Drohnen als terroristische Bedrohung für Cattenom?

Drohnen als terroristische Bedrohung für Cattenom?

Haben Terroristen mit den bislang noch immer ungeklärten Drohnenflügen über französische Atomkraftwerke mögliche Ziele für Angriffe ausgekundschaftet? Das jedenfalls glaubt eine Hannoveraner Wissenschaftlerin. Als besonders gefährdet sieht unter anderem die Anlage in Cattenom.

Eine Drohne fliegt über das Kernkraftwerk Cattenom. Plötzlich stürzt sie ab, es kommt zu einer Explosion. An mehreren Stellen des Kraftwerks beginnt es, zu brennen. Der Strom fällt aus. Die Notstromaggregate funktionieren nicht. Die Kühlung der Atombrennstäbe versagt, es kommt zu Kernschmelze. So ähnlich stellt sich die Diplom-Physikerin Oda Becker aus Hannover ein Angriffsszenario durch Drohnen auf Cattenom vor.

Becker hat im Auftrag der Umweltschutzorganisation Greenpeace die Gefahr der 30 bislang ungeklärten Drohnenüberflüge über französische Atomkraftwerke, darunter auch das in Cattenom untersucht. In ihrem 34-seitigen Bericht kommt die nicht ganz unumstrittene Wissenschaftlerin zu dem Schluss, dass die Drohnenflüge in den vergangenen Wochen durchaus einen terroristischen Hintergrund haben könnten. Etwa um die Sicherheitslage in den Atomkraftwerken abzuklären, wie Becker auf Anfrage unserer Zeitung erklärt.

Solche Aufklärungsflüge könnten der Vorbereitung von späteren Angriffen etwa per Hubschrauber oder mit tragbaren panzerbrechenden Lenkwaffen dienen. Die selbstständig tätige Wissenschaftlerin und Gutachterin, die nach eigenen Angaben keine Atomphysikerin ist, hatte bereits vor vier Jahren eine Studie für Greenpeace erstellt über einen "Super-Gau in AKW durch tragbare Waffen". Wie schon in der damaligen Studie nimmt Becker auch in ihrem aktuellen Gutachten an, dass ein solcher Angriff mit einer russischen Lenkwaffe vom Typ AT-14 erfolgen könnte. Solche Waffen seien auf dem Schwarzmarkt "in großer Zahl" vertreten.

Drohnen könnten zusätzlich einen solchen Angriff unterstützen, in dem sie mit "kleineren Sprengladungen" das Sicherheitspersonal angreifen, heißt es in der Greenpeace-Studie. Die Drohnen könnten auch, ähnlich wie neuerdings eingesetzten Paketdrohnen, Sprengstoff ins Innere von Atomanlagen "liefern" an dort eingeschleuste, als Mitarbeiter getarnte Terroristen, sagt Becker. Schon zehn Kilogramm Sprengstoff reichten, um sicherheitsrelevante Systeme in den Kraftwerken auszuschalten.

Als besonders gefährdet, sieht sie dabei die Kernkraftwerke in Gravelines in Nordfrankreich, im elsässischen Fessenheim und auch Cattenom in der Nähe der frazösisch-luxemburgisch-deutschen Grenze. Gerade in Cattenom zeige sich, dass die Sicherheitskultur unzureichend sei. Die immer wieder auftretenden Mängel könnten im Störfall, etwa durch einen terroristischen Angriff, schneller zu Funktionsausfällen führen, sagt Becker. Bei einer Kernschmelze in Cattenom könnten im ungünstigsten Fall komplett Luxemburg, Teile von Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Deutschland kontaminiert sein, heißt es in der Studie.

Die Physikerin hält es für unverantwortlich, dass Frankreich kein Interesse an der Aufklärung der Drohnenflüge habe. Offenbar wolle man die mögliche Gefahr herunterspielen, sagt sie.

Das sieht auch Greenpeace so. Die überalterten, unzureichend gesicherten Anlagen in Cattenom, Fessenheim und Gravelines müssten abgeschaltet werden, bis die Hintergründe der Drohnenüberflüge geklärt sind, fordern daher die Umweltschützer. "Jodtabletten für alle" fordert die Grünen-Landtagsabgeordnete Stephanie Nabinger (Saarburg). Der neue Notfall-Plan Cattenom der luxemburgischen Regierung gehe in die richtige Richtung. Bisher war im Großherzogtum vorgesehen, dass im Falle eines Atomunfalls in Cattenom die Jodtabletten, die verhindern sollen, dass der Körper radioaktive Strahlung aufnimmt, durch die Feuerwehr verteilt werden.

Nun kann sich jeder Luxemburger quasi auf Vorrat seine Jodration in Apotheken abholen. Dem Beispiel sollte auch Rheinland-Pfalz folgen, sagt Nabinger. Hierzulande werden die Jodtabletten an zentralen Stellen gelagert und im Ernstfall dann durch Hilfskräfte verteilt. Dadurch könne nicht garantiert werden, dass die Tabletten rechtzeitig an die Bevölkerung ausgegeben werden und zum anderen würden die Tabletten erst nach einem Unfall in Cattenom etwa durch die Feuerwehr verteilt. Dann würden aber die Einsatzkräfte an anderer Stelle dringender gebraucht werden.

Bei der Verteilung der Jodtabletten halte man sich an die Erkenntnisse der Strahlenschutzkommission, heißt es aus dem rheinland-pfälzischen Innenministerium.. Derzeit würde aber über die Neueinteilung der Gefahrenzonen bei einem Atomunfall beraten. Darüber und über mögliche bundeseinheitliche Änderungen bei der Jodtableten-Verteilung würden die Innenminister im Dezember beraten. wie

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