Eine überraschende Stimme von Jenseits

Eine überraschende Stimme von Jenseits

MAINZ. Eine Stimme bei der Ministerpräsidentenwahl sorgte für helle Freunde bei der SPD und hinterließ ratlose Gesichter bei der CDU. Mit 54 Ja-Voten lag die Zustimmung zu Kurt Beck um eins über der SPD-Messlatte.

Sichtlich angespannt verfolgte Kurt Beck das penible Auszählungsprozedere mit auffällig häufig wiederholter Wahlzettel-Kontrolle, während der neue Landtagspräsident Joachim Mertes seine Verwunderung über das lange Zählen von 101 Stimmen auch ausdrückte. Doch in der ihm eigenen lockeren Art konnte Mertes dann erleichtert feststellen: "Das Ergebnis muss ordentlich sein - und es ist ordentlich."Begeisterungsschrei und Ratlosigkeit

Von den 101 Stimmen bei der geheimen Wahl des Ministerpräsidenten in namentlicher Abstimmung entfielen 54 auf Beck. Was folgte war ein plötzlich strahlender wiedergewählter Regierungschef, ein kurzer Begeisterungsschrei bei einigen SPD-Abgeordneten - und Mienen in den Reihen der CDU, die Irritation widerspiegelten. Bei zehn von der FDP im Vorfeld angekündigten Enthaltungen hatte Beck eine Stimme über der eigenen Mehrheit erhalten - und alle Blicke richteten sich auf die Union. Für den SPD-Vormann gab es von seiner Fraktion einen mächtigen Strauß roter Rosen, an CDU-Fraktionschef Christian Baldauf dagegen viele Fragen. "Sie können davon ausgehen, dass ich es nicht war", versuchte es Baldauf betont gelassen zu nehmen. Auf die Suche nach einem offensichtlichen Abweichler in der Ablehnungsfront will er sich nicht machen. Acht Wochen nach einer "unschönen Niederlage" ist die CDU-Fraktion aus seiner Sicht noch im Aufbau und nicht gänzlich sortiert. Der Fraktionschef schließt nicht aus, dass ein mit der Postenverteilung in den eigenen Reihen Unzufriedener den Wahlzettel mit seinem Ja zu Beck zum Denkzettel für das eigene Lager machen wollte. Ein Beinbruch sei das alles dennoch nicht. Und erst recht kein Fehlstart in die neue Oppositionszeit, machte sich Baldauf selbst Mut. Spekulationen vom Eifeler CDU-Abgeordneten Michael Billen, ein Liberaler könnte aus alter Sympathie für Beck gestimmt und einer seiner Kollegen sich lediglich enthalten haben, rangen dem neuen FDP-Fraktionschef Herbert Mertin nur ein müdes Lächeln ab. Seine Fraktion habe sich - wie von vornherein beschlossen - enthalten. "Die FDP stand bombenfest", versicherte der bisherige Justizminister. Zur Eröffnung der 15. Wahlperiode des Landtags hatte Alterspräsident Werner Kuhn (FDP) seinen Kollegen noch einmal ins Stammbuch geschrieben, dass es um das Ansehen der Politiker nicht zum Besten steht. Zu oft würden unerfüllbare Hoffnung geweckt. Auf die Enttäuschung beim Bürger folge dann der Vertrauensverlust, sagte Kuhn. "Wir müssen offen sagen, was wir leisten können, aber auch genauso offen sagen, wo unsere Grenzen liegen", lautete seine Mahnung. Frischen Hunsrücker Wind will der einstimmig gewählte neue Landtagspräsident Joachim Mertes in den Landtag bringen. Im ökumenischen Gottesdienst unmittelbar vor der ersten Plenarsitzung betete er nach eigenen Angaben um göttlichen Beistand, auf dass ihm nur wenige Fehler in seinem neuen Amt unterlaufen sollten. "Einige dürfen es schon sein, man ist schließlich Mensch", fügte er unter den wohlwollenden Blicken des Mainzer Bischofs, Karl Kardinal Lehmann, auf der Zuschauertribüne hinzu. Man wolle im Landtag streiten, ohne Feinde zu werden, so sein Appell an die Fraktionen. Von ihm selbst dürfe Zurückhaltung in der politischen Auseinandersetzung erwartet werden, erklärte der bis dato scharfzüngige SPD-Fraktionschef mit einem verschmitztem Grinsen. Ausdrücklichen Dank zollte Mertes den nicht mehr im Parlament vertretenen Grünen. Die hätten den Landtag bereichert, auch wenn der Wähler nun anders entschieden habe. Zu Mertes Stellvertretern im Präsidentenamt wurden einstimmig Hannelore Klamm (SPD), Heinz Hermann Schnabel (CDU) und Hans Artur Bauckhage (FDP) gewählt.