Interview: „Es braucht keinen flächendeckenden Kahlschlag“

Interview : „Es braucht keinen flächendeckenden Kahlschlag“

Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft kritisiert die Bertelsmann-Studie scharf. Er meint: Ein Aus kleiner Kliniken würde die Gesundheitsversorgung massiv verschärfen.

Für den Fall, dass Pläne der Bertelsmann-Stiftung umgesetzt werden, sieht Gerald Gaß die gesamte medizinische Versorgung in Rheinland-Pfalz bedroht. Im Interview mit TV-Landeskorrespondent Florian Schlecht schildert der Wittlicher und Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft seine Bedenken.

Von 1400 Krankenhäusern sollen bundesweit nur 600 große Kliniken erhalten bleiben, fordert die Bertelsmann-Stiftung. Was halten Sie von dem Vorschlag?

GERALD GASS Wer fast 1000 Krankenhäuser plattmachen will, befürwortet einen sozialen Kahlschlag, der unverantwortlich wäre. Ein solches Konzept zerstört die soziale Infrastruktur in einem abenteuerlichen Ausmaß, ohne die medizinische Versorgung tatsächlich zu verbessern.

Wäre Rheinland-Pfalz als Bundesland mit wenigen großen Städten besonders stark von Schließungen betroffen?

GASS Das muss man vermuten, denn die Studie zielt ja darauf ab, insbesondere die kleineren Standorte zu schließen. Gehen wir davon aus, dass nach Bertelsmann gut zwei Drittel der Kliniken überflüssig sind, bleiben von rund 90 Krankenhäusern in Rheinland-Pfalz vielleicht noch 30 übrig. Wir als Krankenhaushausgesellschaft sagen zwar auch, dass man ausgewählte Standorte zu einem ambulanten Gesundheitszentrum entwickeln kann. Aber wenn wir 60 Krankenhäuser streichen, wäre das der völlig falsche Weg und ein fatales Signal für den ländlichen Raum. Unabhängig davon, ist es faktisch unmöglich, alle Betten von kleinen Häusern wirklich in vorhandene Großkliniken zu verlegen.

Viele kleine Kliniken schreiben rote Zahlen. Wofür braucht es sie überhaupt noch?

GASS Die Standorte erfüllen inzwischen wesentliche Aufgaben, die über die rein stationäre Behandlung und Aufnahme von Patienten weit hinausgehen. Praktisch an allen Kliniken gibt es eine ambulante Notfallversorgung, die Patienten rund um die Uhr aufsuchen können. Die Notarzt-Fahrzeuge, die durch Rheinland-Pfalz fahren, werden durch Krankenhaus-Ärzte bestückt. Auch diese Versorgung würde ausdünnen, Rettungsdienste wären deutlich länger zu Patienten unterwegs. Die ganze Struktur soll wegbrechen unter dem Deckmantel, die Krankenhausbehandlung angeblich zu verbessern? Das würde auch die Bevölkerung nicht akzeptieren.

Die Studie schreibt davon, dass es kleinen Kliniken an der nötigen Ausstattung fehlt, um Notfälle angemessen zu behandeln. Sind kleine Häuser anfälliger für schwere Fehler?

GASS Die Qualität der Häuser wurde in vielen Studien bestätigt. Natürlich gibt es Behandlungsfehler, das gilt aber für alle Häuser. Der Anteil ist niedrig: Der Medizinische Dienst der Krankenkassen hat im Jahr 2018 rund 10 000 Beauftragungen gehabt, wo Patienten angegeben haben, schlecht behandelt worden zu sein. In 2500 Fällen davon wurden Fehler bestätigt.

Und die Dunkelziffer? Nicht jeder Patient reklamiert angebliche Behandlungsfehler.

GASS Der MdK spricht von 30 weiteren unentdeckten Fehlern, die hinzukommen. Dann würden wir bei einer Zahl von 75 000 landen. Jeder Fall ist natürlich einer zu viel. Doch im Verhältnis zu 20 Millionen behandelten Patienten pro Jahr liegt der Anteil der Behandlungsfehler selbst dann nur bei rund 0,4 Prozent. 99,6 Prozent aller Patienten sind offensichtlich also ordentlich behandelt worden. Das flächendeckende Qualitätsproblem, das die Bertelsmann-Studie skizziert, ist damit nicht belegt.

Bertelsmann sagt auch, dass fünf Millionen Patienten gar nicht im Krankenhaus behandelt werden müssen. Haben die Häuser zu viele Betten?

GASS Bertelsmann meint, dass für viele Millionen Patienten eine ambulante Versorgung reicht. Ich sehe das anders und verweise da auf den Umstand langer Wartezeiten: Gerade im ländlichen Raum gibt es die Behandlungsmöglichkeiten oft gar nicht mehr. Viele Menschen finden keinen Arzt, der sie zeitnah behandeln kann oder ihnen einen schnellen Termin gibt. Haus- und Fachärzte auf dem Land sind bereits heute knapp. Bei Depressionen warten viele Patienten monatelang auf einen Termin beim Psychotherapeuten. Aufgrund der hohen Gefahr der Suizidalität suchen viele Patienten dann lieber ein Krankenhaus auf. Kliniken sind dann in der Behandlungspflicht. Das ist auch richtig so, so lange es an Alternativen fehlt.

Die Studie warnt auch, dass viele kleine Kliniken darunter leiden, kein Personal zu finden. Bluten manche Krankenhäuser nicht automatisch aus?

GASS Der Mangel an Fachkräften ist ein flächendeckendes Problem, in der Tat bereitet er kleinen Kliniken aber ein größeres Kopfzerbrechen. Diese Standorte decken oft nur ein eingeschränktes Spektrum ab und sind für bestimmte Berufsgruppen weniger attraktiv, die gerne in einem breiteren Feld arbeiten wollen. An dem Problem können wir mit klugen Konzepten aber etwas verändern: Kliniken können über Standorte hinweg zusammenarbeiten. Zwischen Meisenheim und Idar-Oberstein tauschen wir Mitarbeiter aus, haben einen größeren Personalpool und mehr Aufgabenvielfalt. Es macht auch keinen Sinn, in einer Stadt die großen, gleichen Abteilungen zu haben, die sich Fachpersonal streitig machen. Problematische Parallelstrukturen müssen wir durch eine bessere Kooperation der Krankenhausträger beseitigen. Und auch die Telemedizin bietet Chancen, eine gute Qualität an kleinere Standorte zu bringen.

Können Bund und Land die kleinen Kliniken noch retten?

GASS Auch Land und Kommunen wollen keine 60 Krankenhäuser schließen. Wir erwarten, dass die Landesregierung mit der Landeskrankenhausgesellschaft in die Analyse geht und sich vor Augen führt, wie die Versorgung in einzelnen Regionen ist und wer Funktionen eines Krankenhauses übernimmt, wenn dieses nicht mehr da ist. Dafür brauchen wir eine gründliche analytische Betrachtung. Sie sehen: Auch wir sehen Handlungsbedarf. Dafür braucht es aber keinen flächendeckenden Kahlschlag.

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