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Eine ganz neue Philosophie

Eine ganz neue Philosophie

Ob sich die UN-Generalversammlung im Dezember 2006 darüber im Klaren war, welch eine revolutionäre Veränderung sie mit dem "Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen" beschloss? 100 Staaten haben die Konvention inzwischen ratifiziert und damit zu geltendem Recht erhoben - im Jahr 2009 auch Deutschland.

Entscheidender Punkt: Der Anspruch behinderter Menschen, an allen gesellschaftlichen Bereichen teilhaben zu können. Und zwar nicht als abstraktes Rechtsgut, sondern als praktische Verpflichtung des Staates und der Bevölkerung, entsprechende Verhältnisse herzustellen. Welche Konsequenzen das hat, lässt sich an einigen Bereichen erklären.
Schule:
Kinder und Jugendliche mit Behinderung dürfen nicht mehr automatisch auf besondere Förderschulen verwiesen werden. Im Prinzip müssen alle Schulen Möglichkeiten anbieten, behinderte Schüler nach ihrem Bedarf individuell im Rahmen des normalen Unterrichts zu fördern, ohne sie aus der Einrichtung auszugliedern.
Job:
Statt behinderte Menschen fast ausschließlich in Werkstätten zu beschäftigten, die eigens für die Arbeitstätigkeiten Behinderter eingerichtet sind, müssen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft mehr Möglichkeiten schaffen, Behinderte in den allgemeinen Arbeitsalltag zu integrieren - zum Beispiel durch Schaffung entsprechend geförderter Arbeitsstellen. Zwischen den verschiedenen Sektoren müssen flexible Übergänge existieren.
Wohnen:
Neben die vorhandenen besonderen Behinderten-Wohnheime müssen verstärkt Angebote wie integrative Wohngemeinschaften treten, in denen behinderte und nichtbehinderte Menschen in einem ganz gewöhnlichen Wohnumfeld leben. Um ein selbstständiges Leben, etwa bei gravierender körperlicher Behinderung, zu ermöglichen, müssen den Betroffenen bei Bedarf gemeindenahe Dienste oder persönliche Assistenzen zur Verfügung gestellt werden.
Freizeit:
Behinderte Menschen haben einen unbeschränkten Anspruch auf Teilhabe auch in Bereichen wie Kultur, Freizeit, Erholung, Sport. Das setzt Barrierefreiheit voraus, also einen auch für Behinderte handhabbaren Zugang. Das kann ein baulicher Zugang zum Theater oder zum Fußballstadion sein, aber auch ein virtueller Zugang zum Internet, etwa für Sehbehinderte. Oder Untertitel für Hörbehinderte, die man beim Fernsehen empfangen kann.

Hinter dem Begriff Inklusion steckt eine neue Philosophie. Eine Behinderung wird nicht mehr als Manko begriffen, das den Betroffenen aus der Normalität ausschließt und zu einem Betreuungsfall macht, dem die Hilfe und das Mitleid der "Gesunden" zustehen. Eine Behinderung im Sinn der Inklusion ist eine persönliche Eigenschaft, die eine gemeinsame Herausforderung für den behinderten Menschen und seine Umgebung darstellt. So wie andere nicht als Behinderung im medizinischen Sinn empfundene Eigenschaften auch, die jeder Mensch hat. Gerne gebrauchter Leitsatz in diesem Zusammenhang: Man ist nicht behindert, man wird behindert.
Aus dem Paradigmenwechsel ergeben sich aber auch Probleme. Die Vertreter der vorhandenen, gut aufgestellten speziellen Behinderten-Einrichtungen befürchten, die Politik könne in Zeiten knappen Geldes ihre Zuwendungen kürzen, ohne gleichzeitig entsprechende neue, inklusive Angebote in ausreichendem Maß zu schaffen. Dazu kommt eine gewisse Konkurrenzsituation. Andere Kritiker der Inklusion verweisen auf die aus ihrer Sicht exorbitanten Kosten, die eine gute individuelle Betreuung nach inklusiven Maßstäben und die Beseitigung vorhandener Barrieren verursachen würde.
Rechtlich gesehen steht aber der Anspruch auf Inklusion aufgrund der UN-Konvention nicht mehr infrage. Wie das mit der praktischen Umsetzung aussieht, steht freilich auf einem anderen Blatt.