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Ein Vaterunser für den Nürburgring

Ein Vaterunser für den Nürburgring

Das neue Freizeit- und Geschäftszentrum am Nürburgring ist am Donnerstag mit Prominenten wie Tennis-Legende Boris Becker oder Sänger Smudo sowie zahlreichen Landespolitikern, allen voran Ministerpräsident Kurt Beck (SPD), feierlich eröffnet worden.

Draußen rollen die Bagger, Betonmischer rotieren, den roten Teppich zieren Raupen-Spuren. Die gern als die schnellste Baustelle der Welt gepriesene neue Erlebniswelt an der Eifel-Rennstrecke ist zum großen Eröffnungstag nicht ganz fertig geworden.

Drinnen, im neuen „Warsteiner Event-Center“, wird trotzdem kräftig gefeiert: 900 Gäste und 300 Journalisten sind da. Zahlreiche Motorsportfans sind angereist, denn am Sonntag wird das Formel-1-Rennen ausgetragen. Rund 300 Millionen Euro werden am Ende wohl investiert worden sein, um in der Rekordzeit von eineinhalb Jahren den „neuen“ Nürburgring aus dem Boden zu stampfen. „Was hier entstanden ist, ist auf der Welt einmalig“, sagt Walter Kafitz, Hauptgeschäftsführer der Nürburgring GmbH. Er spricht von einem „Meilenstein“ in der Geschichte der Rennstrecke.

Der „Mythos Ring“ bringe der Region wirtschaftlichen Wohlstand und sei ein Job-Motor. Ministerpräsident Kurt Beck sagt: „Wer nicht investiert, wird an Bedeutung verlieren.“ Alle Landesregierungen seien sich der großen Chancen bewusst ewesen, die der Nürburgring biete. Deshalb sei es unangebracht, den Ring und die Investitionen „kaputtzureden“. Beck würdigt auch den am Dienstag aufgrund der umstrittenen und gescheiterten Privat-Finanzierung zurückgetretenen Finanzminister Ingolf Deubel, den er gerne dabeigehabt hätte. „Er hat ein großes Dankeschön verdient, denn er hat Großartiges geleistet.“

Die eineinhalbstündige Feier, moderiert von Pro-7-Fernsehfrau Nazan Eckes, wird abgerundet vom Auftritt zweier Geistlicher. Der Nürburger Pastor Klaus Konz segnet den Ring und bittet die Gäste, das Vaterunser zu beten. Ob die Ring- Verantwortlichen bei der Aufnahme dieses Programmpunktes ahnten, dass die Rennstrecke göttlichen Beistand benötigen wird, um wirtschaftlich über die Runden zu kommen?

Die Opposition im Landtag kritisiert derweil die „Party auf Pump“ (die Grünen) und die „Großmannssucht“ des Ministerpräsidenten. Die Feier verschlinge 500 000 Euro, das sei dem Steuerzahler nicht vermittelbar, lässt CDU-Chef Christian Baldauf verlauten. Auf TVNachfrage versichert indes Stefanie Hohn von der Marketingabteilung der Nürburgring GmbH, die Kosten lägen bei „unter 100 000 Euro“. -pf./dr

Der Ministerpräsident und die Meute
Kurt Beck wird bei seiner Journalisten-Sommerreise mit vielen bohrenden Fragen zum Thema Nürburgring konfrontiert


Ministerpräsident Kurt Beck betrachtet die „Affäre Nürburgring“ nach dem Rücktritt von Finanzminister Ingolf Deubel als weitgehend erledigt. Für sich selbst sieht er außer einigen Schrammen keine Folgen.

(fcg) Kurt Beck hat mit seinen Sommerreisen kein Glück. Einmal im Jahr tourt er mit Journalisten durch das Land. Die von ihm gefürchtete „Meute“, bestehend aus Vertretern zahlreicher Medien wie ARD, ZDF, Spiegel, Focus, Süddeutsche oder Frankfurter Allgemeine, lauert auf Sprüche des Pfälzers. Vergangenes Jahr fuhr er aus der Haut, als er noch SPD-Bundesvorsitzender war
und getriezt wurde. Diesmal kommt ihm ausgerechnet eine Affäre in seiner Heimat in die Quere, wo er in 15 Jahren Regierungszeit
Ruhe hatte. Der Ring und die (politischen) Folgen der Millionen-Investition dominieren die Diskussionen. Beck wirkt matt. „Ich habe
sechs Nächte lang kaum geschlafen“, erzählt er. Im Vorfeld der Entscheidung über den Rücktritt von Minister Deubel kam es am vergangenen Wochenende während des Rheinland- Pfalz-Tages zu drei Krisensitzungen des Kabinetts. Das gab es noch nie. Der sichtbar müde Regierungs-Chef zeigt sich gleichwohl entspannt. Er hat es offenbar gelernt, sich besser zu beherrschen. Bundespolitische Ambitionen hegt er nach seinem Scheitern als SPDChef nicht, muss sich also niemandem mehr beweisen. Er
weiß um seine Popularität im Land und wähnt sich aufgrund der seiner Ansicht nach lahmen Union in relativer Sicherheit.
So sagt der 60-Jährige zur Ring- Affäre kurz und bündig: „Die Konsequenzen sind gezogen.“ Der Ministerpräsident räumt ein, es sei im Nachhinein betrachtet politisch ein Fehler gewesen, das schwer durchschaubare Finanzmodell zu verfolgen. Allerdings handele es sich
bei dem Mann, von dem weitgehend das Geld bei dem geplanten Deal stammen sollte, um Pierre Dupont V., einen schwerreichen
US-Amerikaner. Es habe etwa einen Brief und die Kopie eines Kontoauszugs über eine Summe von 138 Millionen Euro gegeben. Für ihn sei es unverständlich, warum kein Geld geflossen sei und es letztlich nicht geklappt habe, sagt Beck. Seine Devise heißt nun: aufräumen
und Ruhe herstellen. Mit personellen Entscheidungen fackelt Beck nicht lange. Deubels Demission hat er als notwendig erachtet und anstandslos angenommen, wenngleich er sie heftig bedauert hat. Den neuen Finanzminister Carsten Kühl (47) hat Beck ebenso rasch gefunden wie dessen Nachfolger als Wirtschafts-Staatssekretär. Diesen Job soll der SPD-Landtagsabgeordnete Alexander Schweitzer (35), Jurist aus Kandel, übernehmen. Beck handelt entschlossen – aber er weiß nur zu gut, dass die Opposition in Sachen Nürburgring
so schnell keine Ruhe geben wird. Nach der Sommerpause werde ein Parlamentarischer Untersuchungs-Ausschuss kommen, glaubt er. „Er wird ausgehen wie das Hornberger Schießen.“ Ob das nur zur Schau gestellte oder echte Gelassenheit ist, wird sich bereits
heute erstmals erweisen, wenn der Landtag in einer Sondersitzung erneut über den Nürburgring diskutiert. Und am 5. August befasst sich der neuterminierte Haushalts- und Finanzausschuss ebenfalls damit.