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"Ein Skalpell ersetzt keinen Psychiater"

"Ein Skalpell ersetzt keinen Psychiater"

6000 Euro für eine größere Brust, 5000 Euro für einen flacheren Bauch. Bezahlen muss der Patient in der Regel selbst. Dennoch führt der Weg zum Schönheitsideal für immer mehr Menschen zum Chirurgen.

Trier. Jahrelang hat Marianne S. gelitten. Nach der Geburt der Kinder hatte der Busen der Frau, deren wahren Namen wir verschweigen, nicht mehr die alte Form gefunden. "Das war schlimm. Ich habe mich sogar vor meinem Mann geschämt, mich ihm nicht mehr gezeigt", erinnert sich die 45-Jährige. Schließlich habe sie sich für eine Operation entschlossen und es nicht bereut. "Ich habe danach vor Glück geweint."
Chefarzt will Zeichen setzen


Marianne S. ist eine Patientin von Dr. Thomas Biesgen, der im Februar 2015 die Leitung der einzigen Abteilung für Plastische Chirurgie in der Region Trier im damaligen Verbundkrankenhaus übernommen hat. Davor war er als Oberarzt in den Universitätskliniken von Cambridge, München und an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Tübingen tätig, wo er sich besonders als Handchirurg einen Namen machte. So gelang es ihm im Herbst 2014, einem Mann in einer 13-stündigen Operation die fast vollständig abgetrennte linke Hand wieder anzusetzen - so gut, dass sein Patient zumindest die grundlegenden Fertigkeiten zurückerhalten wird.
"Die rein ästhetische Chirurgie spielt bei uns eine untergeordnete Rolle", versichert Biesgen, der seine Abteilung, die inzwischen zum Klinikum Mutterhaus gehört, zum Replantationszentrum für die Region machen will.
Seine wöchentliche Ästhetik-Sprechstunde bewirbt er nicht aktiv. Über zu wenige Patienten mit dem Wunsch nach körperlicher Veränderung kann er sich dennoch nicht beklagen. "Die Menschen kommen zunehmend aus allen sozialen Schichten", sagt Biesgen. Die Krankenschwester, die jahrelang für eine schönere Brust gespart habe, sei ebenso dabei wie der wohlhabende Student mit dem Wunsch nach einer Fettabsaugung oder Brustkorrektur.
Nach einer Studie der Deutschen Gesellschaft für ästhetisch-plastische Chirurgie (DGÄPC) die repräsentativ mehr als 1000 Patientinnen und Patienten aus ganz Deutschland befragt hat, ist jeder siebte Patient in der ästhetisch-plastischen Chirurgie heute ein Mann. Vor allem Lidstraffung (20,6 Prozent) und Fettabsaugung (18,3) werden von Männern gewünscht. Hals-, Stirn- und Facelift, also die Beseitigung von Falten, folgt mit 8,4 Prozent auf Platz drei. Bei Frauen liegt die Brustvergrößerung mit Implantat (20,4 Prozent) mit weitem Abstand vor der Lidstraffung (12,2) und der Fettabsaugung (9,2). Die chirurgische Straffung der Gesichtshaut macht "nur" 6,1 Prozent der Eingriffe aus, wobei der Blick auf das Durchschnittsalter der männlichen wie weiblichen Patienten belegt, dass der Wunsch nach jugendlich glatter Haut vor allem in reiferem Alter viele Menschen zum Schönheitschirurgen treibt. Fast 60 Jahre sind im Durchschnitt jene, die ein Facelift wünschen. In den 15 Jahren davor sind eher Faltenbehandlungen mit Botox oder Eigenfett gefragt.
Auch Chefarzt Thomas Biesgen begegnet in seiner Sprechstunde der dringende Wunsch, dem modernen Schönheitsideal zu entsprechen. "Ich spreche immer intensiv mit den Patienten und operiere auch keinen Fall, wenn ich den Eindruck habe, dass ein falsches Selbstbild bei dem Wunsch nach Veränderung eine große Rolle spielt. Das Skalpell ist kein Ersatz für den Psychiater."
Wenn das scharfe Messer aber zum Einsatz kommt, ist das kein Kinderspiel. Grundsätzlich sei auch ein vermeintlich schneller und kleiner Eingriff kein Gang zum Friseur, sondern berge immer ein erhebliches Risiko für die Patienten, warnt Biesgen. "Das Risiko von Embolien oder Kreislaufversagen ist nicht wegzudiskutieren." Deshalb hält er auch bei Schönheitsoperationen eine größere Klinik mit eigener Intensivstation für erforderlich.
Biesgen blickt kritisch auf Privatkliniken, die sich auf das lukrative Geschäft mit der Schönheit spezialisiert haben. 5000 oder 6000 Euro für eine Brustvergrößerung, eine Nasenkorrektur oder eine Bauchstraffung sind keine Seltenheit. Vor allem warnt der Chefarzt vor den Lockangeboten mit Dumpingpreisen im Ausland. "Jeder Patient sollte sich genau überlegen, ob er im Fall von Komplikationen nicht lieber in Landessprache und gewohnter Umgebung versorgen lassen möchte."
Stolz ist Thomas Biesgen auf seine Arbeit, wenn er Menschen helfen kann, als Handchirurg ("die Uhrmacher unter den Chirurgen") oder wenn er nach einer Tumoroperation eine Brust rekonstruieren kann. "In der Regel ist das inzwischen möglich."
Und natürlich sind da noch Patientinnen wie Marianne S., die nach der Brustkorrektur vor Glück weinen. Das Streben nach dem Schönheitsideal sieht Biesgen durchaus kritisch: "In der plastischen Chirurgie geht es um Form, Funktion und Ästhetik. Aber in der Gesellschaft spielt Ästhetik eine immer größere Rolle."Extra

Der Ethikrat im Bistum Trier befasst sich trägerübergreifend mit wichtigen gesellschaftlichen Entwicklungen. Zum Thema plastisch-ästhetische Chirurgie hat der Ethikrat im Jahr 2014 eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sich das theologische Expertengremium am Ethik-Institut an der philosophisch-theologischen Hochschule Vallendar besonders mit dem Spannungsfeld zwischen der Selbstbestimmung der Patienten und der Verantwortung des Arztes befasst. "Das wachsende Angebot im Bereich plastisch-ästhetischer Chirurgie spiegelt ein verändertes gesellschaftliches Bewusstsein im Umgang mit dem eigenen Körper wider", heißt es dazu im Vorwort der 24-seitigen Publikation. "Je mehr sich ,Schönheit' als technisch herstellbar erweist, umso weniger wird sie als eine ,gute Gabe' der Natur gefasst. Mit einer steigenden gesellschaftlichen Erwartungshaltung, bestimmte Normen der äußerlichen Erscheinung zu erfüllen, gewinnt das gute Aussehen den Charakter eines Statussymbols." Die plastisch-ästhetische Chirurgie sei ein Beispiel dafür, dass die Bedeutung der medizinischen Notwendigkeit als Legitimation für ärztliches Handeln auf den Prüfstand gerät. "Denn wenn der individuelle Wunsch des Patienten ausreicht, um bestimmte selbst finanzierte medizinische Leistungen einzufordern, läuft die Medizin Gefahr, zunehmend zur Erfüllung von Trends und Moden instrumentalisiert zu werden." Dadurch verändere sich die Beziehung von Arzt und Patient zu einer Beziehung zwischen Leistungsanbieter und Kunde. Vor allem bei Minderjährigen seien an die ärztliche Entscheidung und die Aufklärung der hilfesuchenden Person und der gesetzlichen Vertreter besonders hohe Anforderungen in Bezug auf mögliche psychosoziale, rechtliche und finanzielle Folgen zu stellen. r.n.Extra

Internationaler Vergleich: In einer Untersuchung der Internationalen Gesellschaft für ästhetisch-plastische Chirurgie (ISAPS) wurde für das Jahr 2014 die Zahl der plastischen und ästhetischen Operationen weltweit geschätzt. Deutschland steht auf Platz sechs. Zwischen medizinisch notwendigen Eingriffen und Schönheitsoperationen wird dabei nicht unterschieden: USA: 1 483 020 Brasilien: 1 343 293 Südkorea: 440 583 Japan: 326 398 Mexiko: 381 207 Deutschland: 287 262 Kolumbien: 252 244 Frankreich: 233 615 r.n.Extra

Rein ästhetische Chirurgie spielt an den meisten Krankenhäusern eine eher untergeordnete Rolle. Vor allem Privatkliniken spezialisieren sich auf dieses finanziell einträgliche Geschäft. Das Klinikum Mutterhaus Trier-Ehrang (früher Marienkrankhaus) verfügt über die einzige Abteilung für Plastische Chirurgie und Handchirurgie in der Region Trier. Chefarzt Thomas Biesgen und sein Team beschäftigen sich dort mit vier Arbeitsgebieten: Handchirurgie: Behandelt werden Patienten mit allen frischen Handverletzungen, um eine optimale Wiederherstellung der Funktionen der Hand zu erzielen. Auch Operationen von Geschwülsten, Arthrosen (degenerative Gelenkerkrankung), Rheuma, Nerveneinklemmungen und Fehlbildungen gehören zum Spektrum dieser Abteilung. Wiederherstellungschirurgie: Die rekonstruktive Chirurgie beschäftigt sich mit der Verbesserung und Wiederherstellung von Körperform und Funktion. Hierzu gehören Narbenkorrekturen und die Behandlung bei Brustkrebs. Der Brustwiederaufbau wird entweder mit körpereigenem Gewebe oder mit Implantaten vorgenommen. Auch die Brustverkleinerung und die Formverbesserung der weiblichen Brust sind weitere Schwerpunkte der Abteilung. Die Behandlung von Hautkrebs und von großen Muttermalen gehört ebenfalls zum Aufgabenbereich. Mikrochirurgie: Mit Hilfe des Operationsmikroskops und eines mikrochirurgischen Instrumentariums werden feinste Nerven und Gefäße genäht. Dadurch können abgetrennte Körperteile, zum Beispiel Finger, wieder angenäht werden. Mit Hilfe der Mikrochirurgie werden Gewebeverpflanzungen vorgenommen. Ästhetische Chirurgie: Die sogenannte Schönheitschirurgie ist Bestandteil der Plastischen Chirurgie. Dazu gehören unter anderem die Korrektur von Augenlidern, Nasen und Ohren sowie Brustvergrößerung und Fettabsaugungen. Auch die Korrektur von Altersveränderungen wie Faltenkorrektur oder Facelift gehört zum Repertoire. r.n.