"Einen Mord traue ich ihr nicht zu"

"Einen Mord traue ich ihr nicht zu"

GEROLSTEIN. Fassungslosigkeit herrscht in der Gerolsteiner Innenstadt über die Verhaftung der 79-jährigen Italienerin Rosa A.. Kein Nachbar traut der neunfachen Mutter eine Straftat zu. Ihr wird vorgeworfen, 1972 gemeinsam mit einem Geliebten ihren Ehemann umgebracht und auf einer Mülldeponie abgeladen zu haben.

Die etwa 1,55 Meter große und korpulente Seniorin gehört seit elf Jahren zum Bild der Gerolsteiner Innenstadt. Anwohner, Stammgäste und -kunden der Betriebe rund um den Rondellvorplatz kennen Rosa A. "Eine nette, liebe Oma mit dunklem Lockenkopf. Italienerin eben", beschreibt sie ein Ladenbesitzer. "Nein, einen Mord traue ich ihr nicht zu. Sie war immer sehr freundlich und zurückhaltend", meint ein unmittelbarer Nachbar fassungslos. Ein anderer sagt kopfschüttelnd: "Sie wirkte so harmlos." Die Nachricht von den Vorwürfen gegen die mutmaßliche Mörderin machte gestern schnell im Gerolsteiner "Flecken", wie die Brunnenstädter ihre Innenstadt nennen, die Runde. Von der Verhaftung, zu der Beamte der Mayener und Dauner Polizei am 1. August gemeinsam ausgerückt waren, hatten die Anwohner nichts bemerkt. Eine Nachbarin, die gegenüber wohnt, ist erst vorgestern aus dem Urlaub zurückgekommen. Sie erzählt: "Ich kann das nicht glauben. Wir haben uns morgens immer von Küchenfenster zu Küchenfenster gegrüßt und hin und wieder besucht." Die ältere Dame habe all die Jahre sehr zurückgezogen in Gerolstein gelebt und keine Seniorentreffen oder Veranstaltungen besucht. Die Italienerin habe sich zu sehr als Ausländerin gefühlt. Zwei ihrer sieben Töchter, die ebenfalls in Gerolstein leben, und einer ihrer zwei Söhne hätten sie häufig besucht. Ihren Alltag habe die 79-Jährige mit Hausarbeit oder vor dem Fernseher verbracht.Nur italienische Fernsehsendungen

Tageszeitungen oder Illustrierte habe sie nicht lesen können, da sie auch nach etwa 40 Jahren Aufenthalt in Deutschland kaum der deutschen Sprache mächtig gewesen sei. "Deshalb hat sie sich eine Satellitenschüssel an der Hauswand anbringen lassen, damit sie italienische Fernsehsender empfangen konnte", berichtet die Nachbarin. Und die Plaudereien auf der Straße seien auch meist in einem deutsch-italienischen Kauderwelsch geführt worden. Außen und innen sind auf den Fensterbänken der Etagenwohnungen ausschließlich Plastikblumen zu sehen. "Drinnen hat sie auch richtige Pflanzen. Die Einrichtung ist nicht kitschig", meint eine Anwohnerin. Ihr Vermieter erfährt erst vom TV von der Verhaftung vor gut zwei Wochen. Er sagt: "Sie war eine ruhige, unauffällige Mieterin, die ihre Wohnung immer tiptop in Ordnung hatte." Die Miete für die Etagenwohnung bezahlte nach Angaben des Vermieters seit dem 15. Juni 1995 das Sozialamt. Da zur Wohnung weder ein Balkon noch eine Terrasse gehören, war die Seniorin häufig auf den Ruhebänken in der Fußgängerzone anzutreffen. Bevorzugt saß sie am Brunnen auf dem Rondellvorplatz in der Sonne - nur wenige Meter von ihrer Haustür entfernt. Eine Nachbarin sagt: "Da sie ein Knieleiden hatte, war sie nicht gut zu Fuß. Sie ging höchstens mal bis zum Brunnenplatz unten am Ende der Fußgängerzone." Im Lauf des gestrigen Nachmittags erinnern sich die Gerolsteiner an einige Gespräche aus den Anfangsjahren. Da sei mal die Rede vom verstorbenen, mal vom vermissten Ehemann gewesen."In all den Jahren keinen Mann gesehen"

Ein Anwohner sagt rückblickend: "Eine der Töchter hat immer erzählt, dass sie ihren Vater lange gesucht hätten. Er wurde von ihr für alle negativen Situationen, die der Familie widerfuhren, verantwortlich gemacht." Eine Frau, die seit sieben Jahren im gegenüberliegenden Haus lebt, sagt: "Rosa hat zu mir immer gesagt, dass sie Witwe ist. Ich habe auch in all den Jahren keinen Mann bei ihr gesehen."

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