Eine tödliche Verkettung mehrerer Ursachen

Eine tödliche Verkettung mehrerer Ursachen

Späte Genugtuung für eine ehemalige Schwesternschülerin: Das Verfahren gegen sie wegen fahrlässiger Tötung einer Patientin im Trierer Mutterhaus ist eingestellt worden - wegen geringer Schuld. Und weil die Klinik eine Mitschuld hat.

Trier. Den 26. Februar 2010 wird eine heute 21-jährige junge Frau wohl nie vergessen. An diesem Tag starb im Trierer Mutterhaus eine 91-jährige Patientin. Die damals 18 Jahre alte Eifelerin - zu dem Zeitpunkt Schwesternschülerin - wurde beschuldigt, den Tod der alten Dame verursacht zu haben.
Die 91-Jährige war gerade operiert worden, lag auf der Chirurgie-Station der Trierer Klinik. Die Frau musste beatmet werden. Damit der durch die Nase eingeführte Sauerstoff die Schleimhäute nicht angreift, wird er mit Wasser angereichert. Das befindet sich in einem 650 Milliliter fassenden Plastikbeutel. Dieser Aquapak wird an ein Anschlussstück mit einem Druckmesser gesetzt, das in einen sechseckigen Sauerstoffanschluss in der Wand geschraubt wird.
Doch an dem Freitag im Februar vor drei Jahren kam es im Zimmer der 91-Jährigen zu einem fatalen Fehler. Der Plastikbeutel, der sich vorher aus dem Anschluss gelöst hatte, wurde falsch wieder angeschlossen. Statt befeuchteter Sauerstoff floss Wasser durch einen Schlauch und eine Sonde in die Atemwege der frisch operierten Frau. Sie starb.
Zunächst blieb die Todesursache unklar. Da auf dem Totenschein "unnatürliche Todesursache" vermerkt worden war, nahm die Polizei die Ermittlungen auf. Die junge Frau, die kurz nach dem Vorfall ihre Ausbildung im Mutterhaus beenden musste, geriet ins Visier. Sie war die Letzte, die vor dem Tod der Frau bei ihr im Zimmer war. Die Klinik erstattete keine Anzeige gegen die ehemalige Schwesternschülerin. "Wir wissen nicht, wer es war", sagte der Justiziar der Klinik vor zwei Jahren unserer Zeitung zu dem tödlichen Fehler.
Die junge Frau wurde angeklagt. Obwohl sie die Vorwürfe bestritt, verurteilte das Bitburger Amtsgericht sie im November 2011 wegen fahrlässiger Tötung. Die Frau wurde verwarnt und musste eine Geldbuße von 800 Euro an eine wohltätige Organisation zahlen. Allerdings gab der Richter dem Mutterhaus eine Mitschuld an dem Geschehen. Es sei "skandalös", dass es aufgrund der veralteten Anschlüsse an den Wandapparaturen in den Krankenzimmern öfter vorgekommen sei, dass sich die Geräte von selbst aus der Wand lösten. Der Richter sprach von einer "skandalträchtigen Technik". Der Verteidiger der Frau ging gegen das Urteil in Berufung. Mit Erfolg. Das Trierer Landgericht hat nun das Verfahren gegen sie wegen geringer Schuld eingestellt. Ein vom Verteidiger beantragtes Gutachten kam zu dem Schluss, dass "eine Vielzahl zusammenwirkender Umstände für den Tod der Patientin ursächlich gewesen sein können". Allein das Einatmen von Wasser habe nicht zum Tod der Frau geführt.
Nach Auffassung des Gerichts wäre es "zu der tödlichen Verkettung mehrerer Ursachen" nicht gekommen, wenn die Wandanschlüsse für den Aquapak nicht defekt gewesen wären. Erst hierdurch sei ein Herausfallen aus der Wandhalterung möglich geworden, so der Vorsitzende Richter Albrecht Keimburg. "Das Fehlen einer Sperreinrichtung, die ein falsches Anbringen des Aquapaks verhindern würde, begünstigte zudem die Verkettung unglücklicher Umstände und ist ebenfalls nicht von der Angeklagten zu vertreten", heißt es in der Entscheidung.
Die Klinik hatte sich vor drei Jahren gegen die Vorwürfe gewehrt: Die Wandanschlüsse entsprächen europäischer Norm und seien nicht veraltet.

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