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Ein Leben mit Minijob und wenig Perspektiven

Ein Leben mit Minijob und wenig Perspektiven

Die Schwelle zur Armut liegt für Alleinerziehende mit einem Kind bei 1044 Euro pro Monat. Wie lebt es sich mit einem solchen Betrag. Der Trierische Volksfreund hat eine Mutter besucht, die bereit war, über ihre Situation zu sprechen.

Wirklich wohl ist Judith Paulus bei diesem Gespräch nicht. Die 49-Jährige kümmert sich alleine um ihren mittlerweile sieben Jahre alten Sohn Julius. Nun soll sie mit dem Reporter darüber reden, wie es sich anfühlt, als Alleinerziehende mit wenig Geld zurechtzukommen. "Bitte nennen Sie im Bericht nicht unsere richtigen Namen", sagt sie vor allem mit Blick auf ihren Sohn, von dem sie hofft, dass er im kommenden Schuljahr aufs Gymnasium gehen wird.

Wir sitzen an einem kleinen Tisch in der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in der Trierer Innenstadt. Der Wohnraum ist mit einem Vorhang unterteilt. Dahinter, im "Schlafzimmer" von Frau Paulus, steht ein Bett und ein Schrank. Das Zimmer von Julius gibt keinen Hinweis darauf, dass seine Mutter jeden Euro zweimal umdrehen muss.

"520 Euro warm kostet die Wohnung. Das bekomme ich vom Jobcenter", sagt Judith Paulus. Sie ist das, was in Amtsdeutsch als Aufstockerin bezeichnet wird: 450 Euro aus einem Minijob verdient sie selbst, hinzu kommen 188 Euro Kindergeld und ein kleiner Betrag vom Vater des Jungen. "Nach allen Abzügen für Nebenkosten, Versicherungen, Telefon, Vereinsbeitrag und Essensgeld für den Hort bleiben uns vielleicht 450 Euro im Monat zum Leben." Ab und zu sei damit sogar mal ein Kinobesuch oder ein Ausflug möglich.

"Beim Einkaufen schaue ich schon auf das Geld. Aber ich achte dennoch auf Qualität, nehme dann eben lieber etwas weniger. Und bei der Kleidung kaufe ich eh nicht jeden Plunder. Da zahlt man sonst doppelt." Zum Glück helfe die ältere Schwester mit Care-Paketen aus Cottbus für ihren Neffen.

Vor 15 Jahren kam Judith Paulus von dort nach Trier, weil sie in ihrer Heimat keine Arbeit mehr fand. "Ich habe hier in einem Hotel in Vollzeit als Reinigungskraft gearbeitet, bis der Nachwuchs kam", erzählt die Frau, die mittlerweile gerne ihre dunkle Wohnung gegen eine mit mehr Licht und etwas Grün vor der Tür tauschen würde. Bei dem Gedanken daran hellt sich ihr Gesicht auf, um dann wieder ernst zu werden. "Das ist ganz schwer, weil die Vermieter immer einen Einkommensnachweis wollen."

Nach der Geburt von Julius ("Der Vater kommt aus einem anderen Kulturkreis") sei sie drei Jahre zur Kinderbetreuung zuhause geblieben. "Danach habe ich über eine Eingliederungsmaßnahme meinen ersten Minijob bekommen." Arbeit sei wichtig für sie. "Ich kann doch nicht die ganze Zeit hier herumsitzen!"

Gerne würde Judith Paulus auch mehr arbeiten. Eine neue Stelle mit 800 Euro Gehalt habe sie in Aussicht gehabt. "Aber die Arbeitszeit war für mich leider nicht möglich." Zudem wäre es als Aufstockerin für sie nahezu ein Nullsummenspiel geworden, da dann die Hartz-IV-Leistungen fast komplett entfallen wären. Die 49-Jährige würde das vielleicht sogar in Kauf nehmen, "wenn ein Arbeitgeber nur ein bisschen flexibler in der Zeitvorgabe wäre".

Dass Altersarmut für sie ein Thema sein könnte, weiß Judith Paulus. "Wenn mein Sohn volljährig ist, bin ich 59. Ich habe 20 Jahre lange voll gearbeitet, davon bleiben vielleicht 450 Euro Rente. Aber wenn ich jetzt ein Bewerbungsgespräch habe, dann nehmen sogar die Sozialverbände lieber Leute, die gar keine Arbeit haben, als eine Minijobberin. Das ist frustrierend."

An den Wänden der kleinen Wohnung, in die nur wenig Tageslicht fällt, hängen viele Fotos von einem fröhlichen Kind, die Judith Paulus gerne zeigt. Julius ist bei dem Gespräch mit dem Reporter natürlich nicht dabei. Er soll von den Sorgen seiner Mutter nichts wissen.Meinung


Am Rande der Gesellschaft
Alleinerziehende und deren Kinder brauchen mehr Aufmerksamkeit

Von Rainer Neubert

Wer von Armut bei Kindern spricht, meint immer auch die Eltern. Und wenn es um Familien geht, die nicht aus eigener Kraft ihren Lebensunterhalt erzielen können, geht es zu 60 Prozent um Alleinerziehende und deren Kinder. Mehr als 90 Prozent der Alleinerziehenden sind wiederum Frauen. Wer also von Armut bei Kindern spricht, spricht sehr oft auch von alleinerziehenden Müttern im Teufelskreis von Kindererziehung, Haushalt und Beruf.

Zwar ist in Rheinland-Pfalz in den vergangenen Jahren das Angebot an Kita- und Hortplätzen deutlich ausgebaut worden. 66 Prozent Ganztagesplätze reichen dennoch nicht aus, allen Alleinerziehenden eine Chance zu geben, den Sprung zurück in den Beruf zu schaffen.

Denn auch die Betreuung der Kinder bis 16 oder 17 Uhr genügt nicht, um einer Mutter einen Vollzeitjob in Einzelhandel, Gastronomie oder anderen Bereichen zu ermöglichen, in denen bis in die Abendstunden oder gar wechselnden Schichten gearbeitet wird. Zudem ist es ein Dilemma, wenn die Kita nur dann Kinder für einen der begehrten Ganztagsplätze in Betracht zieht, wenn die Mutter einen Arbeitsnachweis vorlegen kann, auf der anderen Seite aber der Arbeitgeber nur einstellt, wenn die Kinderbetreuung gesichert ist.

So ist es kein Wunder, dass Alleinerziehende und ihre Kinder mit über 40 Prozent das höchste Armutsrisiko aller Familienformen tragen. Ändern kann das nur eine Gesetzgebung, die Benachteiligungen im Vergleich zur klassischen Familie beseitigt. Das gilt für die Besteuerung ebenso wie für die Förderung der Kinder, die unabhängig von der Familienform Grundsicherung erhalten müssen.

Wie weit die Bundesregierung von solchen Dingen entfernt ist, zeigt allerdings der aktuelle Entwurf für die Hartz-IV-Reform. Wieder einmal gerät dabei ein Gesetzentwurf aus dem Ministerium von Andrea Nahles unter den Verdacht, dass es nicht um die ursprünglich angekündigte Verbesserung für die Betroffenen geht, sondern vor allem darum, Geld zu sparen.

Kinder aus Hartz-IV-Familien haben es ungleich schwerer als ihre wohlsituierten Gleichaltrigen, im Erwachsenenalter auch finanziell auf eigenen Füßen zu stehen. Leider trifft eine solch düstere Prognose auch für viele Alleinerziehende zu, die es nicht mehr schaffen, sich aus dem Sog der Minijobs zu befreien. Altersarmut ist dann absehbar.

r.neubert@volksfreund.de