbeitgeber kritisieren den vorgezogenen Ruhestand. Weil immer mehr Beschäftigte die Chance nutzen, fehlen den Firmen erfahrene Kräfte. Die Gewerkschaften sehen das völlig anders.

2397 Arbeitnehmer in der Region haben in den vergangenen drei Jahren die Rente mit 63 beantragt. Seit Sommer 2014 besteht die Möglichkeit, nach 45 Beitragsjahren mit 63 Jahren ohne Abschläge in den Ruhestand zu gehen. Landesweit haben nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung Rheinland-Pfalz seitdem 19.000 Arbeitnehmer davon Gebrauch gemacht. Die Zahlen lägen innerhalb der Erwartungen, sagt Hans-Georg Arnold, Sprecher der Rentenversicherung.

Doch die Arbeitgeber haben offenbar nicht mit einer so hohen Nachfrage nach dem vorgezogenen Ruhestand gerechnet. "Sowohl aus beschäftigungs- als auch aus arbeitsmarktpolitischer Perspektive ist die Rente mit 63 unsinnig", sagt Werner Simon, Hauptgeschäftsführer der Landesvereinigung der Unternehmer. "Zum einen entzieht sie unseren Betrieben wichtige und erfahrene Fachkräfte. Zum anderen verteuert sie die Arbeitskosten, denn die aktiven Arbeitnehmer und ihre Arbeitgeber zahlen die abschlagsfreie Rente mit 63 mit ihren Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung." Ähnlich argumentiert auch Matthias Schmitt, Chefvolkswirt der Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier. Durch die Rente mit 63 würden viele ältere, oft gut ausgebildete Arbeitskräfte die Unternehmen früher verlassen. Diese Stellen könnten aber nur schwer nachbesetzt werden, da in der Region Trier in weiten Teilen Vollbeschäftigung herrsche, sagt Schmitt. Daher gebe es kaum arbeitssuchende Fachkräfte. Für über die Hälfte der regionalen Unternehmen stelle der Fachkräftemangel das am häufigsten genannte Risiko dar, sagt Schmitt.

"Die Klagen der Arbeitgeber über den drohenden Fachkräftemangel lenken davon ab, dass die Rente mit 63 nicht die Ursache, sondern die Folge eines Problems der Arbeitgeber ist", sagt James Marsh, Regionalgeschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes. "Würden die Betriebe regelmäßig für altersgerechte Arbeitsbedingungen sorgen und ältere Beschäftigte damit eine Chance haben, gesund bis zur Regelaltersrente arbeiten zu können, wäre die abschlagsfreie Rente mit 63 für viele nur die zweitbeste Option", sagt Marsh.

Weniger als die Hälfte aller Beschäftigten gehe davon aus, bis zur Rente durchhalten zu können. In besonders stark belasteten Berufsgruppen wie im Baubereich, in der Altenpflege oder in Hotel- und Gaststättenberufen liege der Anteil sogar noch deutlich niedriger.

Es sei nachvollziehbar, dass Menschen, die 45 Jahre gearbeitet haben, mit 63 Jahren in den Ruhestand gehen möchten, häufig spielten auch gesundheitliche Einschränkungen eine Rolle, sagt Heribert Wilhelmi, Leiter der Arbeitsagentur Trier. "Klar ist aber auch, dass die Nachfrage nach Fachkräften weiter steigt. Daher gilt es, in Unternehmen sowohl rechtzeitig Nachwuchskräfte auszubilden als auch gute Rahmenbedingungen für ältere Beschäftigte zu schaffen, damit deren Erfahrung möglichst lange im Unternehmen gehalten werden kann."

Wilhelmi nennt die Chancen von flexiblen Ruhestandsregelungen "sowohl für diejenigen, die früher aufhören müssen oder wollen, als auch für solche, die länger arbeiten können und wollen."
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Mai-Kundgebung in Trier

"Wir sind viele. Wir sind eins" lautet das Motto des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) am 1. Mai 2017. Bundesweit rufen die Gewerkschaften zu Kundgebungen zum Tag der Arbeit auf. In Trier beginnt die Kundgebung um 11 Uhr auf dem Kornmarkt.