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Erinnerungen an das Kriegsende in Gransdorf / Südeifel

Erinnerungen an das Kriegsende in Gransdorf / Südeifel

Walter Kremer, 79 Jahre alt, erinnert sich an das Kriegsende in Gransdorf (Eifelkreis Bitburg-Prüm)

2. Mai 1945: Plötzlich hatten wir das Haus voller deutscher Soldaten, aber vom Krieg keine Spur. Sie waren wohl auf dem Rückzug, aber alles war noch ruhig und friedlich. Hinter unserem Haus stand die Feldküche, aber es gab keinen Nachschub. Jeden Tag kochte Kurth leckere Grießmehlsuppe mit getrockneten Zwetschen drin. Für uns Kinder war das "gefundenes Fressen", während unsere "Haussoldaten" bei Mutter und Vater am Tische mitaßen. Etwa 50 Liter Magermilch besorgte man sich täglich aus der Molkerei Oberkail. Ich durfte auch mitfahren, was für mich als Neunjähriger etwas Besonderes war. Unterwegs schrie der Fahrer plötzlich, während er brutal stoppte: "Raus und in den Graben!" Ich verstand die Welt nicht mehr. Dann hörte ich Jabo-Geräusche über uns. Aber nichts passierte und wir fuhren weiter. Die Erklärung: Am Vortag wurde ein Wagen dieser Einheit von einem Jabo (Jagdbomber) im Tiefflug angegriffen und regelrecht durchsiebt. Dass es Tote gab, verriet man mir nicht.

Genau so schnell, wie unsere Soldaten gekommen waren, verschwanden sie bald auch wieder. Wahrscheinlich wurde es brenzlig und man zog sich eiligst zurück. Es blieb aber ruhig und wir gingen normal schlafen, bis wir mitten in der Nacht gegen 0:30 Uhr unsanft geweckt wurden. Im Nachbarhaus (Alte Schule) schlug die erste Granate ein, begleitet von grausigem Donnern und klirrenden Fensterscheiben, auch in unserem Haus. Dann Heulen und Zähneknirschen in der alten Schule. Dort war das Nachtlager der französischen Kriegsgefangenen, die tagsüber bei den Bauern in der Landwirtschaft aushalfen bzw. den Betrieb schmissen, während die deutschen Männer an der Front waren. Die Schlafstätte wurde nachts von Wachtposten betreut. Die Granate schlug ins Dach und die Decke kam zum Teil herunter, sodass es etliche Verletzte gab, aber keine Toten. Wir mussten nun sofort in den ungemütlichen Keller - für ein paar Tage - bis der Spuck vorbei war. In der Nacht schlugen noch einige US-Granaten ein, aber meist ins Wiesental. Man sagt, dass die Amis die Kirche als Mittelpunkt des Dorfes anvisierten. Weil sie aber am Ortsrand steht, hatten wir Glück.

Tagsüber gingen aber noch manche 21-er Granaten (wie ein Fachmann sie nannte) ins Dorf. Wir hatten allein 4 Treffer. Dann kamen die Amis - keinerlei Gegenwehr, denn unsere Soldaten waren ja längst über alle Berge. Wir blieben im Keller, während die Amis das Haus besetzten. Die im Schrank liegende Hakenkreuzfahne (in jedem Haus quasi Vorschrift) ließen sie mitgehen, wohlwollend lagen an der Stelle aber 2 Tafeln Schokolade für uns. Während wir im Keller auf den Kartoffeln lagen und die Mädchen im Vorraum spielten, hörte man plötzlich ein Rauschen. Vaters erster Gedanke: Das Viezfass, haben die Kinder den Hahn aufgedreht? Er sah nach , schmunzelte und sagte;"Dän loh Hohn schleßt sich von selver!" (Dieser Hahn schließt sich von selbst). Ursache: Ein Kind "musste mal"!

Genau so friedlich wie vorher die deutschen Soldaten war es nun mit den Amis. Besonders scharf waren sie auf frische Eier. Sobald ein Huhn gackerte, gingen sie in den Hühnerstall und warteten geduldig, bis das Ei kam. Waren mehrere dort, so ersetzte der Stahlhelm das Körbchen. Sie waren großzügig und schenkten uns Schokolade, Kaugummi und den Erwachsenen Zigaretten. Auch wenn wir ihre Sprache nicht verstanden - alles war okay!

Man rechnete schon, der Krieg sei für uns vorbei, als aus heiterem Himmel plötzlich doch noch ein "Werfer-Schuss" (6 Granaten auf einen Schlag) vom "deutschen Feind" auf unser Dorf einschlug. Der Hammer: Während alle Gransdorfer mit heiler Haut davonkamen, traf es außer den Franzosen in der alten Schule nun auch noch einen Amerikaner tödlich. Er stand an einem schweren Eichen-Scheunentor gegenüber unserem Haus, als die Granate dort ins Dach einschlug. Durch den Luftdruck wurde das Tor herausgerissen und begrub den Soldaten unter sich, der den schweren Kopfverletzungen erlag. Eine weitere Granate dieser "Werfer-Salve" schlug in unser Scheunendach ein, als unser Vater gerade dabei war, Heu für das Vieh zu holen. Er stand auf dem Heuboden und wurde durch den Luftdruck auf den Heuhaufen geschleudert, den er gerade gerupft hatte, was den Aufprall dämpfte. Er war dennoch geschockt und erzählte: "Es war die Hölle! Ein riesiger Feuerball unter Kanonendonner, dazu 1000 fliegende Funken und pfeifende Splitter um die Ohren. Dem Himmel sei Dank, denn es grenzt an ein Wunder, dass weder der Heuboden Feuer fing noch ich verletzt wurde!" Walter Kremer