"Es ist die Stunde null für Deutschland. Ein Neuanfang"

"Es ist die Stunde null für Deutschland. Ein Neuanfang"

Erst Jahrzehnte nach der totalen Niederlage am Ende des Zweiten Weltkriegs begannen Deutsche, den 8. Mai 1945 als Befreiung zu empfinden. Ein Tag, den der Trierer Historiker Lutz Raphael als Zäsur bezeichnet. Haben sich Deutschland und Europa danach doch grundlegend verändert.

Das Ende. Der Anfang. Deutschland in der Stunde null. Da lagen Tote unter Trümmern, Häuser brannten, Soldaten flüchteten, die Verantwortlichen vergruben ihre Nazi-Orden und verschwanden, Frauen und Kinder lauschten ängstlich dem Geräusch der herannahenden Panzer. Was würde wohl werden aus ihnen und aus Deutschland? Nun, da die Niederlage besiegelt war.
Da wehten weiße Fahnen, amerikanische Soldaten befreiten Zwangsarbeiter, schenkten Kindern Schokolade und es keimte die Hoffnung, dass das Töten, die Angst vor den Bombenangriffen, die Angst um das Leben der Liebsten nun ein Ende haben könnte.
Zwar geschah all dies in der Region Trier schon ab Februar 1945. Doch besiegelt wurde Deutschlands Stunde null am 8. Mai mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht. Unsere Redakteurin Katharina Hammermann hat mit Lutz Raphael, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Uni Trier, über die Bedeutung gesprochen, die dieser Tag bis heute hat.

Herr Prof. Raphael, was macht den 8. Mai 1945 zu einem so außergewöhnlichen Tag?
Lutz Raphael: Mit ihrer Unterschrift besiegelten die Vertreter der geschlagenen Wehrmacht und des NS-Regimes ihre bedingungslose Kapitulation, die totale Niederlage Deutschlands. Das bedeutete, dass alle Macht auf die Besatzer überging. So etwas hatte es zuvor noch nie gegeben. Es ist die Stunde null für Deutschland. Ein Neuanfang.

Wie sah dieser Neuanfang, der in der Region Trier ja schon ab Februar begann, aus?
Raphael: Am Vormittag ließen die 150-prozentigen Nazis noch jene bestrafen, die weiße Fahnen hissen wollten. Am Nachmittag verbrannten sie ihre Uniformen und verschwanden. Dann hörte man die Panzer der Alliierten rollen. Soldaten wurden gefangen genommen, Amtsträger interniert, Instanzen abgesetzt. Man teilte der Bevölkerung mit, was sie zu tun und zu unterlassen hatte. Dann ernannte man lokale Verantwortliche, die Verwaltungsaufgaben übernahmen. Ich finde es überraschend, wie schnell das alles ging.

Haben die Deutschen den Tag, der heute als Tag der Befreiung gefeiert wird, überhaupt als befreiend empfunden?
Raphael: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass 1945 im Mai schon viele von Befreiung gesprochen haben. Klar, wer unterdrückt worden war, wer inhaftiert war, wer zwölf Jahre gewartet hat, dass endlich dieser Nazi-Spuk aufhört, der wird sich befreit gefühlt haben. Nur - das waren verdammt wenige. In der BRD hat sich erst seit der berühmten Weizsäcker-Rede von 1985 eingebürgert, von Befreiung zu sprechen.

Was haben die Menschen dann gefühlt, als die Panzer der Alliierten durch die Dörfer und Städte rollten?
Raphael: Ganz Unterschiedliches. Entlastung haben alle gespürt, die in den letzten Kriegsjahren nur noch Verlust und Angst erlebt haben. Vor allem die Frauen, die als Mütter, als Ehefrauen oder Schwestern mitbekamen: Unsere Männer gehen an die Front und sie kommen nicht wieder. Auch diejenigen, die die Bomben erlebt haben, werden ein Gefühl von banger Entlastung gespürt haben. Die, die politisch dachten und sich fragten, was wird nun aus Deutschland, hatten eher das Gefühl der Katastrophe. Untergang. Man konnte sich ja gar nicht vorstellen, dass die eigene nationale Existenz plötzlich nicht mehr da war. Das war ja mit dieser bedingungslosen Kapitulation verbunden.

Viele Menschen zeichnen in ihren Erinnerungen das Bild des freundlichen US-Soldaten, der deutschen Kindern Schokolade schenkt. Was ist da dran?
Raphael: Auch wenn es zu einem Erinnerungsklischee geworden ist, das viele so gar nicht persönlich erlebt haben: Am Bild des freundlichen Amerikaners ist trotzdem viel dran. Es gab zwar ein Fraternisierungsverbot, aber die US-Truppe hielt sich da oft nicht dran. Die Franzosen, die später die Region besetzten, waren im Vergleich dazu harsch. Wir produzieren auch viele falsche Erinnerungen, die sich aus Medienbildern und Erinnerungen anderer speisen und eine sehr enge Auswahl treffen. So erinnern sich viele an ihre Opferrolle im Bombenhagel. Davon jedoch, wie sehr die Gewalt auf deutschem Territorium kurz vor Kriegsende zunahm - von den Todesmärschen der KZ-Insassen, der Ermordung von Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern und den Übergriffen auf jene, die nicht mehr mitmachen wollten, ist nur selten die Rede.

Apropos Franzosen. Wegen der vielen Kasernen sind die Folgen des 8. Mai in der Region Trier bis heute allgegenwärtig. Was sind die wichtigsten politischen Auswirkungen dieses Tages?
Raphael: Der Tag ist im Weltmaßstab nach wie vor zentral. Nachhaltig haben sich die Völker in Europa danach von einem militärischen Wettbewerb um die Macht verabschiedet. Wir Deutschen haben seitdem eine Politik, in der wir ökonomische Stärke nicht mehr in militärische Stärke ummünzen. Da findet sich auch keine Bevölkerungsmehrheit für - denken Sie nur an die Frage: Wollt Ihr euch am Irakkrieg beteiligen? Es gibt einen pazifistischen Grundkonsens. Wir wissen, dass Frieden enorm wichtig ist.

Welche moralischen Folgen hatte das Geschehen?
Raphael: Eine langfristige Folge ist, dass man in aller Klarheit den Völkermord an den Juden gesehen hat. Erst die bedingungslose Kapitulation, erst diese radikale Form der Niederlage ermöglicht es, dass man sagte: Es gibt Verbrechen gegen die Menschlichkeit und die muss man ahnden. Sonst wurde nach Kriegen oft gesagt: Schwamm drüber. Das hat es danach nicht mehr gegeben. Völkermord und Staatsverbrechen wie systematische Folter werden nun geahndet. Ich bin davon überzeugt, dass der 8. Mai in der Hinsicht eine Zäsur darstellt.
Auf der folgenden Doppelseite lesen Sie, welche persönlichen Erinnerungen Menschen aus der Region mit dem Ende des Kriegs verbinden. Einfach umblättern.
Extra

Lutz Raphael. Foto: (g_pol3 )

Lutz Raphael (geboren 1955 in Essen) ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Trier. 2013 zeichnete die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ihn mit dem Leibniz-Preis aus - dem wohl begehrtesten Forschungspreis Deutschlands, da er "den Blick auf die jüngste Zeitgeschichte Europas maßgeblich verändert hat". kah

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