1. Region
  2. Rheinland-Pfalz

Ein Krieg, der nicht enden wollte

Ein Krieg, der nicht enden wollte

Klaus Pander, wohnhaft in Trier, war 12 Jahre alt, als er mit seiner Familie aus Oberschlesien vor den anrückenden sowjetischen Truppen über Prag und Österreich flüchtete.

Er findet es gut, dass mit Zeitzeugenberichten an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren erinnert wird. "Gerade weil die Welt seit 1945 keineswegs friedlicher geworden ist, und wiederum unzählige Flüchtlinge ihr Heil nur in der Flucht suchen können, sollten wir zurückdenken, wie es uns im 'Großdeutschen Reich' und nach Kriegsende ergangen ist. Es bleibt zu hoffen, dass unsere Kinder und Kindeskinder etwas aus den Fehlern ihrer Großeltern und Eltern gelernt haben - nicht nur in Trier und in der Region Eifel-Mosel-Hunsrück." Hier sein Bericht.

Ein Krieg, der nicht enden wollte.

Ende Januar 1945 glaubte in meiner Heimat Oberschlesien niemand mehr an einen Sieg der deutschen Wehrmacht. Meine Mutter und ich konnten im letzten Augenblick - versteckt auf einem Lastwagen - doch noch die Stadt verlassen. Insgesamt waren wir acht Personen auf dem LKW im Alter zwischen acht Monaten und 70 Jahren - fünf Frauen, ein Säugling, mein Cousin und ich. Mein Vater jedoch durfte die Stadt nicht verlassen und wurde trotz seines durch einen Unfall verkrüppelten Armes noch zum Volkssturm eingezogen. Und meine beiden Brüder - 18 und 16 Jahre alt - waren als Soldaten irgendwo an der Ostfront. Während der ältere schwer verwundet den Krieg überlebte, fiel der jüngere noch am 1. Mai 1945 im Kampf um Berlin. Es war am Abend des 22. Januar 1945, als sich unser LKW - bei einer Außentemperatur von minus 24 Grad Celsius - in Bewegung setzte, während sowjetische Panzer die ersten Straßenzüge im Osten der Stadt erreichten. Damit war aber der Krieg für uns noch nicht zu Ende.

Nach knapp 24 Stunden Fahrt hatten wir unser Ziel erreicht - Prag. Unweit von Prag sollten wir nämlich in einem weitestgehend von Tschechen bewohntem Dorf eine erste Bleibe finden. Die Einheimischen aber, denen wir zum Beispiel beim Bäcker begegneten, grüßten uns nicht mit "Heil Hitler" sondern so, wie sie es von früher kannten, mit "s' bochém", also "Mit Gott". - Dass hier alles anders war, eingeschränkter und bescheidener als Zuhause in unserer Großstadt, mussten wir akzeptieren. Das Wasser zum Waschen und Kochen holten wir aus einem Brunnen vor dem Haus. Und wenn jemand "musste", durfte er das Plumpsklo im Hof aufsuchen. Gleichwohl hatten wir uns schnell den veränderten Lebensbedingungen angepasst.

Verständlicherweise hofften die Tschechen auf ein baldiges Ende des Krieges und damit auf ihre Befreiung, denn lange genug wurden sie von den deutschen Besatzern gleichsam als Menschen 2. Klasse behandelt. Trotzdem bedrängten sie uns, die Tschechoslowakei auf schnellstem Wege zu verlassen. Keiner könne für unsere Sicherheit garantieren. Und so flüchteten wir in den letzten Apriltagen zum zweiten Mal vor der Roten Armee. Aber auch mit unserer erneuten Flucht war der 2. Weltkrieg für uns noch nicht zu Ende.

Am 30. April 1945 erreichten wir mit noch anderen Flüchtlingen - wieder auf einem LKW - Linz an der Donau. Schon von weitem sahen wir die noch brennenden Häuser und eine große Rauchwolke über der Stadt. Obwohl Tiefflieger ständig über uns hinweg jagten, kamen wir doch unverletzt nach Wels, einer Kleinstadt in Oberösterreich. Es war bereits Nacht, als unser Laster vor dem örtlichen NSV-Heim (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) hielt - die letzte noch funktionierende NS-Anlaufstelle. Gegen Mitternacht erfuhren wir, dass "unser Reichskanzler und Führer Adolf Hitler" im Kampf um Berlin gefallen war. Aber noch waren wir hier in Wels nicht in Sicherheit. Wir befanden uns nach wie vor zwischen den Fronten. Im Osten die Sowjets, im Westen die Amerikaner. Am frühen Morgen brachte man uns endlich auf ein nahe gelegenes Dorf. In der Grundschule des Ortes, die man für die vielen Flüchtlinge beschlagnahmt hatte. Hier stellte man uns - 7 Erwachsene und 5 Kinder - schließlich doch noch einen leergeräumter Klassenraum zur Verfügung.

Während mein Cousin und ich - gerade 12 Jahre alt - voller Neugierde durch das Dorf schlenderten, bemerkten wir, dass alle Straßen und Wege plötzlich wie leergefegt waren. Alle rannten, was sie rennen konnten "nach Hause". Nun auch wir. Über dem Dorf lag eine gespenstische Stille. Doch plötzlich hörten wir Motorengeräusche und sahen, wie ein amerikanischer Jeep langsam aber zielstrebig durch den Ort fuhr. Widerstand gab es keinen - von wem auch? Alle deutschen Soldaten waren wie vom Erdboden verschluckt. Nur wenig später entdeckten wir die ersten Panzer, auf denen scheinbar ganz lässig die Soldaten saßen und uns Kindern Kaugummis und Schokolade zuwarfen.

Eigentlich konnte es für uns hier in Oberösterreich jetzt nur noch aufwärts gehen. So dachten sicher auch die deutschen Soldaten, die von allen Seiten mit erhobenen Händen aus ihrem Versteck kamen und von den Siegern entwaffnet und auf bereitstehenden LKWs abtransportiert wurden. Wir jedoch - Flüchtlinge und Vertriebene aus Deutschland - waren froh und dankbar, den endgültigen Zusammenbruch des Dritten Reiches lebend überstanden zu haben. Obwohl wir jetzt in Sicherheit waren, hatte für uns der 2. Weltkrieg aber immer noch kein Ende gefunden.

Dass wir nämlich nicht auf Dauer - als "Gäste"- in Österreich bleiben konnten, war uns allen sehr wohl bewusst. Trotzdem waren wir überrascht, als Mitte Oktober 1945 alle Flüchtlinge im Ort aufgefordert wurden, sich "am kommenden Sonntag um 12 Uhr" mit Sack und Pack vor dem Gemeindehaus einzufinden.

Es war kurz vor Mitternacht, als ein schier endlos langer Güterzug mit mehr als 50 "Viehwagen" in den Bahnhof von Aschach - eine Marktgemeinde an der Donau - einfuhr. Alle waren entsetzt. Nicht nur über die Tatsache, dass wir Österreich "von heute auf morgen" verlassen mussten, sondern auch darüber, wie man uns "abschieben" wollte. Doch es gab kein Entkommen. Wir mussten mit unserem Gepäck in die Waggons klettern, und das möglichst schnell. Jeder half jedem beim Einsteigen. Schließlich hatten wir es doch geschafft. In jedem Waggon befanden sich 40 bis 50 Personen - Frauen und Kinder jeden Alters sowie einige bereits entlassene deutsche Kriegsgefangene - insgesamt annähernd 3000 Menschen. Aber wohin unsere unerwartet überhastete Ausreise gehen sollte, war nicht bekannt. Völlig übermüdet saßen wir auf unseren Koffern und warteten und warteten. Plötzlich hörten wir einen dreimaligen, lang gezogenen Pfeifton der Dampflokomotive. Die Bremsen wurden gelöst, und langsam setzte sich der Zug in Bewegung.