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Endlich wissen, was mit Opa passiert ist

Endlich wissen, was mit Opa passiert ist

Margit Schuh aus Kordel hat immer geahnt, was erst in diesem Frühjahr Gewissheit wurde: Ihr Großvater Johann Maes war 1941 nicht an Herzversagen gestorben, sondern wie Tausende Psychiatriepatienten während der Nazi-Zeit umgebracht worden. Am Sonntag nimmt die 72-Jährige wie weitere Angehörige von Nazi-Opfern an der Stolpersteinverlegung in Trier teil.

Kordel/Trier. Margit Schuh aus Kordel erinnert sich genau an die vielen Erzählungen ihrer Großmutter und Mutter über ihren Opa Johann Maes. Sie erzählten, dass er ein kinderlieber Mann war, der sein Dorf geliebt hat. Und da gab es die zeitlebens wachen Erinnerungen, als der 62-jährige Steinhauer wegen Arterienverkalkung ins Brüderkrankenhaus eingewiesen worden war. "Heute würde man sagen, er war in den Anfängen dement", sagt Margit Schuh.
1939 wurde Johann Maes in die Heilanstalt Andernach verlegt. Auch vom letzten Besuch ihrer Mutter und Oma dort weiß die Enkelin, die ihren Großvater nie selbst kennenlernen konnte: Er sei gut drauf gewesen, sei mit bis zum Ausgang gegangen, habe ihnen nachgewunken und sich darauf gefreut, bald nach Hause zu kommen. Doch Johann Maes kehrte nie wieder heim. Stattdessen kam die Todesnachricht, er sei an Herzversagen gestorben.
"Wir haben immer geahnt, dass die Wahrheit eine andere ist", sagt die 72-jährige. Der Verdacht, der Opa sei wie Tausende von Psychiatriepatienten während der Nazizeit umgebracht worden, wurde im Frühjahr dieses Jahres Gewissheit.
"Ich hatte mich so vor der Wahrheit gefürchtet", sagt Margit Schuh und bricht in Tränen aus. Die Fälschung der Sterbeurkunde hat sie aufbewahrt, damit das Schicksal der Euthanasie-Opfer auch in der Region Trier ans Licht kommt. Das ist den Recherchen des Eurener Heimatforschers Adolf Welter und des Trierer Historikers Thomas Schnitzler zu verdanken.Zwölf Biografien aufgearbeitet


Welter war einer der Ersten, der Schicksale von ermordeten Kranken in seinem Heimatort aufgedeckt hatte. Daraufhin begann auch der Trierer Historiker Thomas Schnitzler zu recherchieren. Zwölf der insgesamt 542 Biografien von Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen, die während der Nazi-Zeit im Brüderkrankenhaus behandelt, dann in Heilanstalten verlegt und in Tötungsanstalten wie Hadamar aufgrund des Rassenwahns der Nazis umgebracht wurden, hat Schnitzler jüngst aufgearbeitet. "Die kontaktierten Opferangehörigen haben alle geahnt, dass es Lügen um das Schicksal ihrer Vorfahren gab", sagt der Historiker. Darunter ist auch die Biografie des Kordelers Johannes Maes.
Am kommenden Sonntag werden im Gedenken an diese NS-Opfer zwölf Stolpersteine vor dem Brüderkrankenhaus verlegt (siehe Extra). Außerdem wird es eine Stolpersteinverlegung für den französischen Priester und Künstler Jean Daligault sowie für Katharina Millen geben.
Der Kulturverein Kürenz und die Arbeitsgemeinschaft (AG) Frieden haben das Projekt des Künstlers Gunter Demnig koordiniert. "Die Erinnerungsarbeit ist enorm wichtig, auch um heutigen Rechtsradikalen etwas entgegenzusetzen", sagt Markus Pflüger von der AG Frieden. "Ich bin froh, dass Impulse gesetzt werden und an die Leute wie meinen Opa gedacht wird", sagt Margit Schuh.
Weitere Informationen: www.agf-trier.de
Extra

Die Würdigungsfeier für die ermordeten Psychiatriepatienten beginnt am Sonntag, 18. November, um 14 Uhr im Albertus-Magnus-Saal des Brüderkrankenhauses. Anschließend ist die Verlegung der Stolpersteine in der Peter-Friedhofen-Straße. Um 12 Uhr wird der Gedenkstein für Katharina Millen in der Benediktinerstraße verlegt; für Jean Daligault um 13 Uhr vor dem Eingang Diözesanmuseum Bischof-Stein-Platz. Nach der Stolpersteinverlegung gibt es gegen 15.15 Uhr eine Gedenkaktion vor dem Evangelischen Elisabeth-Krankenhaus. Damit soll auf die Zwangssterilisation in der Nazi-Zeit aufmerksam gemacht werden. Zwei Schülergruppen des Max-Planck-Gymnasiums unter der Leitung der Lehrerin Gesche Klein-Menke werden dem Krankenhaus eine Liste der Opfer übergeben. Die Schüler haben sich auch mit der Opferbiografie von Johann Maes auseinandergesetzt. kat